Filmkunstfest MV : Stille Schwäne

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Traumhafte Erinnerungen an 25 Jahre Filmkunstfest Schwerin

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28. April 2015, 21:00 Uhr

Auf dem Schweriner Pfaffenteich schwimmt erhobenen Hauptes eine Kinoleinwand. Der Film, der in dieser gespenstischen Vollmondnacht in einer Endlosschleife läuft, heißt „Stille Schwäne“. Der Untertitel ist weniger romantisch: „25 Jahre Filmkunstfest“.

Ich setze mich auf eine Bank, gleich neben die Schirmkinder. Warum bin ich hier der einzige Zuschauer? Schläft die Stadt? Schlafe ich? Ist der Film womöglich misslungen? Selbst die Schirmkinder scheinen zu träumen.

Auf der Leinwand steht Armin Mueller-Stahl allein auf einer Wiese beim Filmemacher-Frühstück. Obwohl es auf der Wiese vor Filmleuten nur so wimmelt, traut sich niemand, den Star anzusprechen. Da fasst sich eine ältere Journalistin ein Herz und geht mit zwei Schnapsgläsern auf den Schauspieler zu. Der Bann ist gebrochen.

Zum Interview mit Mueller-Stahl rief ich vor Aufregung eine Stunde zu früh in Hollywood an. Man ruft ja schließlich nicht jeden Tag in Hollywood an.

Mit Hanna Schygulla war ich in einem Berliner Restaurant verabredet, in dem an den Wänden Filmplakate hängen. „Lili Marleen“, „Die Ehe der Maria Braun“, „Effi Briest“. Wieder kam ich eine Stunde zu früh. Zum Glück funktionierte ihre Stimme tadellos, anders als zwei Wochen später beim Filmkunstfest. Die schweigende Schygulla – auch ein schöner Titel.

Schicksal oder Glück, meine ersten Berufstage fielen mit den ersten Tagen des ersten Filmfestes zusammen. 1991 wurden noch Filme aus der DDR und der BRD und einer aus der DaDaeR gezeigt. Ein Jahr später lief Andreas Dresens erster Spielfilm „Stilles Land“ im Wettbewerb. Seitdem darf man darauf vertrauen, dass Dresen und sein Hauptdarsteller Thorsten Merten Jahr für Jahr wiederkommen. Wie zwei gute Geister.

Auf der schwimmenden Leinwand brennt jetzt ein Film. Aufregung im Publikum. Regisseur Trevor Peters stürmt auf die Bühne des Festivalkinos und erzählt seinen Film zu Ende. Die Geburtsstunde des Kinos an den Lagerfeuern unserer Vorfahren.

In seinen ersten Jahren muss das Filmfest unvorstellbar reich gewesen sein, noch die junge Musikdramaturgin des Staatstheaters bekam ein Honorar, weil das Ballett des Theaters auf dem Filmball tanzte.

Der Zeitung fehlten eine Zeit lang die Chefredakteure, darum musste ich zuweilen den Publikumspreis übergeben. Mit der Erinnerung an den Siegerfilm von 2002 – „Fickende Fische“ – konnte ich mir in der Laudatio irgendwie das Lampenfieber vom Leib halten. 2005 lächelten die Fische dann. Der Film hieß „Das Lächeln der Tiefseefische“, und wieder mussten natürlich die kopulierenden Kiefermäuler ran.

Der Film auf dem Pfaffenteich zeigt eine Szene, die auf dem Schweriner Marktplatz spielt. In einer Installation liegt ein alter Bus auf dem Rücken. Weil auslaufendes Öl den Markt verseucht und die Versicherung nicht zahlen will, geht das Filmfest nach der Beseitigung dieses Debakels beinahe pleite. Seither hat sich die Kunst aus dem Filmkunstfest mehr und mehr zurückgezogen.

Nun singt Rio Reiser auf dem Pfaffenteich und auch Gerhard Gundermann. Ach Rio, ach Gundi!

Am Zippendorfer Strand spielen Filmleute Volleyball gegen Mannschaften aus Obotritenstadt. Der OB und der hühnenhafte Filmfestchef sind besonders ehrgeizig. Am Ende siegen die Zeitungsleute.

Ein Gespensterreigen auf der Leinwand: Der Filmfestchef liegt in einer Schubkarre, die von Klaus Maria Brandauer bergab geschoben wird. Bruno Ganz verspottet den Ehrenpreis Goldener Ochse als Kneipenschild. Festivalchefs spielen „Bäumchen, wechsle dich“.

Ein Reporter, der mir sehr ähnlich sieht oder mit einer sehr guten Maske ausstaffiert wurde, wird von einem FilmLand-Geschäftsverführer verfolgt, der mich oder den raffiniert maskierten Schauspieler aus vollem Herzen anbrüllt. Mir reicht’s!

Ich erhebe mich von der Bank und will nach Hause gehen. Da schwimmt plötzlich unter der Leinwand hindurch ein Schwan ans Ufer. Warum sieht er mich so vorwurfsvoll an?

(Aus der Publikation „Vom Schwan zum fliegenden Ochsen“, die zum diesjährigen 25. Filmkunstfest MV erschienen ist, Redaktion Hasso Hartmann. In der Broschüre erinnern sich Schauspieler, Regisseure, Filmfestmitarbeiter und Journalisten an ihre Zeit beim  Filmfestival. Die Broschüre ist im Kino Capitol erhältlich oder online unter  www.filmland-mv.de/webshop)

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