TV-Duell zur Bundestahswahl : Szenen einer alten Ehe?

Das einzige TV-Duell zwischen Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) vor der Bundestagswahl 2017 wurde gemeinsam vom Ersten, RTL, SAT.1 und ZDF übertragen.
Das einzige TV-Duell zwischen Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) vor der Bundestagswahl 2017 wurde gemeinsam vom Ersten, RTL, SAT.1 und ZDF übertragen.

Türkei, Flüchtlingspolitik, Diesel, Rente: Wo haben Merkel und Schulz gepunktet? Das TV-Duell im Inhalts-Check.

svz.de von
04. September 2017, 21:00 Uhr

Selbst bei der Union herrscht Überraschung, dass Kanzlerin Angela Merkel das TV-Duell gegen SPD-Herausforderer Martin Schulz in den Augen der meisten Zuschauer gewonnen hat. Wer hat beim großen Showdown vor Millionenpublikum wirklich die meisten Akzente gesetzt, die besseren Argumente geliefert? Von der Türkei bis zur Rente – der Direktvergleich zu den wichtigsten Themen des Schlagabtauschs:

Türkei

Mit der Ankündigung, er werde als Kanzler auf den Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen pochen, überrumpelte Schulz die Kanzlerin. Er vollzog damit auch eine Kehrtwende der SPD, Außenminister Sigmar Gabriel war bislang nicht so weit gegangen. Mit der Volte suchte Schulz von der weit verbreiteten Türkei-kritischen Haltung der Bevölkerung zu profitieren. Damit sorgte er für Aufsehen, ließ aber Zweifel an seiner außenpolitischen Verlässlichkeit aufkommen. Die Kanzlerin schwenkte plötzlich ein, erklärte, auch sie werde sich nun im Kreis der EU für den Verhandlungsabbruch einsetzen. Hier wirkte Merkel wenig staatsmännisch und eher wie eine Getriebene. Fazit: Riskanter Überraschungscoup für den Herausforderer.

Flüchtlingspolitik

Schulz wirft der Kanzlerin vor, die östlichen EU-Partner im Sommer 2015 nicht in ihre Entscheidung einbezogen zu haben, Flüchtlinge aufzunehmen und damit deren mangelnde Solidarität bei der Flüchtlingsaufnahme mitverschuldet zu haben. Eine offene Flanke, aber Merkel kontert mit Verweis auf die dramatische Situation damals: „Es gibt Momente im Leben einer Bundeskanzlerin, da müssen Sie entscheiden!“ Gleichwohl räumt sie ein, sie habe die Lage in den Flüchtlingslagern in der Türkei und den syrischen Nachbarländern nicht ausreichend im Blick gehabt. Überzeugende Antworten zur Eindämmung der Flüchtlingsproblematik bleiben beide schuldig. Fazit: Schulz kann mit Kritik an der Flüchtlingspolitik nicht wirklich punkten, hat die SPD doch die Entscheidungen der Kanzlerin mitgetragen. Ein Unentschieden.

Soziale Gerechtigkeit

Bei seinem Kernthema wird Schulz präziser, legt dar, wie er Familien entlasten will. Allerdings macht er keine konkreten Vorschläge, wie er für mehr Jobs und Gerechtigkeit sorgen will. Merkel belässt es bei der pauschalen Ankündigung von 15 Milliarden Euro Steuerentlastungen und verweist auf die Halbierung der Zahl der Arbeitslosen gegenüber 2005. Dass dafür die Agenda 2010 von SPD-Kanzler Gerhard Schröder verantwortlich gemacht wird, kann Schulz wegen seiner früheren Kritik an der Agenda-Politik nicht aufgreifen. Fazit: Vertane Chance für den Herausforderer.

Rente

Bei der Rente trotzt Schulz der Kanzlerin das Versprechen ab, am Eintrittsalter von 67 Jahren nicht zu rütteln. „À la bonne heure“, pflichtet er ihr ironischen Beifall, unterstellt ihr aber zugleich, die Absage an eine Rente mit 70 nicht einzuhalten. Damit fährt der Herausforderer nur einen Pyrrhus-Sieg ein. Die Rente mit 70 ist zwar ein Schreckgespenst, aber keine Position der Union. Fazit: Der Versuch, die Kanzlerin aufs Glatteis zu führen, scheitert. Allerdings hat sich die Kanzlerin in der Frage nun eingemauert.

Diesel

Auch beim Aufreger-Thema Nummer eins geriet die Kanzlerin in Bedrängnis. Ihr Versprechen, geschädigte Verbraucher würden zu ihrem Recht kommen, war eine Steilvorlage für Schulz: Genüsslich rieb er der Regierungschefin unter die Nase, dass sich die Union bislang gegen die Einführung von Sammelklagen gestemmt hatte, die Verbrauchern leichter zu ihrem Recht verhelfen können. Dass die Kanzlerin plötzlich auf Schulz‘ Drängen einging, rasches Handeln ankündigte, wirkte wenig glaubwürdig. Allerdings rieb sich Schulz mit Attacken gegen die Maut auf, anstelle in der Diesel-Krise gezielter Druck auf Merkel und ihren Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) zu machen. Dass er stattdessen „hochbezahlte Manager“ attackierte, hilft Diesel-Fahrern wenig. Fazit: Vorteil Schulz, aber kein Treffer.

Koalition

Klare Ansage von Merkel, eine Koalition mit der AfD werde es mit ihr nicht geben. Schulz druckst herum, will Rot-Rot-Grün keine eindeutige Absage erteilen, hält ebenso die Tür zur Neuauflage der Großen Koalition offen. Einzige Festlegung: Er will auch bei einer Niederlage SPD-Chef bleiben. Fazit: Merkel erwischt Schulz hier an der Achillesferse. Für welche Regierung der Kanzlerkandidat einsteht, bleibt beim Wähler völlig offen.

Auftreten

Auch der routinierten Kanzlerin war die Anspannung anzusehen. Mit geschürzten Lippen brachte sie häufig ihre Unzufriedenheit mit Fragen oder Schulz‘ Antworten zum Ausdruck. Mit Verlauf des Duells löste sich ihre Mimik, zeigte sie ein Lächeln und strahlte Souveränität aus. Schulz wirkte nervöser, blickte angestrengt. Über weite Strecken war der Herausforderer aber der dominantere Duellant. Sein Schlusswort verpatzte er dann. Fazit: Die Kanzlerin spielte ihre Erfahrung aus, Schulz gelang der Spagat zwischen Wadenbeißer und souveränem Herausforderer nicht immer.

Weltmeister Kroos: „Es lebe Angie!!“
Fußball-Weltmeister Toni Kroos hat mit einem klaren Bekenntnis zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Diskussionen im Internet ausgelöst. „Es lebe Angie!!“, twitterte der 27-jährige Mittelfeldspieler nach der Übertragung des TV-Duells zwischen der Kanzlerin und Herausforderer Martin Schulz (SPD). Sein politisches Bekenntnis passte nicht jedem. „Diesen Tweet nenne ich mal ,Fehlpass’“, schrieb ein Nutzer. Ein anderer textete: „Könnt ich kotzen wenn Sportler so ein Bekenntnis twittern.“ Kroos antwortete trocken: „Mach doch.“ Andere Nutzer sahen in dem Tweet des Fußballers kein Problem: „Nennt sich Meinungsfreiheit“, schrieb einer. Erst vor wenigen Tagen hatte auch Ex-Nationalspieler Arne Friedrich die Kanzlerin bei Twitter unterstützt.
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