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25 Jahre Lichtenhagen - Teil 4 : Stille Post im Sonnenblumenhaus

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Neuesten Nachrichten

Was sagen die Anwohner des Sonnenblumenhauses 25 Jahre nach dem Pogrom von Lichtenhagen?

svz.de von
erstellt am 25.Aug.2017 | 05:00 Uhr

Es scheint, als hätten sie sich irgendwann auf dieses Spiel verständigt. Die Gespräche an den Türen, einstudiert wie eine Choreographie: Ja, ich war damals da. Nein, ich möchte nichts sagen. Aber hier, Frau Müller, von der weiß ich, die sagt was. Und, Frau Müller? Ja, richtig, ich war damals da. Aber nein, ich möchte nichts sagen. Aber ich weiß, Herr Krüger, der erzählt immer gerne darüber. Es geht immer so weiter. Die Stille Post des Sonnenblumenhauses.

Anneliese Schulz steht an ihrer Wohnungstür und schüttelt den Kopf. Sie versteht nicht, warum jeder spricht, aber niemand etwas sagt. Wobei: Zuerst hat sie nicht einmal auf das Klingeln reagiert. Aber das liegt an ihrem Fernseher, der Ton so laut, dass auf dem Flur Radio läuft. „Die Ohren sind nicht mehr so gut“, sagt sie und lächelt. Schulz ist 82 Jahre alt, große Brille, weißes Haar. Im Sonnenblumenhaus in der Mecklenburger Allee wohnt sie seit 1979, eine Erstbezieherin. Sie sah die heile Welt der Platte, die Familien mit Kindern, die verschiedenen Kulturen, die zurückhaltenden Vietnamesen, die temperamentvollen Kubaner und Algerier. Natürlich auch die Probleme nach der Wende. Und das Asylbewerberheim. „Es war unwürdig für beide Seiten“, erinnert sie sich.

Als es brannte, die verhängnisvollen Tage, über die sie sagt: „Das war eine schlechte Geschichte, ne?“ – da war sie im Garten, ein paar Tage Urlaub, das schöne Wetter genießen. Sie glaubt: Ein brennendes Sonnenblumenhaus wollte niemand. Mit niemand meint sie Polizei und Politik. Aber: „Ich würde sagen, es wurde im Allgemeinen auch gesucht. Es wurden Gründe gesucht in der Republik hier, wie man eben Gesetze verschärfen konnte. Sicherheitsgesetze.“

Ein Bekannter, der dort selber nicht wohnte, riet ihr danach: Zieh da aus! Lichtenhagen, sie hatte es doch gesehen, ein Stadtteil mit Sozialabgehängten, da wohnten Kriminelle. Der schwarze Rauch, der damals aus den Fenstern stieg, ist für viele noch immer sichtbar.   

Dabei ist Lichtenhagen heute das, was man einen Mitläufer nennen kann. Die Anwohner müssen sich erneut verständigt haben, die nächste Choreographie: Nie wieder negativ auffallen. Das Hauptamt Rostocks veröffentlicht in losem Abstand Erhebungen zu den Stadtteilen, Lichtenhagen liegt fast immer gleichauf mit den Werten der Stadt: beim Durchschnittsalter, dem Ausländeranteil, den Beschäftigten und den Arbeitslosen. Nur zwei Sachen fallen auf: In den rechteckigen Karrees zwischen der Antwerpener und Wolgaster Straße war die Wahlbeteiligung bei den letzten Bürgerschafts- und Landtagswahlen vergleichsweise niedrig. Vielleicht ein Denkzettel: Warum wählen? Die Politik hat uns doch 1992 auch alleine gelassen. Und: Hier wohnen auffällig viele 60 bis 75-Jährige; sie sind Relikte der Siebzigerjahre, als die Platte in die Höhe schoss wie ihre Hoffnungen für sich und ihre jungen Familien.

Chronologie: Eskalation der Gewalt

10.12.1990

Es treffen die ersten 120 Asylbewerber in der zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZAST) in Rostock-Lichtenhagen ein, darunter 20 Erstbewerber und 98 bereits in den alten Ländern registrierte und per Quote zugewiesene Flüchtlinge.

1991

Rund 1800 Asylsuchende durchliefen die ZAST. In den Kommunen tauchen die ersten Schwierigkeiten mit der Unterbringung der Bewohner auf. In der ZAST beginnt sich der Bewerberstrom zu stauen.

1992

Im Frühjahr steigen die Zahlen sprunghaft an, insbesondere durch den unkontrollierten Flüchtlingsstrom aus Rumänien. 50 bis 70 Asylbewerber stehen täglich vor der Tür.

Etwa 200 Menschen, zumeist Roma, lagern auf dem Rasen vor der ZAST. Ein Zeltlager am Stadtrand von Rostock wird errichtet. Im Juni-Monatsbericht des Innenministeriums heißt es: „Die in der Gemeinschaftsunterkunft Rostock-Hinrichshagen aufhältigen ausländischen Flüchtlinge konnten durch die ZAST statistisch nicht erfasst werden.“

Juni 1992

Im Juni stehen 394 Quoten-Bewerbern 1364 Erstbewerber gegenüber.

In Lichtenhagen wächst der Unmut der Bevölkerung. Rostocks Innensenator Peter Magdanz (SPD): „Wir hatten ernsthafte Hinweise aus der Bevölkerung, dass es in den nächsten Tagen kracht.“

22. August 1992

Gegen 20 Uhr: Vor dem Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, in dem sich die Zentrale Aufnahmestelle  befindet, versammeln sich rund 1000 Menschen. Etwa 300 bis 400 von ihnen beginnen, das Gebäude mit Steinen zu bewerfen. Anwohner feuern  Randalierer an. Nur wenige Polizisten sind vor Ort, werden selbst angegriffen und ziehen sich daraufhin zurück.

Später Abend und in der Nacht:  Die Polizei stockt ihre Einsatzkräfte auf etwa 150 Beamte auf, kann die Lage aber nicht entschärfen. Gegen 2 Uhr morgens treffen zur Verstärkung Wasserwerfer aus Schwerin ein, aber erst gegen fünf Uhr morgens hat die Polizei die Situation vorläufig im Griff.

23. August 1992

Gegen Mittag rotten sich erneut Gewalttäter vor dem Sonnenblumenhaus zusammen. Sie erhalten Unterstützung von bundesweit bekannten Rechtsextremen, so etwa vom berüchtigten Neonazi Christian Worch.

Nachmittag und Abend: Am Nachmittag greifen die zumeist jugendlichen Täter erneut die Aufnahmestelle und das Wohnheim an. Bis 20 Uhr haben sich rund 800 Gewalttäter versammelt.

Später Abend und Nacht: Die Angriffe mit Steinen und Molotowcocktails gehen weiter. Auch die Polizei wird angegriffen. Um 22.30 Uhr löst Lothar Kupfer, Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, landesweiten Alarm aus. Um 2 Uhr nachts können Polizisten aus Hamburg sowie Beamte des Bundesgrenzschutzes die Ausschreitungen stoppen.

24. August 1992

Nachmittag: Rostock-Lichtenhagen beruhigt sich. Die ZAST wird geräumt, der Stein des Anstoßes.

Abend: Jetzt eskaliert die Lage. 1000 Gewalttäter randalieren am Sonnenblumenhaus, werfen Steine und Brandsätze. Dahinter 3000 Schaulustige. Es fängt an  zu brennen.

Später Abend und in der Nacht: 150 Menschen sind in Aufgang 19, dem Wohnheim der Vietnamesen, eingeschlossen. Das Feuer arbeitet sich Stockwerk für Stockwerk hoch. Die Polizei zieht sich zurück.

25./26. August 1992

Die Ausschreitungen  gehen weiter. Rechte und Anwohner lassen ihrer Wut freien Lauf. Die Polizei setzt Wasserwerfer und Tränengas ein. Erst am Mittwoch gegen zwei Uhr morgens ist die Lage unter Kontrolle.

 

„Man ist halt zusammen alt geworden“, sagt Anneliese Schulz. Mal wegzuziehen, daran hat sie gedacht, sicher. Aber die einfache Zweiraumwohnung am Stadtrand für nicht allzu viel Geld lässt ihr Spielraum: mal ins Theater gehen oder verreisen. Und jetzt sowieso nicht mehr. Alles sei altersgerecht, ein Fahrstuhl ist da, der Supermarkt gleich um die Ecke, Physiotherapie, Sozialeinrichtungen. Überhaupt, der Zusammenhalt im Haus, gewachsen über die vielen Jahre. „Wir kennen uns hier, wir kennen die Kinder. Ich habe Schlüssel von mindestens vier Familien. Aber die anderen haben auch meinen.“

Mittlerweile hat sie beobachtet, dass wieder junge Leute in eine der 359 Wohnungen im Haus ziehen, so wie sie vor fast 40 Jahren. Familien mit Kindern, das bringt frisches Leben. Eine neue Generation, die sich nicht an dem Block stört oder dem Stadtteil, selbst wenn Schulz weiß, dass man in Geschichtsbüchern nicht radieren kann. 

Zum Schluss bittet sie in ihre Wohnung. Ein kleiner Flur, kaum Platz für Jacken und Mäntel, dafür unzählige Bücher, viel von Dostojewski. Die Stube ist zugestellt mit einer dreimeterlangen Anbauwand, dazu eine kleine Couch, ein Fernseher, ein Laptop steht auf dem Tisch. Ein Schlafzimmer hat sie nicht. Dafür eine Liegefläche in der Küche. Der Balkon geht raus zur Südseite, eigentlich nicht schlecht, den ganzen Tag Sonne. Die andere Seite aber wäre besser, hier in Lichtenhagen, dann könnte sie Warnemünde sehen, die großen Kreuzfahrtschiffe, die Ostsee. So geht der Blick runter auf den großen Vorplatz des Sonnenblumenhauses. Schulz zeigt, sagt „da“ und „dort“: Da campierten die Roma und Sinti, dort war das Heim der Asylbewerber, da waren die Randalierer. „Die Flüchtlinge wurden nicht wie Menschen behandelt. Das war eine Katastrophe.“

Die Frage, ob von ihr ein Foto für die Zeitung gemacht werden darf, verneint Anneliese Schulz. Immerhin hat sie erzählt.

 

Lichtenhagen heute: Zahlen und Fakten

848 Arbeitslose: Im Jahr 2000 waren es noch 1510. Der Anteil der Arbeitslosen unter den Erwerbsfähigen in Lichtenhagen liegt bei 9,7 Prozent.

14 114 Einwohner: 1992 lebten in Lichtenhagen 18034 Einwohner. 2010 waren es 13591. Wie in der gesamten Stadt steigt die Zahl wieder.

45,5 Jahre: Das Durchschnittsalter in Lichtenhagen liegt bei 45,5 Jahren und damit leicht über dem Durchschnitt der Hansestadt.

803 Ausländer: Als es 1992 hier brannte, lebten 243 Ausländer in Lichtenhagen. Heute sind es 803, eine Quote von 5,7 Prozent.

7888 Haushalte: Die Zahl der erfassten Haushalte insgesamt. 1253 von denen sind Haushalte mit Kindern. Eine Quote von 15,9 Prozent.

1036 Straftaten: Die Zahl der Straftaten im Stadtteil Lichtenhagen machen 5,1 Prozent des Rostocker Gesamtwertes aus.

 

 

 

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