„Senioren in Fahrt“ : Stotterbremsen ist nicht mehr

Uwe Langmaack bringt Ludwigslusts Fahr-Senioren auf den neuesten Stand.
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Uwe Langmaack bringt Ludwigslusts Fahr-Senioren auf den neuesten Stand.

Schulungsprogramme sollen Senioren mehr Sicherheit geben / Sie erleben, dass manches, was sie einst gelernt haben, nicht mehr gilt

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25. Juli 2014, 21:00 Uhr

„Was meinen Sie: Wie schnell darf man hier fahren?“ Fahrlehrer Uwe Langmaack wirft mit dem Beamer eine Straßenszene mit dem Schild „Verkehrsberuhigter Bereich“ an die Wand. Zehn Senioren überlegen, dann ruft jeder was rein: „30 Stundenkilometer?“ – „Sieben?“ – „Bestimmt Schrittgeschwindigkeit.“ – „Ich denk', fünf.“ Fahrlehrer Langmaack: „Vier bis sieben ist richtig.“

Der Ludwigsluster Rotary-Club hat Langmaack mit dem Programm „Senioren in Fahrt“ zu Gast. Der Fahrlehrerverband MV hat es entwickelt. „Ich kam darauf, als die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Senioren im Land erstmals die Zahl der getöteten jungen Leute zwischen 18 und 24 Jahren überstieg“, erzählt Verbandsvorsitzender Helmut Bode. Das war 2009.

Bode hat 13 Schulungseinheiten zu je 90 Minuten entworfen. Es geht um Sachen wie moderne Fahrerassistenzsysteme oder Einparken, wenn die Beweglichkeit nachlässt. Neuerungen im Straßenverkehrsrecht interessieren viele, sagt Bode. Schließlich liegt die Führerscheinprüfung bei den meisten vier bis fünf Jahrzehnte zurück. Eine praktische Übung gehört auch zum Curriculum.

Das Bundesamt für Statistik Wiesbaden fand heraus, dass ältere Menschen in komplexen Situationen eher den Überblick verlieren. Demnach waren Vorfahrtsfehler 2012 bei Senioren am Steuer häufigste Ursache von Unfällen mit Personenschaden. Es folgten Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren, Ein- und Anfahren.

Das Programm „Senioren in Fahrt“ trifft auf rege Nachfrage. Inzwischen bieten es 47 Fahrschulen flächendeckend im Bundesland mit der am schnellsten alternden Bevölkerung an. Im Vorjahr nahmen Bode zufolge rund 1100 Senioren teil, in diesem Jahr wollen die Fahrlehrer 1500 erreichen. Die Landesregierung stellt dafür 8000 Euro bereit. So sind die Schulungen für die Teilnehmer kostenlos.

Langmaack kommt aufs Bremsen im Allgemeinen und auf die Gefahrenbremsung im Speziellen zu sprechen. „Stotterbremsen ist nicht mehr“, sagt er. Das wurde früher empfohlen, um den Wagen steuerbar zu halten. Heute übernimmt das ABS diese Funktion. „Viele bremsen falsch“, sagt Langmaack. Ludwigslusts Rotarier werden es ausprobieren: Zum Sommerfest des Clubs will Langmaack mit dem Fahrschulauto Bremsübungen machen.

„Das ist schon eine gute Sache“, sagt der pensionierte Geophysiker Ulrich Kaiser über „Senioren in Fahrt“. Seinen Führerschein hat er 1963 in der DDR gemacht. Der 74-Jährige fährt noch immer regelmäßig, auch längere Strecken. Er habe viel Routine, sagt er und meint: Die Lebenserfahrung mache bei Älteren eine längere Reaktionszeit durchaus wett. „Ich denke für meinen Vordermann mit.“

Wilfried Romberg neben ihm, ebenfalls 74, ergänzt: „Durch die Lebenserfahrung sieht man Gefahren eher kommen, man registriert mehr, was weiter vorn passiert.“ Das sei manchmal auch nicht gut, denn dann widme man sich nicht dem eigenen Fahren.

Von einer immer wieder diskutierten Pflichtuntersuchung auf Fahrtüchtigkeit für Senioren halten beide nichts. „Das Alter ist nicht entscheidend“, sagt Romberg. Er vertraut auf Routine und Selbsteinschätzung. Früher, erzählt Romberg, sei es für ihn kein Problem gewesen, sechs, sieben Stunden durchzufahren. Heute mache er Pausen.

Die Statistik in Mecklenburg-Vorpommern scheint Kaiser und Romberg bislang recht zu geben. Zwar ist der Anteil der über 65-Jährigen an allen Verkehrstoten in MV mit 30 Prozent höher als ihr Bevölkerungsanteil (22,2 Prozent 2012). In der Gruppe der Unfallverursacher sind sie jedoch deutlich unterrepräsentiert, wie aus der Verkehrsunfallstatistik des Schweriner Innenministeriums für 2013 hervorgeht.

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