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Modemacher : Swinging Sixties im Kleiderschrank

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Mehr als ein halbes Jahrhundert später schicken uns Modemacher auf eine Zeitreise zurück in die 60er-Jahre

Nie zuvor waren Best Ager so vital, modebewusst und erlebnishungrig wie heute. Es scheint sich ein Kreis zu schließen, wenn Designer Großmamas Lebensgefühl wieder aufgreifen. Rock’n’Roll, Jukeboxen und Frauenidole mit revolutionärem Charakter erschütterten die Welt, während die Getränke geschüttelt wurden. Die Jugendkultur der 60er-Jahre war in all ihren Ausdrucksformen – Mode, Musik und Film – von Provokation geprägt. Die Hippie-Kultur ließ nicht nur die Haare wachsen, sondern auch eine politische Haltung, die sich gegen das Establishment richtete. Alles sollte anders werden. Dieses Freiheitsgefühl wurde vor allem von Musikern transportiert, die zu den größten Künstlern der Welt werden sollten, wie den Rolling Stones, Jimi Hendrix, den Beatles oder Led Zeppelin. Auch modisch ging es darum, um jeden Preis anders zu sein.

Diesen Spirit wollen die Modehäuser für das kommende Jahr vom Laufsteg auf die Straße bringen – möglicherweise ist das unserer rationalisierten Lebenform geschuldet. Nicht jeder wird den Retro-Stil lieben und die meisten werden den Look kaum von Kopf bis Fuß tragen. Vielmehr werden sie mit einzelnen Teilen ihrem Kleiderschrank eine revitalisierende Kur verordnen.

Einige typische Teile, wie z. B. der Egg-Shape-Mantel, haben bereits unsere Garderobe unterwandert. Kein Wunder, der eiförmige Schnitt schmeichelt jeder Figur. Ultrakurze Minis werden es da schwerer haben, die Büros der Chefetagen zu erklimmen. Das war bei unseren Müttern und Großmüttern schon mal anders.

Keine Angst, nicht jedes Bein muss gezeigt werden, der Rocksaum rutscht nicht nur nach oben. Auch Midi und Maxi sind wieder angesagt. Die Kleider werden von der A-Linie dominiert, teilweise aus Spitze oder gehäkelt, können sie durchaus Kollateralschäden an den Hüften weichzeichnen. Die klassisch-feminine Ästhetik wird durch technisierte Häkelstoffe, Zipper oder Ripsbänder gebrochen. Am Abend trägt man unbedingt die uni-farbene Variante. Denim-Kleider werden durch dekorative Details, wie Lochstickereien glamourös, Schnürungen geben ihnen eine sportliche Note. Grafisch gemusterte Röcke, auch aus Leder, folgen der klaren Shift-Silhouette ebenso, wie Hemdblusenkleider mit Abnähern an der Taille. Für Romantiker auch mit Rüschen besetzt. Die Mini-Länge umspielt sanft die Beine – unverzichtbar dazu sind kniehohe Stiefel, nicht mehr im Andrea-Berg-Stil, sondern mit leicht abgerundeter Karree-Spitze, die flach ausläuft. In das Schuhregal kommt endlich Bewegung: Die neuen Treter präsentieren sich mit eher flachem Blockabsatz, gerne in schwarzem oder weißem Lack, Wildleder oder Python und erlauben Frau einen starken Auftritt ohne Stöckel-Partie.
Noch eine gute Nachricht: Das Lauftraining kann eingestellt werden, denn in der kommenden Saison machen Schlaghose und Bügelfalte ein schlankes Bein. Für die tiefsitzenden Hosen mit weit geschnittenem Bein aus Denim, Baumwolle oder Velourleder ist der Rollkragenpullover ein ultimativer Styling-Partner. In nicht ganz so guter Erinnerung dürfte der Damenwelt die weite, dreiviertellange Hose sein, deren Silhouette der eines Rockes gleicht. Die sogenannte Culotte kann für burschikose Frauen interessant sein, sie können ihre Weiblichkeit unterstreichen, ohne dabei auf die Vorzüge einer Hose verzichten zu müssen – kann aber nicht jede tragen. Alternativ ist der Midirock wieder im Mode-Olymp angekommen.

Wie Tiffy aus der Sesamstraße trägt man jetzt die Teddyjacke bunt gefärbt zu zarten, bedruckten Kleidern. Man kann sie nur lieben oder hassen. Dafür bringt die Military-Jacke mit opulenten Verzierungen (Posamenten, Goldknöpfen, Ornamenten), wie sie Jimi Hendrix getragen hat, Glamour in den Alltag.

Runde Sonnenbrillen und Halstücher verleihen die Grazie einer Jackie O. Und Catherine Denueve hat uns bereits 1966 gezeigt, wie man die etwas eingestaubte, kastige Henkeltasche stilsicher handhabt. Unbedingtes Haben-muss ist der Schlapphut, wie ihn Brigitte Bardot getragen hat.

Farbcode der Sixties sind die Pastelltöne. Mit knalligem Orange und auffallenden grafischen Mustern wird Frau jedoch auch Mut abverlangt. Wer den nicht aufbringt, kann alternativ auf Farbkombinationen wie Nachtblau und Braun oder Denim und Camel zurückgreifen.

Auch in der Männermode waren die Ikonen, an denen man sich orientierte, wild und dekadent – mehr Keith Richards als Udo Jürgens. Alles was Mann für ein Sixties-Rivival benötigt: Westen nach Art von Jimi Hendrix, Ponchos im Look von Eric Clapton, enge Lederhosen wie damals bei Brian Jones oder mit Jim-Morrison-typischer Schnürung, Halstücher im Stil von The Herd oder Jimi-Hendrix-Fransenjacke und dazu Samthemden. An den Füßen trägt er Boots aus Python-Leder, wie sie Keith Richards nie ausgezogen hat, oder abgerockte Motorradstiefel. Es sind Kreationen mit fast persiflierender Wirkung und dennoch ist die Mode vergangener Tage neu abgemischt auch tragbar.

Der Business-Look mutet ein bisschen so an, als wäre Großpapa aus dem Hochzeitsfoto von 1961 gefallen. Anzüge haben eine schmale Silhouette, etwa wie bei David Bowie. Elegant und klassisch schmal geschnittene Revers, ebenso die Hosenbeine.

Pullover aus hochwertiger und fein gestrickter Wolle werden in die Hose gesteckt! Der Rundhals-Ausschnitt verdeckt die Kragenspitzen des Hemdes. Schuhtechnisch werden noble Klassiker, wie der feine Budapester, in Szene gesetzt. Extradicke Sohlen sorgen für ein starkes Profil auf der Zeitreise zurück in die Sechziger.

Der gute alte Mantel gibt jetzt richtig Stoff. Er kommt in Fischgrat oder Tweed im XL-Format richtig groß raus. Leger kombiniert legt er sein Spießer-Image ab. Den Parka trugen vor 50 Jahren rebellische britische Hipster auf dem Motorroller, nun ist der Liam-Gallagher-Parka universell einsetzbar und Limousinen-tauglich.

So weit, so Sixties, so retro, aber leider sind die neuen Stücke nicht so typisch 60er-Jahre, als dass man Großmamas Schrank plündern könnte. Vintage-Teile hinterlassen ganz schnell einen eingestaubten, biederen Beigeschmack.

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