Strompreisexplosion an der Skipiste

<strong>Die Sonne macht den Winter:</strong> In der Skihalle Wittenburg soll eine Solaranlage ein Drittel des Stroms liefern.
Die Sonne macht den Winter: In der Skihalle Wittenburg soll eine Solaranlage ein Drittel des Stroms liefern.

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19. März 2013, 07:32 Uhr

Wittenburg | Bob van den Nieuwenhuijzen lässt an seinem Konzept nicht kritteln: Eine Skihalle im Flachland, eine künstliche Schneewelt 365 Tage im Jahr geöffnet, - "langfristig ist die Halle erfolgreich und lässt sich rentabel betreiben", ist sich der Chef des Alpincenters in Wittenburg sicher. 120 000 Besucher zähle er inzwischen jährlich auf der Skipiste an der Autobahn 24, bestimmt 500 000 dürften es insgesamt sein, die das Schneeparadies mit Hotel, Gaststätten, Indoorspielplatz und Kart-Bahn besuchen, meint er. Seit das holländische Touristikunternehmen Van der Valk die künstliche Winterwelt 2010 übernommen habe "sind wir auf einem guten Weg", meint der Manager. "Die Anlage hat Zukunft."

Der Snow-Dome im nur 100 Kilometer entfernten Bispingen, südlich von Hamburg nicht mehr: Die Krise in Deutschlands Skihallen hat ihr nächstes Opfer. Nach knapp sieben Jahren schließt der erst 2006 für 35 Millionen Euro an die Autobahn 7 gestellte Snow-Dome nach Ostern, die Zukunft ist ungewiss. Ständig steigende Energiekosten, begrenztes Besucherinteresse: "Wir haben in den sechseinhalb Betriebsjahren keinen Gewinn gemacht, bestenfalls eine rote Null. Das liegt vor allem auch an den hohen Energiekosten", begründete Jakob Falkner, Chef des Snow-Dome Betreibers Bergbahnen Sölden GmbH Anfang März den Radikalschnitt. Dann habe sich auch noch herausgestellt, dass aufwendige Sanierungsarbeiten anstünden. Betroffen sind 137 feste Mitarbeiter sowie 100 Saisonkräfte. Vorteil für Wittenburg: Sollte Bispingen dauerhaft schließen, könne Wittenburg "den einen oder anderen Pistenbesucher mehr erwarten", hofft Van-der-Valk-Sprecher Volker Wünsche.

Doch die Probleme gleichen sich: "Ein energetischer Sündenfall", meint Thomas Beyerle, Marktanalyst der börsennotierten Immobiliengesellschaft IVG Immobilien AG in Bonn - wie die anderen fünf Hallen in Deutschland auch. Bispingen und Wittenburg: Von Anfang an war der Bau der beiden Skihallen umstritten. Zwei künstliche Schneewelten, nur gerade eine Stunde Fahrzeit auseinander, in strukturschwachen Regionen, die beide auf Ski-Fans aus Hamburg hoffen: Beim Verband Hamburger Skivereine machten sich schon vor Jahren Zweifel breit, ob sich eine, geschweige denn zwei Ski-Anlagen halten könnten, meinte Vizepräsident Henning Rohlf schon 2008: "Ski gehört in die Berge." Gebaut wurden beide Hallen trotzdem.

Mit Spätfolgen: "365 Tage Dauerbetrieb statt vier Monaten Wintersaison - das entspricht bei sechseinhalb Jahren einem Verschleiß für die Technik von mehr als 19 Wintern", hat Snow-Dome-Sprecherin Leonie Stolz ausgerechnet. "Und wie es unter der Schicht von Schnee und Eis aussieht, weiß auch keiner, das ist ein Problem solcher Anlagen." Vor allem aber die Energiekosten belasten die Hallen-Betreiber. "Die Stromkosten sind der größte Kostenfaktor", bestätigt Anja Friedrich vom Snowtropolis in Senftenberg. Skipisten alleine wären nicht rentabel zu betreiben, "denn der Energiebedarf der Anlagen ist mit etwa fünf Millionen Kilowattstunden pro Jahr sehr hoch. Er entspricht dem Verbrauch sechs großer Schwimmbäder", urteilte Marktexperte Beyerle schon Mitte der 2000er-Jahre.

Kostendruck an der Abfahrt: In Wittenburg fielen ein Drittel aller Energiekosten an der Piste an, rechnet Hallenchef van den Nieuwenhuijzen vor. Das geht in die Millionen. Van der Valk drückt an allen Ecken am Lichtschalter: Ein besseres Energiemanagement habe in den vergangenen drei Jahren den Stromverbrauch um ein Viertel reduziert, meint Nieuwenhuijzen. Jetzt holt sich Van der Valk auch noch die Sonne aufs Dach - 30 000 Quadratmeter Modulfläche. Die Solartechnik soll künftig in der Skihalle Wittenburg ein Drittel des Energiebedarfs decken. In Kürze werde die Anlage voll in Betrieb gehen, erklärt Van-der-Valk-Sprecher Wünsche. Das lohnt: Bei der ebenfalls zu Van der Valk gehörenden Ski-Halle in Bottrop decke die Solaranlage bereits 40 Prozent des Energiebedarfs, rechnet Wünsche vor. Mehr noch: Mittlerweile denke man auch über den Bau einer Windkraftanlage oder anderer alternativer Energieanlagen nach, um die Stromkosten in den Griff zu bekommen, erklärt Hallen-Chef Nieuwenhuijzen.

Der Druck bleibt: Mit einem Skihallen-Konzept sind in Deutschland inzwischen schon mehrere Betreiber auf die Nase gefallen: Senftenberg, Wittenburg, Bottrop - Millionen wurden im Frostboden versenkt. Senftenberg geriet 2010 vorübergehend in finanzielle Schwierigkeiten. Die 2003 eröffnete Piste rutschte 2010 in die Pleite - zahlungsunfähig. Bottrop schrammte mit geschätzten Schulden von 20 Millionen Euro nur knapp an der Pleite vorbei und konnte sich nur durch den Einstieg der holländischen Van-der Valk-Gruppe retten - wie die Skihalle in Wittenburg. Die war 2006 vom Hamburger Investor Hans-Gerd Hanel, für 75 Millionen Euro in die mecklenburgische Ebene geklotzt worden und musste nach nur zwei Jahren Betrieb Insolvenz anmelden - Gästemangel, explodierende Energiekosten. Erst nach dem Einstieg von Van der Valk stabilisiert sich die Winterwelt allmählich.

Zweifel bleiben: Skihallen, wie sie in den 2000er-Jahren entstanden, hätten heute keine Chance mehr, meint Marktanalyst Beyerle: "Die Zeit ist vorbei." In Zeiten der Billigflieger und eines geänderten Freizeitverhaltens würden Skifahrer lieber gleich in die Alpen fliegen. Skipisten alleine seien nicht rentabel zu betreiben, es fehle die wirtschaftliche Basis: "So hoch kann man die Eintrittspreise gar nicht anheben", meint Beyerle. Van der Valk reagiert: Man halte an den Plänen fest, den Standort zu erweitern, sagte Unternehmenssprecher Wünsche. Wittenburg-Village mit Ferienhäusern, Schwimmbad, einem Outlet-Center: "Die Vorbereitungen laufen", sagt Wünsche. Aus dem Freizeitpark für Tages ausflügler solle ein Urlaubsstandort werden, an dem sich Touristen mehrere Tage aufhalten können.

Künstlicher Schnee, künstlicher Bedarf: Standortschließungen wie in Bispingen, für Beyerle war die Entwicklung absehbar. Die Skihallen seien seinerzeit ein "Produkt gewesen, um strukturschwache Regionen zu stärken und Arbeitsplätze zu schaffen", sagt der Marktanalyst: "Da gab es viele Visionen", nur außerhalb der Metropolregionen sei weitgehend ohne einen Markt für derartige Freizeitvergnügen kalkuliert worden, dafür aber mit jeder Menge Staatsgeld. Allein 17 Millionen Euro legte der Steuerzahler in die Unternehmenskasse in Wittenburg. Es wird mehr: Die öffentliche Hand kommt selbst jetzt noch für die Spätfolgen auf. Noch einmal eine Million Euro Beihilfe kassierte Van der Valk 2012 für den Bau der acht Millionen Euro teuren Solaranlage auf dem Dach der Skihalle. Ein einmaliger Vorgang, wetterte selbst die Vereinigung der Unternehmensverbände. Das kann nicht sein, hagelte es Kritik von den Grünen im Schweriner Landtag, sie witterten verdeckte Subventionen und Betriebskostenzuschüsse. Skihallen im Flachland - Umweltsünder und Energieverschwender oder tragbares Konzept? "Das ist schwer abzugrenzen", meint Grünen-Abgeordneter Johann-Georg Jaeger. Angesichts der vielen Ski-Fahrer, die mit dem Auto vom Norden in den Süden in die Schneegebiete im Süden fahren, könne eine Skihalle vorteilhaft sein. Nur sei es zweifelhaft, wenn mit Steuergeldern "das Hobby der Leute bezahlt" und die öffentliche Hand weiter Geld in die Skihallen pumpe.

Die Bedenken stören in Niedersachsen kaum: Dort denkt die Landesregierung auch im Fall Bispingen darüber nach, trotz der mäßigen Marktchancen der Skihalle Steuermillionen für den Bau einer Solaranlage hinterherzuwerfen.

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