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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 21:45 Uhr

Suppenkasper auf dem Königsweg

vom

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erstellt am 13.Feb.2013 | 10:38 Uhr

Fasten macht satt. Geradezu pappensatt. Und zwar schon, bevor es überhaupt losgeht. "Fasten? Fastenwandern? Was soll das denn?" Mitfühlende Seitenblicke, gern auch hämische Kommentare oder watteverpacktes Süßholz. "Hast du das denn nötig?" Wer vollen Kühlschränken, Tellern und Töpfen den Rücken kehren will, macht sich zuallererst verdächtig. Körper und Geist zu verwöhnen, bedeutet gemeinhin vor allem eines - Zufuhr. Creme von außen, Sahne von innen. Aber hatte nicht die Natur Zeiten des Mangels eingeplant? Ist es nicht purer Zufall, dass sie in Westeuropa längst keine Rolle mehr spielen? In allen Weltreligionen sind Fastenzeiten und Reinigungsrituale vorgesehen. Jahr für Jahr erinnern hierzulande die Fastenaktionen der Kirche ab Aschermittwoch daran: Verzicht kann bereichern.

Wer sich anschickt zu fasten, sollte seine Pläne dennoch besser verschweigen oder das Echo verkraften, das sie hervorrufen. Da rein. Da raus. Das wird das Hauptthema bleiben für die bevorstehende Woche, eine Woche Fastenwandern auf der Nordseeinsel Sylt. Auf der Suche nach den Stichworten "Fasten" und "Wandern" und dem gewünschten Datum hat das Internet eine Adresse geliefert - das Fastenhaus Werner in Westerland. Es wurde 2002 als erstes reines Fastenhaus in Deutschland gegründet, heißt es bei der Begrüßung. Die Werners arbeiten nach der Methode Buchinger. Dr. Otto Buchinger hatte sich 1919 durch Fasten und gezielte Bewegung von schwerem Gelenkrheuma geheilt und seine Erkenntnisse zum "Königsweg der Heilkunst" zusammengefasst. Heute betreiben Buchingers Nachfahren in mittlerweile dritter Generation im niedersächischen Bad Pyrmont eine Fastenklinik. Zwei bis drei Liter Säfte, dünne Brühen und Tees - täglich maximal 250 Kalorien - spülen den Körper durch und regen ihn an, sich seiner Depots zu erinnern. Damit er auf Speck statt Muskeln zurückgreift, steht Bewegung im Programm. Auf Sylt heißt das: Wandern bei jedem Wetter.

Im Fastenhaus am südlichen Rand von Westerland sitzen an diesem Sonnabend im Februar knapp 20 Frauen und drei Männer an den vier großen Holztischen. Vorstellungsrunde im Gruppenraum: Birgit, die Biobäuerin, will entgiften. Sabine, eine Gärtnerin, ein paar Kilos loswerden. Alexandra, Journalistin in Berlin, neue Energie tanken. Seit sechs Jahren fastet sie einmal jährlich und sagt: "Erkältungen kenne ich seitdem nicht mehr."

Gesundheit ist ein Stichwort für Heilpraktikerin Heide. Sie betreut die Gruppe in dieser Woche. Bei Stoffwechselstörungen, Arthrosen, Rheuma sowie Haut- und Darmproblemen sei Buchingers Heilfasten hilfreich, erklärt sie. Überdies gelte es als gute Prophylaxe gegen Darmkrebs und als geeigneter Anlass, eingeschliffene Essgewohnheiten kritisch zu betrachten. Nicht fasten sollten hingegen Menschen, die unter Leber- und Nierenschäden, schweren Depressionen, Psychosen, Herzerkrankungen oder Diabetes leiden. Auch Schwangerschaft und Stillzeit kommen nicht in Betracht. Im Zweifelsfall weiß der Hausarzt Rat.

Heilpraktikerin Heide weist auf die Sinnsprüche an den Wänden hin. Manche wirken ein bisschen wie eine Drohung. "Je dünner der Tee, desto besser kann er den Körper reinigen." Wer beim Fasten weder Sinnsuche noch Erkenntnisgewinn anstrebt, kann es einfach als großen Frühjahrsputz für den Körper begreifen.

Womit sich das heikle Thema Reinigung nicht länger umschiffen lässt: Damit der Körper den Schalter von Zufuhr auf Ausfuhr umlegen kann, braucht er etwas Hilfe. Der Verdauungstrakt muss geleert und weitgehend stillgelegt werden. Von oben funktioniert das über Trünke mit abführendem Bitter- oder Glaubersalz, von unten über selbstverabreichte Einläufe (was schlimmer klingt, als es am Ende ist). Auf Wunsch kommt eine Darmwäsche hinzu. Das Ergebnis ist stets dasselbe und gleichermaßen furcht erregend: Der Bodensatz in der körperlichen Müllbeseitungsanlage wird hinausbefördert. Heilpraktikerin Heide erläutert einen Nebeneffekt: Der Darm bindet rund ein Drittel der Energie im Körper. Wird sie nicht gebraucht, kann sie sich anderswo entladen - als Stütze fürs Immunsystem, als Geistesblitz oder als Fasten-Euphorie.

In den ersten zwei Tagen sind in der Gruppe hier und da Klagen zu hören: wacklige Beine am Morgen, Kopf- oder Gelenkschmerzen, Müdigkeit. Manche träumen mehr als üblich, die meisten frieren schneller, wenige spüren keine Veränderungen. Heide beruhigt: alles normale Begleiterscheinungen des Hausputzes und spätestens ab Tag 3 vergessen. Sie behält Recht. Die Tage verfliegen. Morgengymnastik. Ein frisch gepresster Saft per Löffel in kleinsten Dosen. Vier Stunden Wandern mit Teepausen. Eine Einkehr zum Nachtanken. Nachmittags ein Stückchen Pampelmuse zum Aussaugen, Sauna, Massagen, Ausruhen. Punkt 18 Uhr eine dünne Gemüsebrühe. Ab Wochenmitte werden alle fröhlicher, wandern schneller und reagieren gelassener, wenn es an den vielen Schlemmer-Hochburgen der Insel Sylt vorbei geht. Vor der Abreise am Sonnabendmorgen gibt es einen Apfel und eine halbe Möhre für das Fastenbrechen. Manche verschlingen beides im Stück, andere lassen es noch zwei, drei Tage liegen. Fasten fühlt sich gut an. Dem Apfel-Genuss folgen die Aufbautage, die Magen und Co. durch gezielte Fütterungen wieder auf Tour bringen. Nach einer Woche Flüssignahrung macht alles andere erstaunlich schnell satt.

Eine Woche auf Buchingers "Königsweg" wirkt wie drei Wochen Erholung, hatten sie im Fastenhaus Werner versprochen. Übertrieben ist das nicht. Der Alltag kann kommen, einschließlich der Kommentare und Seitenblicke. Soll der Kollege im Büro nur aus dem "Suppenkasper" zitieren: "Am vierten Tage endlich gar, der Kaspar wie ein Fädchen war. Er wog vielleicht ein halbes Lot - und war am fünften Tage tot." Der Suppenkasper in den Aufbautagen weiß es besser. Er reißt ein Bäumchen aus und winkt damit zurück.

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