Wildschweine in MV : Suche nach Leckerbissen

Eine Bache geht nahe der Kurpromenade im Seebad Heringsdorf mit ihrem Nachwuchs unerschrocken auf Urlauber zu.
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Eine Bache geht nahe der Kurpromenade im Seebad Heringsdorf mit ihrem Nachwuchs unerschrocken auf Urlauber zu.

Wildschweine zerstören Küsten- und Hochwasserschutzdeiche, Parks oder Fußballstadien

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26. November 2017, 21:00 Uhr

Wildschweine werden auf der Suche nach Leckerbissen immer dreister. Aber während einzelne Tiere, die auf Strandpromenaden spazieren gehen und Parks oder Sportplätze umwühlen, Schlagzeilen bekommen, gefährden andere von der Öffentlichkeit unbemerkt Küsten- und Hochwasserschutzdeiche. „Damit wird die Schutzfunktion dieser Anlagen im wahrsten Sinne des Wortes untergraben“, sagte Stefan Bös, beim Staatlichen Amt für Landwirtschaft und Umwelt (Stalu) Vorpommern zuständig für Küstenschutz. Wie er hofft auch der Abteilungsleiter für Naturschutz, Wasser und Boden im Stalu Westmecklenburg, Frank Müller, dass die Abschussprämien für Wildschweine die Jäger motivieren, mehr Schwarzkittel zu schießen. 25 Euro zahlt das Land von Dezember an für ein erlegtes Wildschwein – nicht mehr als eine Aufwandsentschädigung.

MV unterhält nach Angaben des Umweltministeriums 190 Kilometer Binnendeiche an Elbe, Löcknitz, Sude, Nebel und Peene sowie 220 Kilometer Küstenschutzdeiche. „Probleme mit Wildschweinen gibt es an vielen Deichabschnitten“, sagte eine Ministeriumssprecherin. Besonders dort, wo die Deiche an Wälder und unbebaute Flächen grenzen, wie bei Tarnewitz, Markgrafenheide, Zingst und auf Hiddensee, fühlten sich die Schweine sicher.

„Neu angelegte Deiche bleiben in den ersten drei Jahren verschont, doch sobald sich eine Bodenfauna aus Regenwürmern, Larven oder Insekten entwickelt hat, werden die Deiche für die Wildschweine sehr attraktiv“, sagte Bös. „Wildschweine sind im Winterhalbjahr auf tierische Eiweiße angewiesen“, erläuterte der Wildtierbiologe Hinrich Zoller von der Universität Rostock. „Regenwürmer sind auf gut gepflegten Rasenflächen besonders gut zu finden.“

Die Schäden an den Deichböschungen sind nach Ministeriumsangaben zum Teil erheblich, die Schadenshöhe sei aber nicht erfasst worden. Der Leiter des Stalu Vorpommern, Matthias Wolters, rechnet die Kosten hoch und kommt auf 60 000 bis 100 000 Euro pro Jahr für die Reparatur der Küstenschutzdeiche in Vorpommern. Müller beziffert die Reparaturen an den 150 Kilometer Binnendeichen in Westmecklenburg auf mehr als 10 000 Euro pro Jahr.

Um Schäden an den Deichen zu verhindern, experimentieren die Behörden mit unterschiedlichsten Methoden: Granulate mit unangenehmen Duftstoffen oder Drahtgeflechte unter der Grasnarbe waren nur wenige Tage erfolgreich, wie Müller sagte. Mehr bringen demnach Betongitterplatten wie an der Küste bei Tarnewitz. Sie seien aber nicht überall einsetzbar, weil zu teuer. Wichtig sei es, die Deiche oft zu kontrollieren. „Aber wir haben keine Deichgrafen mehr“, bedauerte er.

Auch in Markgrafenheide wird in jedem Herbst an rund 1,5 Kilometern Küstenschutzdeich ein Elektrozaun aufgebaut, wie der Biologe Zoller sagte. Er hat es geschafft, Markgrafenheide schwarzwildfrei zu bekommen und zu halten. In einem Projekt der Uni Rostock besenderte er Wildschweine und wandte Methoden an, die in der Jägerschaft umstritten sind, wie der rigorose Abschuss von Leitbachen. Das von Jägern praktizierte Schonen der Leitbachen, um das Sozialgefüge in den Rotten nicht zu zerstören, habe auch nichts gebracht, sagte Zoller.

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