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Meteorologenschatz : Sturmfluten nehmen nicht zu

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Bisher von Meteorologen ignorierter Datenschatz aus dem Keller / Wettertagebücher der Signalstationen für nicht so wichtig gehalten

Es war eine ungewöhnlich schwere Sturmflut, die zu Silvester 1913 die Ostseeküste Usedoms heimsuchte. Die sogenannten Sturmsignalisten, die an markanten Punkten der Küste die Seeleute vor der Naturgewalt warnten, verrichteten gleichwohl eisern ihren Dienst. Sie hissten an ihren Signalstationen den „Ball“ und notierten ihre Beobachtungen häufiger als sonst: Windstärke 12 Beaufort, Schneetreiben, Wassertemperatur drei Grad.

Ihre Aufzeichnungen schickten sie per Postkarte oder Telegramm an die Deutsche Seewarte nach Hamburg, wo sie in große Folianten übertragen wurden. Diese landeten bald im Kellerarchiv. Nach gut hundert Jahren hat die Meteorologin Dörte Röhrbein den Datenschatz gehoben und wertet ihn für ihre Doktorarbeit über die Sturmhäufigkeit an der deutschen Küste aus.

Meteorologen haben zwei Möglichkeiten, die Windgeschwindigkeit zu ermitteln: Man kann sie einerseits aus dem Luftdruck errechnen, was aber nur für den Wind in großer Höhe gilt. Die Windgeschwindigkeit am Boden wird damit nicht genau bestimmt. Messungen sind technisch kompliziert, weshalb es verlässliche Daten erst seit etwa 60 Jahren gibt, erläutert der Meteorologe Birger Tinz, der die Doktorarbeit von Röhrbein betreut.

Die Wettertagebücher der Signalstationen wurden im Amt lange Zeit für nicht so wichtig gehalten. „Das ist alles nur Beaufort“, hieß es abfällig. Die Signalisten schätzten den Wind nämlich einfach aufgrund ihrer Erfahrung ein. Da sie aus maritimen Berufen kamen, oft Hafenmeister oder Leuchtturmwärter, kannten sie sich mit dem für die Seefahrt so wichtigen Element aber gut aus. Ein Blick auf die Wellen oder die sich biegenden Äste genügte ihnen, Windstärke und Windrichtung zu bestimmen, wie Tinz erklärt. Jetzt hat Röhrbein, die am Exzellenzcluster für Klimaforschung an der Universität Hamburg (Clisap) promoviert, die Eintragungen der Signalisten mit verlässlichen Daten aus regulären Wetterstationen und Wetterkarten der kaiserlichen Marine verglichen. Ergebnis: Die Daten passen gut zusammen. „Die haben nicht irgendwelchen Mist aufgeschrieben“, sagt Tinz voller Respekt für die Tätigkeit der damaligen Zuarbeiter der Deutschen Seewarte. Die Messwerte von 70 Signalstationen zwischen dem heutigen Dänemark und Litauen kann Röhrbein für die Beschreibung der Sturmflut von 1913 und ähnlicher Ereignisse nutzen– zehnmal so viele Daten wie bisher. Nicht in den Daten steht, was die Sturmflut anrichtete. Die Küste von Usedom habe damals schweren Schaden genommen, in Ückeritz stürzten Häuser ein, sagt Röhrbein. Der Nordost-Sturm drückte das Wasser über die Deiche bis ins Achterwasser. Der Pegel an der Greifswalder Oie zeigte 1,80 Meter über dem normalen Wasserstand. Es war die zweitschwerste Flut in dem Küstenbereich seit Beginn der Aufzeichnungen. Nur die von 1872 war schlimmer. Noch sind längst nicht alle Daten aus den in Sütterlin-Schrift verfassten Tagebüchern der Signalstationen digitalisiert. Noch ein Jahr könnte die aufwendige Arbeit dauern. Röhrbein hat aber schon eine Hypothese für ihre Doktorarbeit: „Die Stürme haben nicht zugenommen“, so die 28-Jährige. Dafür spreche auch, dass die schwersten Sturmfluten gleich am Anfang der Aufzeichnungen, 1872 und 1913, stehen, erläutert Tinz. Nur die leichten Sturmfluten treten seitdem häufiger auf.

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