zur Navigation springen

Musikalischer Marathon durch 42 Städte : Stimmungstest auf der Straße

vom
Aus der Onlineredaktion

Mit einem Marathon durch 42 Städte stellt die Band „Stilbruch“ ihr neues Album vor – gestern war sie in Schwerin zu erleben, heute tritt sie in Rostock auf

svz.de von
erstellt am 08.Sep.2016 | 12:00 Uhr

Bei diesen Klängen bleibt man unwillkürlich stehen: Rockig, poppig, aber auf klassischen Instrumenten gespielt. Dazu deutschsprachige Texte, die zum Nachdenken anregen – oder zum Schmunzeln.

Nur die wenigsten Passanten, die sich gestern am späten Nachmittag in der Schweriner Mecklenburgstraße von dieser ungewöhnlichen Musik in den Bann ziehen lassen, ahnen, dass sie gerade Zeugen einer ungewöhnlichen Promotion-Tour werden: Mit einem Straßenmusik-Marathon, der sie in 14 Tagen durch 42 deutsche Städte in 13 Bundesländern führt, wollen die drei Musiker von „Stilbruch“ für ihr neues Album „Nimm mich mit “ werben.

„Bühnenauftritte – das war uns einfach zu wenig“, erzählt der Cellist Sebastian Maul, der als kreativer Kopf von „Stilbruch“ die meisten Songs und Texte für die Band schreibt. „Auf der Straße erwartet einen niemand. Das ist ein sehr guter Indikator, ob die Musik ankommt oder nicht. Denn kein Mensch, der dort vorbeikommt, muss stehenbleiben. Sie sind alle freiwillig dort. Aber wenn sie stehenbleiben merkt man, man transportiert irgendwas, was die Leute fesselt.“ Straßenmusik sei deshalb ein super Weg, um bekannt zu werden – selbst dann, wenn man genau genommen schon lange kein Unbekannter mehr ist.

Seit elf Jahren gibt es „Stilbruch“ bereits, drei Alben hat die Band in dieser Zeit herausgebracht. Neben Gründer Sebastian Maul gehören in der aktuellen Besetzung Eli Fabrikant (Geige) und Gunnar Nilsson (Schlagzeug) zu „Stilbruch“. Alle haben eine klassische Musikausbildung – und dennoch eine Vorliebe für rockig-poppige Musik. „Seit vier Jahren leben wir ausschließlich von der Band“, erzählt Maul, der aus Leipzig stammt. Das heißt, vor allem an den Wochenenden auf großen und kleinen Bühnen zu stehen – „und wenn mal kein Konzert geplant ist, dann auch immer wieder auf der Straße“. Denn dort haben die Musiker einmal angefangen. Über 1000 „Stilbruch“-Auftritte sind insgesamt schon zusammengekommen, auch in Clubs oder Konzerthäusern, nicht selten zusammen mit weiteren Streichern oder sogar einem ganzen Sinfonieorchester. Dabei war die Band nicht nur in Deutschland unterwegs, sondern beispielsweise auch in Frankreich und Italien.

Ihren aktuellen Straßenmusik-Marathon haben die drei jungen Musiker in Oldenburg gestartet. Schwerin gestern war die 35. Station am elften Tourtag, heute geht es in Rostock, Stralsund und Greifswald weiter. Am Sonnabendabend will die Band dann ihr Ziel im sächsischen Burgstädt erreichen. Geschlaucht – nein, das seien sie nicht, meint Sebastian Maul. Nur nach dem Wochenende, als sie nach je drei Straßen-Konzerten pro Tag auch noch allabendlich auf der Bühne standen, seien sie doch ziemlich kaputt gewesen. Aber man könne im Auto zwischen den einzelnen Auftritten ja immer wieder relaxen. „Alles in allem ist die Tour für uns ein einziges großes Abenteuer“, meint der Cellist.

Heute kann man Stilbruch ab 11 Uhr in Rostock auf dem Universitätsplatz erleben. Dann geht es weiter nach Stralsund, wo ab 14 Uhr in der Heilgeiststraße der nächste Auftritt geplant ist. Und um 16 Uhr wollen die drei Musiker dann in Greifswald auf dem Markt Station machen.

Spenden, die sich während der Auftritte in seinem Instrumentenkasten ansammeln, wandern übrigens nicht in die Taschen der Musiker, sie kommen der Hilfsorganisation „Hand in Hand for Children“ zugute, die sich um krebskranke Kinder kümmert. Das sei wirklich eine Herzensangelegenheit für die Band, erklärt Sebastian Maul, der selbst Vater zweier Kinder ist.

Wo sich die drei Stilbruch-Musiker gerade aufhalten, können ihre rund 10 000 Follower jederzeit auf Facebook erfahren. Dort posten sie außer den Stationen des kommenden Tages auch, wenn sei einmal verkehrsbedingt nicht pünktlich am nächsten Auftrittsort seien können, wie vorgestern in Hannover oder am Montag in Magdeburg. „Da kamen wir statt 17.30 Uhr erst um 19 Uhr an – und trotzdem warteten unsere Fans noch.“

In allen Städten, in denen „Stilbruch“ Station macht, war die Band vorher schon einmal – nur Schwerin war absolutes Neuland für die aus Leipzig, Dresden und Berlin stammenden Musiker. Doch auch hier war sie mit der Resonanz sehr zufrieden. Und auch hier stand ihnen plötzlich ein alter Bekannter gegenüber: Michael Richter, der seit Februar als Gemeindepädagoge in der Schweriner Petrusgemeinde arbeitet – und der die Band aus seiner sächsischen Heimat kennt. Auch er hatte über Facebook vom „Stilbruch“-Auftritt in der Landeshauptstadt erfahren. Und gleich gestern vereinbarte er einen weiteren: Am 16. September wird die Band schon wieder in Schwerin zu Gast sein: um 19 Uhr in der Petrusgemeinde (Ziolkowskistraße 17).

In München und Mannheim dagegen wird „Stilbruch“ zumindest auf den Straßen nicht mehr zu erleben sein – auf einer früheren Tour mussten sie dort Bußgelder zahlen. Auch in Heidelberg und Stuttgart erlebten die Musiker in diesem Jahr rigide Vorschriften für Straßenmusiker. In Heidelberg musste z. B. ab 18 Uhr Ruhe herrschen. Und in der Baden-Württembergischen Landeshauptstadt hätten sie nach nur vier Titeln ihre Instrumente wieder eingepackt: „Schlagzeug war dort auf der Straße nicht erlaubt, das haben uns Ordnungshüter ziemlich deutlich erklärt – aber ohne klingt unsere Musik nun mal nicht“, erzählt Sebastian Maul.

„Oberhalb von Bayern und Baden-Württemberg“ sei man freundlicher zu Straßenmusikern. Auch da gab es zwar hin und wieder Kontakte mit Ordnungskräften, „aber die waren immer freundlich und ließen manchmal sogar durchblicken, dass sie die Regelungen, die sie durchsetzen müssen, auch nicht immer gut finden – aber Job ist Job“, meint Sebastian Maul. Meist aber dürften die Straßenmusiker eine halbe oder sogar eine ganze Stunde an einem Standort bleiben – viel mehr sei sowieso nicht drin, wenn man pro Tag in drei Städten auftreten wolle.

Zeit für den einen oder anderen Sonderwunsch bleibt trotzdem. So hat die Band die letzte Nacht bereits in Rostock verbracht: „Wir lieben einfach die Ostsee“, gesteht Sebastian Maul.

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen