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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 10:41 Uhr

Stehenbleiben, Polizeiruf...

vom

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erstellt am 15.Aug.2012 | 10:44 Uhr

Rostock | Stop, die drehen einen Film. Für den unbedarften Zuschauer sieht es hinter den Absperr-Hütchen aus wie eine Mischung aus Chaos und Lethargie. Kameramann, Ton-Leute, Maskenbildnerinnen, Schauspieler natürlich, Komparsen und allerlei Hilfskräfte wuseln herum, diskutieren, probieren, stellen Hightech-Geräte ein, flüstern in Walkie-Talkies, rauchen oder warten. Und dann kommt irgendwo aus der Masse der Ruf: "He, René, wir drehen." Und Regisseur René Heisig sprintet auf seinen Platz, gibt das Kommando: "Und bitte!"

Heisig und das Team der Produktionsfirma Filmpool drehen in Rostock einen "Polizeiruf 110". Die Story "Zwischen den Welten" des Rostocker Ermittlerteams Sascha Bukow (Charly Hübner) und Katrin König (Anneke Kim Sarnau) erinnert an einen realen und bis heute ungeklärten Fall von 2007: Eine Studentin wird im Wald ermordet, einzige Zeugin ist die kleine Tochter des Opfers. Das Mädchen ist jedoch traumatisiert und schweigt… Gesendet werden soll der Krimi 2013.

Ein Drehtag besteht vor allem aus Warten

Vier Drehtage sind in der Hansestadt geplant, heute geht es los. Viel passiert nach Heisigs Ansage aber nicht: Ein gläserner Fahrstuhl senkt sich hinter der ebenso gläsernen Fassade des Gebäudes am Deutsche-Med-Platz in Rostock. Das war die Szene - jetzt heißt es erstmal wieder warten, bis alles für die nächste Einstellung bereit ist. "Wir drehen drei Bilder heute", erklärt Set-Aufnahmeleiter Markus Burhenne. 4.15 Minuten fertiger Film werden enstehen. Dafür braucht das Team einen ganzen Arbeitstag.

Auch, weil selten beim ersten Mal alles perfekt ist. Jetzt auch nicht: Die Komparsen und Schauspieler, die etwas abseits auf ihre Szenen warten, spiegeln sich in den Scheiben. Regieassistentin Karen Fulham bittet darum, doch um die Ecke zu warten.

Warten - das sind die Komparsen gewohnt. "Ja, man muss immer lange Zeit rumstehen", sagt Christian Diener. Seit einigen Jahren schon macht er solche kleinen Jobs beim Film. Man kenne sich schon innerhalb der Komparsenschar, deshalb sei es in den langen Drehpausen nie langweilig: "Man trifft immer wieder die gleichen Leute und da gibt es viel zu erzählen." Und dann diskutiert Diener mit seinen Komparsen-Kollegen Detlef und Helga Mühlberg über den Dreh für die Dora-Heldt-Verfilmung in Heiligendamm. Denn auch dort werden sie durchs Bild laufen, wenn Passanten oder ähnliches gebraucht werden. Detlef Mühlberg ist ein alter Film-Hase: "Wir machen mit, wenn in Rostock oder Umgebung gedreht wird - zum Beispiel bei Soko Wismar." Allerdings würden die Casting-Agenturen schon aufpassen, den Produktionsfirmen nicht immer die gleichen Komparsen zu schicken, erklärt Detlef Mühlberg: "Der Zuschauer ist ja nicht doof, der wundert sich sonst, warum immer ich durchs Bild laufe."

Josef Heynert dagegen läuft in jedem Rostocker "Polizeiruf" durch das Bild, und das ist auch gut so. Er spielt die Hauptrolle des Kriminaloberkommissars Volker Thiesler. Jetzt wartet Heynert auf seinen Auftritt - und man kann sehen, wie er seine Textzeilen im Kopf hin und her bewegt. "Ich befrage heute den Anwalt, in dessen Kanzlei das Opfer gearbeitet hat", erklärt der 36-Jährige, der seit dem Auftakt-Film "Einer von uns" zum Team um Bukow/König gehört. Auch, wenn heute nur zwei Szenen gedreht werden, müsse man sich als Schauspieler stets "bewusst sein, wo in der Geschichte die eigene Figur gerade ist". Nur die eigenen Szenen lesen im Drehbuch, das ginge gar nicht. Zumal die Geschichte des Rostocker "Polizeiruf"-Teams über die Grenzen der Episoden hinweg erzählt werde.

Einzigartig in der Krimilandschaft

Im Rostocker "Polizeiruf" sind die Figuren grautönig angelegt. Kommissar Sascha Bukow hat eine undurchsichtige Vergangenheit und Kontakte zum organisierten Verbrechen, allmählich tritt aber auch zutage, dass der familiäre Hintergrund der Figur Katrin König alles andere als glücklich war. "Das ist schon eine sehr spezielle Kombination", sagt Heynert. Das sei in der Fernsehkrimi-Landschaft ziemlich einzigartig. Zumal die Fälle "eben nicht in einem abgehobenen Milieu spielen". Für ihn als Schauspieler sei es sehr reizvoll, daran mitzuwirken, sagt Heynert, dass der "Polizeiruf" aus Rostock "in der Art der Fälle und seiner Art des Erzählens etwas Besonderes bleibt".

Die Fahrstuhl-Szene im Kasten. Das Team verlegt Kamera, Kamera-Schienen, Licht und Ton in die andere Ecke des Innenhofes. Material- und Kameraassistentin Laura Naschlenas schiebt ihren Rollwagen voller Technik-Kram hinterher und sorgt dafür, dass Regisseur Heisig seinen Kommandostand mit Monitor und Drehbuch parat hat. Dann folgen Proben für die Statisten - bis Kameramann Peter Nix sein Arbeitsgerät abdeckt. Mittagspause. 30 Minuten sind dafür angesetzt im Drehplan. Ein paar Tassen Kaffee und einige Zigaretten später heißt es dann wieder "und bitte"!

Hintergrund: Die Krimi-Reihe „Polizeiruf 110“ gibt es seit 1971. Die erste Folge wurde am 27. Juni dieses Jahres im Deutschen Fernseh-Funk (DFF) ausgestrahlt. Heute gibt es vier „Polizeiruf“-Ermittlerteams: München (Darsteller: Matthias Brandt, Anna Maria Sturm), Halle (Jaecki Schwarz, Wolfgang Winkler, Isabell Gerschke), Brandenburg (Maria Simon, Horst Krause) – und eben Rostock. Das Hallenser Team wird 2013 abgelöst, die neuen Kommissare sollen dann in Magdeburg ermitteln.

Im „Polizeiruf“ hatten Regisseure und Autoren schon zu DDR-Zeiten die Möglichkeit, Misstände zum Thema zu machen. Allerdings wachte das Ministerium des Inneren über die Produktion. Einige Folgen fielen der Zensur zum Opfer. „Im Alter von …“, 1974 nach dem Fall des zwei Jahre zuvor hingerichteten Kindermörders Erwin Hagedorn gedreht, wurde auf Befehl der DDR-Fernsehchefs bis auf das Kameranegativ vernichtet. Erst 2011 sendete der MDR den Film – zum 40. Jahrestag der Reihe.


  • Nächster Polizeiruf aus Rostock: „Stillschweigen“, 30. September, 20.15 Uhr, ARD
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