Beginn der fünften Jahreszeit : Suff, Sexismus, schale Scherze?

Viele Karnevalfans sind mit dem ausgelassenen Treiben aufgewachsen.
Viele Karnevalfans sind mit dem ausgelassenen Treiben aufgewachsen.

Die Karnevalssession hat begonnen – für die einen die schönste Jahreszeit, für andere der blanke Horror. Auch in MV wurde kräftig gefeiert.

svz.de von
11. November 2015, 21:00 Uhr

Es gibt wieder diese Bilder, es gibt sie jedes Jahr: Menschen stehen etwas fröstelnd auf irgendeinem Rathausplatz, tragen ein Bienen-, Matrosen- oder Krankenschwesterkostüm und genehmigen sich schon vormittags ein Schlückchen. Mit dem 11. November beginnt die Karnevalssession. Für Karnevalisten ist es eine Art Feiertag, bei anderen reichen die Gefühle von Unverständnis bis Fremdschämen. Hier sind ihre Argumente, formuliert in vier Thesen – und Antworten der Karnevalisten darauf:

 

These: Karneval ist vom Kalender verordnete Lustigkeit. Ich lasse mir nicht vorschreiben, wann ich fröhlich sein soll! Hermann Schmitz, der 1993 „Prinz Karneval“ in Düsseldorf war, hält die Gegenrede: „Für mich ist nach Aschermittwoch vor Aschermittwoch. Ich bin überhaupt nicht auf irgendeinen Tag festgelegt.“ Es gehe bei den „Jecken“ doch eher um eine Lebenseinstellung. Marlies Stockhorst, Präsidentin des Festausschusses des Bonner Karnevals, verweist darauf, dass der Zeitpunkt der Feier nun einmal mit dem Kirchenjahr zusammenhänge. Sie beschwichtigt die Karnevalsskeptiker: „Wir wollen keinen missionieren.“

 

These: Karneval ist nur ein großer Vorwand, um sich hemmungslos zu betrinken. „Ich kann aus Erfahrung sagen, dass Karneval sich mit wenig oder keinem Alkohol auch gut feiern lässt – besonders der Straßenkarneval“, entgegnet Victoria Riccio, die in Köln eine Sitzung mitgegründet hat, die multikulturell den Blick von Zugezogenen aufgreift. Das Alkohol-Problem sei ja kein anderes als bei anderen Großveranstaltungen auch, meint die Bonner Karnevalistin Stockhorst. „Das Problem kann der Karneval nicht lösen.“ Und man sei in der Präventionsarbeit aktiv.

 

These: Karneval bedient dumpfe Stereotype. Frauen verkleiden sich als „sexy“ Krankenschwester, Männer tragen Uniform. Dazu äußert sich erneut Stockhorst: „Im Karneval wird das Seelenleben eines jeden Menschen bedient. Mal der zu sein, den man sich insgeheim schon immer wünschte.“

 

These: Es weiß doch sowieso keiner mehr, warum man Karneval feiert. Das ist nur noch ein „Event“ unter vielen. „Das sehe ich mal ganz anders“, sagt der Düsseldorfer Ex-Prinz Schmitz. Aber er gibt zu: Ihn ärgere es auch, dass der Karneval immer kommerzieller werde. Dennoch: „Jeck“ zu sein, sei nicht an ein irgendwie geartetes Event gebunden. Die Kölnerin Riccio springt ihm bei: „Es gibt viele Menschen, für die Karneval und ,Brauchtum‘ eine große Bedeutung hat – oft seit der Kindheit.“ Marlies Stockhorst gibt sich derweil versöhnlich: „Leeve und leeve losse.“ Übersetzt: „Leben und leben lassen.“

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