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Landgericht Schwerin spricht Unternehmer schuldig : Strafe nach Jagdunfall bestätigt

vom

Seit gut vier Jahren lebt der Jäger Thomas K. mit dem Vorwurf, versehentlich einen Menschen erschossen zu haben. Seit gut vier Jahren wehrt er sich dagegen. Gestern hat das Landgericht Schwerin das Urteil bestätigt.

svz.de von
erstellt am 29.Mär.2012 | 11:12 Uhr

Schwerin | Seit gut vier Jahren lebt der Jäger Thomas K. mit dem Vorwurf, versehentlich einen Menschen erschossen zu haben. Seit gut vier Jahren wehrt er sich mit aller Kraft dagegen. Doch gestern hat das Landgericht Schwerin nach mehrtägigem Prozess das Urteil aus der ersten Instanz bestätigt und die Berufung zurückgewiesen. Das Amtsgericht Wismar hatte 2010 den heute 40-jährigen Unternehmer wegen fahrlässiger Tötung zu einer einjährigen Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt. Zu Recht, befanden nun die Schweriner Richter. Thomas K. hat auch nach ihrer Überzeugung bei einer Wildschweinjagd im September 2008 an einem Maisschlag bei Naschendorf in Nordwestmecklenburg den folgenschweren Schuss abgefeuert, der den 50-jährigen Jagdgefährten tötete.

An der sogenannten Erntejagd waren vier Männer beteiligt. Zwei haben geschossen: K. und ein heute 72 Jahre alter Rentner. Das hatten die Ermittlungen ergeben. Beide Männer haben je ein Schwein erlegt. K. hatte vier Schüsse abgegeben, der Rentner einen. Der letzte von K.s Schüssen hat den 50-jährigen Familienvater getroffen, stellt nun das Gericht fest. Die Vorsitzende Richterin Sigrun Meermann hatte neue Gutachten in Auftrag gegeben, acht Sachverständige und zahlreiche Zeugen geladen. Am Ende habe für das Gericht "kein vernünftiger Zweifel" bestanden, dass der tödliche Schuss von Thomas K. ausging, sagte sie in der Urteilsbegründung. Der Rentner habe "nur" das Schwein getroffen. Allerdings hätte auch er nicht in diese Richtung schießen dürfen. Die Schusswinkel beider Schützen haben laut Gericht andere Menschen gefährdet.

Überhaupt sei die ganze Situation am Maisschlag, wo die Ernte während der Jagd im Gange war, "unübersichtlich" gewesen, wie die Richterin es sachlich ausdrückt. "Suspekt" hatte es ein Zeuge genannt. Der Richter am Amtsgericht Wismar war beim Prozess vor zwei Jahren noch deutlicher geworden: Von "Jahrmarktsgeballer" und "Wildwest" in Mecklenburg hatte er gesprochen. Erntefahrzeuge waren am Maisschlag im Einsatz, um den die vier Jäger in Erwartung des eingeschlossenen Wildes postiert waren.

Doch diese seien nicht so eingewiesen worden, wie es diese Art der Jagd erfordert, heißt es nun im Urteil. K. sei seinen Pflichten als Jagdleiter nur ungenügend nachgekommen. Über konkrete Schusswinkel sei nicht gesprochen worden. Die Jäger sahen einander nur zeitweise und wussten offenbar auch nicht genau, wo sich wer befand. Sowohl der Rentner als auch der Angeklagte hätten nicht einmal ihr Gewehr in die Richtung erheben dürfen, in die sie dann schossen, sagt Rechtsanwalt Horst Schulz, der die Witwe des getöteten Jägers als Nebenklägerin vertritt. So hat es den Anschein, als sei es reine Glückssache, das an jenem Tag nicht noch ein weiteres Unglück geschah.

Der tödliche Jagdunfall hatte damals auch das Landwirtschaftsministerium alarmiert. Die Behörde änderte die Vorschriften für sogenannte Erntejagden. Seitdem darf nur von erhöhten Positionen aus geschossen werden.

Rechtsanwalt Schulz ist in diesem Indizienprozess genauso von der Schuld des Angeklagten überzeugt wie Staatsanwalt Normen Golinski. Der hatte gestern eine anderthalbjährige Freiheitsstrafe auf Bewährung gefordert. Verteidiger Birger Schade plädierte auf Freispruch. Seinem Mandanten sei die Schuld nicht zweifelsfrei nachzuweisen, sagte er. Der Anwalt wies auf Versäumnisse in den Ermittlungen hin. So habe die Polizei nie nach dem Schusskanal im Maisfeld gesucht. Das hatte auch das Gericht bemängelt.

Vor der Urteilsverkündung hatte Thomas K. die Gelegenheit zum letzten Wort ergriffen, das immer dem Angeklagten zusteht. "Das ist alles sehr belastend für mich", sagt er. Nichts stehe fest am Ende. Außer, dass er von Anfang an der Schuldige sein sollte. Als der er sich ganz offenkundig auch jetzt noch nicht sieht. Jagdgewehr und Waffenschein bleiben eingezogen. An die Witwe soll K. 20 000 Euro Schmerzensgeld zahlen. Die Frau wischte sich oft in der Verhandlung verstohlen eine Träne aus dem Gesicht. Sie wollte, dass jemand für den Tod ihres Mannes juristisch zur Verantwortung gezogen wird. Aber noch ist das Urteil gegen Thomas K. nicht rechtskräftig. Er werde es wahrscheinlich anfechten, sagt Verteidiger Birger Schade.

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