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Der Fipronil-Skandal : Supermärkte nehmen Eier aus dem Regal

vom
Aus der Onlineredaktion

Läusegift in Millionen Freiland-Eiern und die Rufe nach Konsequenzen

Heute trommelt Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) Experten von Bund und Ländern zur Krisenkonferenz am Telefon zusammen. „Der Verbraucherschutz muss ganz nach vorn gestellt werden“, geht er in die Offensive, will die Bürgerinnen und Bürger beruhigen, kündigt harte Kontrollen und Transparenz an. Fipronil-Skandal in Deutschland, Millionen Eier sind mit dem Läusemittel belastet, das für Kinder gefährlich sein kann. Erst NRW und Niedersachsen, gestern dann Hamburg, Bremen, Hessen, Bayern… die Liste der betroffenen Bundesländer wird stündlich länger.

Und nicht nur niederländische Produzenten sind mit einem fipronilhaltigen Reinigungsmittel beliefert worden, auch vier deutsche Betriebe haben es eingesetzt und womöglich belastete Eier verkauft. Betrug, Schlamperei, ein Versagen der Behörden? Der Skandal erreicht die politische Bühne.

Es könne nicht sein, dass Landwirtschaftsminister Schmidt „tagelang in der Versenkung verschwindet, während die Verbraucher verunsichert sind“, sagte Grünen-Bundestagsfraktionschefin Katrin Göring-Eckardt gestern in Gespräch mit unserer Berliner Redaktion, moniert, dass sich der CSU-Politiker erst gestern zu Wort meldet. Das sei viel zu spät. „Ein Ernährungsminister, der die Bürger nicht informiert und schützt, hat seinen Beruf verfehlt“, so Göring-Eckardt weiter.

Betroffen waren zunächst Eier von Legehennen in Freilandhaltung. Gift ausgerechnet in Bioprodukten, das beim Verzehr großer Mengen für Kinder gefährlich werden kann – das Vertrauen der Verbraucher wird erschüttert. Göring-Eckardt sagt: „Der Skandal ist kein Skandal der Biohaltung. Vielmehr haben Reinigungsmittelhersteller aus Belgien und womöglich auch den Niederlanden mit Insektiziden gepanscht.“ Den Eierproduzenten seien Mittel verkauft worden, „die laut Etikett zugelassen waren und angeblich aus rein ätherischen Ölen bestehen sollten. Betroffen sind auch nicht nur Bioeier – sondern ebenso Eier aus der Boden- und Freilandhaltung. Die Verantwortlichen für diese Pantschereien müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, fordert die Grünen-Politikerin. Die Supermärkte haben inzwischen reagiert, alle Eier der betroffenen Betriebe aus den Regalen genommen.

Eier-Code Nummer 13 steht für MV

Vorerst Entwarnung in MV: Im Nordosten sind bislang noch keine Lieferungen von mit Fipronil belasteten Eiern gemeldet worden, teilte das Landwirtschaftsministerium gestern mit. Seit 2004 müssen in der EU produzierte Eier mit einem Code gekennzeichnet sein. Für die meisten Verbraucher am wichtigsten ist für gewöhnlich gleich die erste Zahl, die über die Haltung der Legehennen Auskunft gibt. 3 steht für Eier aus Käfighaltung, 2 für Bodenhaltung, 1 für Freilandhaltung und 0 für ökologisch erzeugte Eier. Es folgen zwei Buchstaben für das Herkunftsland (DE steht für Deutschland, NL für Niederlande) und eine mehrstellige Betriebs- und Stallnummer. Die ersten beiden Ziffern der Nummer weisen auf das Bundesland hin, aus dem das Ei kommt. Für Mecklenburg-Vorpommern steht die Nummer 13, für Brandenburg die Nummer 12.

Die Behörden in den Niederlanden und Belgien, von wo aus das fipronilhaltige Reinigungsmittel DEGA 16 auch nach Deutschland geliefert worden sein soll, haben Ermittlungen aufgenommen. Eier von rund hundert niederländischen Betrieben, die das Mittel bei der Reinigung der Hühnerställe eingesetzt haben, waren nach Deutschland gelangt, landeten auf Frühstückstischen, in Omeletts und Kuchen.

Was passiert beim Verzehr? Für Erwachsene bestehe kein Risiko, so das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Die festgestellten Fipronil-Dosen seinen unbedenklich. Der Gehalt des Mittels in den besonders belasteten belgischen Eiern liegt indes über der so genannten Referenzdosis für Kinder. Haut- und Augenreizungen wären bei einer Vergiftung möglich, Übelkeit, Erbrechen und Kopfschmerzen können auftreten. Anhand der Stempel-Nummern (siehe Hintergrund) kann man selbst überprüfen, ob Eier im Kühlschrank mit dem Insektizid Fipronil belastet sind. Alle Prüfnummern findet man auf dem Internet-Portal www.lebensmittelwarnung.de. Übrigens: Fipronil wird nicht abgebaut, wenn die Eier gekocht oder gebacken werden. Das heißt, dass Lebensmittel, in denen belastete Eier stecken, etwa Mayonnaise, prinzipiell genauso viel Fipronil enthalten wie die verarbeiteten Eier selbst.

Kann man überhaupt noch bedenkenlos Eier kaufen und essen? Die EU-Kommission bemüht sich gestern um Beschwichtigung, gibt bereits Entwarnung: „Die Höfe sind identifiziert, die Eier geblockt, verseuchte Eier sind vom Markt genommen und die Situation ist unter Kontrolle“, sagt eine Sprecherin der Brüsseler Behörde. Eine weitere Sprecherin sichert zu: „Sie können also unbeschadet Eier essen, hoffentlich.“ 

Kommentar "Zu spät reagiert" von Tobias Schmidt

Entwarnung aus Brüssel: Alle verseuchten Eier sind vom Markt genommen, ab jetzt kann wieder bedenkenlos jedes Frühstücksei verzehrt werden, heißt es. Doch der Fipronil-Skandal wird den Verbrauchern noch eine Weile schwer im Magen liegen. Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt sah tagelang zu, wie sich der Skandal und die Verunsicherung der Bürger ausbreiteten, präsentierte sich erst gestern als entschlossener Krisenmanager. Zu spät!

Auch wenn die Lebensmittelüberwachung Ländersache ist: Ein früheres Signal von höchster Stelle, dass wirklich alles zum Schutz der Bevölkerung und zur Eindämmung der Verseuchung getan wird, hätte viel Unruhe ersparen können. Einheitliche Handlungsempfehlungen von Bund und Ländern waren auch diesmal Fehlanzeige.

Jetzt gilt es, die Schuldigen für diesen Skandal, die das Gift beimischten, dingfest zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen. Und es muss verhindert werden, dass die in Deutschland besonders betroffenen Bio-Produzenten in Verdacht geraten, die Regeln und Auflagen zu umgehen.  Die tiefere Ursache des Skandals liegt gerade in einem auf Massenproduktion angelegten Erzeugersystem.




 

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