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Tag der deutschen sprache : Super-Gau mit Nahkampfsocke

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Non-Profit-Freelancer, C-Wurst oder Arschfax: ein Querschnitt durch den Wortdschungel zum Tag der deutschen Sprache.

Er ist nicht mehr sehr beliebt, der gute alte „Nachtportier“. Vielleicht gibt es ihn bald gar nicht mehr. Immer öfter wird er verdrängt vom angesagten „Night-Manager“. Untergang des Abendlandes? Wieder einmal? Naja, nicht wirklich, denn auch der „Nachtportier“ kommt ja ursprünglich nicht aus Deutschland, zumindest sprachlich nicht. Der „Portier“ wurde im 18. Jahrhundert aus dem Französischen übernommen und basiert seinerseits auf dem lateinischen Wort „porta“ für Stadt-Tor.

Während in früheren Zeiten gerne Wörter aus der französischen Sprache oder aus dem Lateinischen übernommen wurden, so ist zur Zeit vor allem das Englische sprachlicher Vorreiter – die Globalisierung lässt grüßen. Künftig werden wohl auch mehr indische und chinesische Begriffe in unserer Sprache auftauchen, denn mit dem rasanten wirtschaftlichen Wachstum dieser Länder wächst auch ihr Einfluss in sprachlicher und kultureller Hinsicht. Das hat sogar schon begonnen: „Tank“ (Wasserbehälter), „Shampoo“ (drücken, massieren) und „Bungalow“ (Flachbau) entstammen ursprünglich indischen Sprachen, und „Ketchup“ (Fischsoße, Tunke), „Taifun“ (großer Wind, Tai Wind) und „Tee“ (Tee) chinesischen.

Im Moment aber müssen wir erst noch einmal kräftig englisch lernen, um unsere neudeutsche Sprache verstehen zu können. In Stellenanzeigen werden zunehmend „Sales-Manager“ (Verkäufer), „Human-Resource-Manager“ (Personalchefs) und „Callcenter-Agents“ (Telefonberater) gesucht. Im „Advertising“ (Werbung) geht anscheinend nichts mehr ohne „support“ (Kundenbetreuung), „Servicepoint“ (Auskunft), „last minute“ (letzte Minute) und Co..


Schönreden durch Anglizismen


Natürlich könnte man das alles auch in althergebrachtem Deutsch sagen, aber mit dem Englischen lässt sich so einiges geschickt verbergen: „outsourcing“ hört sich doch viel besser an, als „auslagern“ und wer denkt schon beim englischen „prepaid“ daran, dass hier etwas „bezahlt“ werden soll? Das Schönreden funktioniert natürlich auch mit bekannten deutschen Wörtern, die wir inzwischen so lieb gewonnen haben, dass wir den Betrug gar nicht mal mehr bemerken, wie beim „Kunstleder“ (Plastik) und der „Doppelhaushälfte“ (Zweifamilienhaus).

Das Problem, das sich für professionelle Wortakrobaten aus Werbung, Politik und Medien beim Verwenden deutscher Wortbestandteile aber ergibt, ist, dass die einzelnen Bedeutungen allgemein bekannt und verständlich sind. Manchmal stellen die Leser aber Verbindungen her, die der Wort-Erfinder so gar nicht bedacht und beabsichtigt hat. Anders ausgedrückt: Die ganze Geschichte kann ihnen auch ordentlich um die Ohren fliegen, wie einige Neuschöpfungen der jüngeren Zeit zeigen: „Überalterung“ (wer ist schon gerne zu alt?), „Leistungsträger“ (und was machen alle anderen?) und der „Jobagent“ (bespitzelt vom Detektiv der Agentur für Arbeit?).

Zumindest Zweifel wecken gleich auf Anhieb „Rückbau“ (Abbau, Entlassungen), „schwarze Null“ (kein Gewinn), und „naturidentisch“ (aus dem Labor). Bleibt noch das simple Umdeuten ursprünglich positiv besetzter Ausdrücke, aber auch das hat so seine Tücken, wird es doch oft schneller durchschaut, als es den Machern lieb ist: „Bürokratieabbau“, „Eigenverantwortung“ und „Arbeitskräfte freisetzen“ kommen heute nicht wirklich gut an. Manchmal wird das Ganze auch derart übertrieben, dass einfach nur noch Sprachmüll herauskommt: Wann genau ist eigentlich „zeitnah“, was ist „zielführend“ und warum braucht man eine „Gegenfinanzierung“? Während der „dreiköpfige Familienvater“ noch lustig ist, ist das Sprachgefühl den Schöpfern der „ethnischen Nische“ (Ghetto, Slum) und des „Kollateralschadens“ (auch getötete Zivilisten) wohl vollkommen abhanden gekommen.


Hauptsache die Wirkung stimmt


Es ist ja aber auch nicht einfach immer wieder treffende politisch korrekte Begriffe für alte oder neue Probleme zu finden. Was macht ein Anbieter von „Delikatessen“, wenn die Pommes-Bude nebenan plötzlich ihre „C-Wurst“ (Currywurst) zum „Gourmet-Schmaus“ aufwertet? Ein echtes Dilemma. Also wird an den Wörtern herumgeschraubt, bis keiner mehr so richtig weiß, worum es eigentlich geht. Der „Super-Gau“ ist ein solches – bedeutet Gau doch schon größter anzunehmender Unfall.

Sinn, Syntax, Beugung? Alles egal, Hauptsache die Wirkung stimmt. Da verwundert es auch nicht sonderlich, dass einige beherzte Zeitgenossen sich so ihre Sorgen um den Erhalt der deutschen Sprache machen. Ludwig Fürst von Anhalt-Köthen schritt 1617 zur Tat und gründete die erste deutsche Sprachgesellschaft. Viele sollten folgen bis zum heutigen Tag, wo u.a. die Gesellschaft für deutsche Sprache in Wiesbaden und der Verein Deutsche Sprache in Dortmund von sich Reden machen. „Angesichts der über uns hereinbrechenden Flut von Anglizismen ist es legitim, sich vor allem um die deutsche Sprache zu kümmern, sie zu verteidigen und sie zu schützen“, sagt Dr. Gerd Schrammen vom Verein Deutsche Sprache.

Seit dem 17. Jahrhundert konnte der eine oder andere Versuch das Deutsche von verhunzenden Einflüssen rein zu halten, sich nicht wirklich durchsetzen, wie die Ersatz-Vorschläge für „Nase“ (Gesichtserker) und „Fieber“ (Zitterweh) zeigen. Andere Begriffe, wie „Nachwort“ für „Epilog“ oder „letzter Wille“ für „Testament“ hatten da schon mehr Erfolg. Inwieweit das Deutsche nun durch Sprachverhunzung und Anglizismen bedroht ist, in dieser Frage gehen die Meinungen naturgemäß auseinander. Überraschend gut kommt die deutsche Muttersprache in jüngerer Zeit übrigens bei der Jugend an. Liedtexte werden oft in deutsch abgefasst und auch im täglichen Umgang mit der deutschen Sprache sind die „Kids“ durchaus kreativ.

Da wird das „Präservativ“ zur „Nahkampfsocke“, die „Discothek“ zur „Zappelbude“ und „das oben aus der Hose herausschauende Pflegeetikett der Unterhose“ zum „Arschfax“. Anstelle von „Prügeln“ gibt es „ein Faustbrötchen zu fressen“ oder auch „Fratzengeballer“. Das mag man nun alles gut oder schlecht finden, unterm Strich bleibt aber die berechtigte Hoffnung, dass es auch in Zukunft neben dem „Non-Profit-Freelancer“ (Arbeitsloser) auch noch das gute alte „Backpfeifengesicht“ geben wird. Na, wenn das mal keine Aussichten sind.

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