Mecklenburg-Vorpommern : Storchen-Väter im Einsatz

Einen etwa vier Wochen alten Jungstorch hebt der ehrenamtliche Storchenschützer Christoph Roscher aus dem Nest.
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Einen etwa vier Wochen alten Jungstorch hebt der ehrenamtliche Storchenschützer Christoph Roscher aus dem Nest.

Auch Adebare brauchen Ausweise: Naturschützer versehen junge Weißstörche mit Markierungsringen, die Geburtsort und Alter angeben

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02. Juli 2014, 20:35 Uhr

„Die stellen sich jetzt tot.“ Hans-Heinrich Zöllick, ehrenamtlicher Storchen-Beauftragter, hält Plastikringe der Vogelwarte Hiddensee bereit. Der 90-Jährige zählt und markiert seit Jahrzehnten Weißstörche in Mecklenburg-Vorpommern. Mit ihm ziehen jedes Jahr im Frühsommer Hobby-Ornithologen über die Dörfer und steigen den Störchen in die Nester. Wie jetzt in Fienstorf bei Rostock klemmen sie den Jungtieren Markierungsringe um die Beine, die auf Herkunft und Alter verweisen. Dank der auch per Fernglas erkennbaren Daten ließen sich Bestände und Flugrouten der imposanten Zugvögel erfassen, sagt Stefan Kroll von der Arbeitsgruppe Weißstorchschutz des Naturschutzbundes (Nabu).

International würden die Bestände alle zehn Jahre erfasst, 2014 werde wieder weltweit gezählt. „Der Weißstorch hat eine Indikatorfunktion für die Umwelt, er zeigt an, wie intakt die Natur noch ist.“ Die vier bis fünf Wochen alten Jungstörche seien am einfachsten zu beringen, erklärt Kroll, hauptberuflich Geschichts-Professor an der Rostocker Universität. Schon ein, zwei Wochen später beginne das Flugtraining. Dann würden sich die Jungen gegen das Anlegen der „Plastik-Pässe“ wehren und womöglich verletzen. Gerade fand die letzte Beringungstour dieser Saison statt. In Stäbelow (Landkreis Rostock) kennzeichnet Kroll zwei Storchenkinder. „Die sind recht gut genährt, es gab viel Regen und damit Futter in den letzten Tagen.“ Allerdings wird die Storchenbilanz auch dieses Jahr im Nordosten wieder nur durchwachsen ausfallen, während sich die Bestände bundesweit erholen.

In Deutschland leben gegenwärtig mehr als 5500 Weißstorchpaare, rund 1000 mehr als vor einem Jahrzehnt. Noch brüten die meisten davon im Osten. Jedoch stagnieren die Bestände in den Storchen-Ländern Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern bei 1350 bzw. 850 Brutpaaren.

Allein der Nordosten zählte vor zehn Jahren noch 300 Paare mehr.In diesem Jahr könnten zwischen Elbe, Oder und Ostseeküste etwa 1500 bis 1600 gesunde Jungtiere heranwachsen, meinen die ehrenamtlichen Storchen-Väter. Durchschnittlich zwei Küken kämen auf ein Paar. Jedes vierte Nest aber werde ohne Nachwuchs bleiben. „Auch 2014 wird für Mecklenburg-Vorpommern bestenfalls ein durchschnittliches Storchen-Jahr werden“, glaubt Stefan Kroll. Die Gründe für die Bedrohung der Weißstörche insbesondere in Ostdeutschland sind vielfältig. Vor allem Monokulturen in der Landwirtschaft mit viel Raps und Mais sowie den fortwährenden Umbruch von Feuchtwiesen machen die Nabu-Experten für die Storchen-Misere verantwortlich. „Industrielles Grünland mit Ackergräsern hält längst nicht so viele Nahrungstiere bereit“, sagt Kroll. Futtermangel ist die Folge. Problematisch seien auch die verschiedenen Flugrouten zum Überwintern.

Während die westliche Strecke nach Spanien oder über die Straße von Gibraltar in den Süden führe, flögen die Störche aus dem Osten über den Bosporus nach Afrika. Dieser Weg sei länger, strapaziös und gefährlich. „Die Verluste der ostziehenden Störche sind wesentlich höher“, sagt Kroll.


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