Premiere im E-Werk : Szenen einer Ehe

Yvan (Christoph Götz), Marc (Robert Höller) und Serge (Martin Brauer, v.l.)
Yvan (Christoph Götz), Marc (Robert Höller) und Serge (Martin Brauer, v.l.)

Yasmina Rezas Komödie „Kunst“ im E-Werk des Mecklenburgischen Staatstheaters

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18. Dezember 2017, 12:00 Uhr

Ja, was war das nun, was wir da erlebt haben am Sonnabend bei der Premiere von Yasmina Rezas viel gespielter Komödie „Kunst“ im E-Werk des Schweriner Theaters? Gesellschaftssatire, schwarzer Humor, Komik, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt, Witz, der mehr auf einen selbst zielt als auf die Figuren auf der Bühne? Wahrscheinlich von allem etwas und noch viel viel mehr.

Denn das kurze Stück der französischen Dramatikerin mit dem harmlosen Titel „Kunst“ wurde nach seiner Premiere 1994 nicht zum Welterfolg, weil sich in ihm drei alte Freunde über ein weißes Gemälde so in die Haare kriegen, dass die Fetzen fliegen. Das sicher auch. Vor Schadenfreude ist niemand gefeit.

Nein, Reza hat ein so kunstvolles Drama komponiert, die Worte so fein abgeschmeckt, bohrt so tief bis auf die Wurzeln des Unausgesprochenen, dass es eine Freude ist. Und zugleich todtraurig. „Etwas Humor? Ich sehe nicht, was daran lustig ist. Etwas Humor, du machst mir Spaß.“ Nur ein Beispiel, wie kunstvoll Yasmina Reza mit Sprache umgeht. In Schwerin war ihre besondere Art von Theater in den vergangenen Jahren bereits in „Der Gott des Gemetzels“ und „Drei Mal Leben“ zu erleben. ń

Für „Kunst“ nun, diesen Jahrmarkt der verletzten Gefühle, der Eitelkeiten und Bosheiten, all der verdrängten Sehnsüchte und uneingestandenen Lebenslügen hat Luisa Pahlke eine nüchtern helle Bühne entworfen mit drei, vier Säulen. Ein Loft vielleicht, ein modernes Appartement, nichts soll ablenken von diesem Krieg der Worte, diesen Scharmützeln und Verletzungen und Wunden, mit denen sich die drei alten Freunde bis tief in die Seele quälen. Schauspieldirektor Martin Nimz setzt in seiner Regie ganz auf den Text – keine inszenatorischen Mätzchen, fast alles nur Sprache und Wortgefecht. Und drei Protagonisten auf der Höhe ihrer Schauspielkunst.

Serge, in Martin Brauers Spiel anfangs ein selbstgefälliger, scheinbar in sich ruhender, unterkühlter Snob, dem intellektuelle Dünkel aus jeder Falte seines teuren Anzugs kriechen, lässt diese Maske mehr und mehr fallen, wenn er seinem Freund Marc vorwirft, das weiße Gemälde niederzumachen, eigentlich aber ihn selbst zu meinen.

Marc (Robert Höller), immer wie ein Vulkan vor dem Ausbruch, cholerisch, hochempfindlich, ist Serges intellektueller Widerpart, stolz auf seine Unabhängigkeit, sein Verweigern gesellschaftlicher Moden, seine Rolle als Außenseiter. Vielleicht mit einer uneingestandenen homoerotischen Sehnsucht.

Yvan (Christoph Götz) schließlich, der traurige Clown, der Verlierer und Opportunist, der typische kleine Mann, versucht zwischen den beiden anderen Freunden zu lavieren, windet sich in den wechselnden Allianzen wie er sich im Leben und in eine ungeliebte Ehe zu verlaufen droht. Am Ende schneit es über dem verunstalteten weißen Gemälde. Dass diese symbiotische Freundschaft dauern könnte, in der so viele eiskalte, verletzende Wahrheiten ausgesprochen wurden wie in einer verlorenen Liebe, ist schwer zu glauben. Denn auch zu heilsamem Humor, den alle drei immer wieder einfordern, konnte sich niemand durchringen. Immerhin hat sich das Premierenpublikum prächtig amüsiert, wie auch der lange und stürmische Beifall bewies.

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