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Johannes-Gillhoff-Tag in Glaisin : Stasi-Debatte: Ringstorff lehnt Pauschalurteil ab

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Ex-Ministerpräsident Harald Ringstorff wurde zum Ehrenmitglied der Johannes-Gillhoff-Gesellschaft ernannt. Er plädierte in der Debatte um den Laudator Dr. Jürgen Rogge für eine differenzierte Einzelfallbetrachtung.

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erstellt am 10.Jun.2013 | 11:29 Uhr

Glaisin | Bei schönstem Sommerwetter fand in Glaisin nahe Ludwigslust am Sonnabendnachmittag der zweite Teil des diesjährigen Gillhoff-Tages statt, nachdem am Vormittag die Landtagsabgeordnete der Linken, Jacqueline Bernhardt, am Grabe Gillhoffs auf dem Ludwigsluster Friedhof Worte ehrenden Gedenkens für den Seminar-Oberlehrer und Verfasser des Briefromans "Jürnjakob Swehn, der Amerikafahrer" gesprochen hatte. Die Fabel des Romans über mecklenburgische Auswanderer, die zu Hause keine Zukunft haben, sei heute noch so aktuell wie zu seiner Entstehungszeit 1917. Bernhardt bezeichnete Gillhoff zudem als einen "Botschafter der mecklenburgischen Lebenskultur".

In Glaisin, wo Gillhoff am 24. Mai 1861 geboren wurde, ließ die Gillhoff-Gesellschaft die Festveranstaltung trotz verschiedener Forderungen zur Abänderung des Programms in Teilen der Öffentlichkeit genau so ablaufen wie geplant: Die Laudatio für den diesjährigen Gillhof-Preisträger Dietrich Sabban aus Ludwigslust hielt Dr. Jürgen Rogge, der im Vorjahr nach Stasi-Vorwürfen die Annahme dieser Auszeichnung abgelehnt hatte. In diesem Jahr hatten unter anderen die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Marita Pagels-Heineking sowie die Landtagsabgeordneten Silke Gajek (Bündnis 90/Die Grünen) und Maika Friemann-Jennert (CDU) gefordert, dass Rogge auch nicht als Laudator auftreten sollte. In seiner Dankesrede sagte Preisträger Sabban, dass er sich "ungeachtet dessen, was in den vergangenen Tagen geschrieben, getwittert, gesprochen und befremdlicherweise sogar von mir verlangt wurde, auch dem Laudator des heutigen Tages zu Dank verpflichtet" fühle. Er sei zutiefst davon überzeugt, dass jeder, der in der Vergangenheit etwas gewesen ist oder getan hat, was nicht zur Anklage gelangte oder bestraft wurde, wohl aber doch aus moralischen Gründen zweifelhaft oder bedenklich scheint, "in unserer Republik eine zweite Chance erhalten muss" und nicht lebenslang in Acht und Bann getan, vorverurteilt und ausgegrenzt werden dürfe.

Zuvor war Ex-Ministerpräsident Harald Ringstorff zum Ehrenmitglied der Johannes-Gillhoff-Gesellschaft ernannt worden. Ringstorff plädierte in der Debatte um die Stasi-Vorwürfe gegen Rogge "für eine differenzierte Einzelfallbetrachtung". Mehr als zwanzig Jahre nach der Wende dürfe man "nicht pauschal Menschen verurteilen, die mal eine Unterschrift geleistet haben", sagte Ringstorff gegenüber unserer Zeitung: "Dann muss man sich die Umstände näher ansehen und ob sie tatsächlich anderen Menschen geschadet haben. Aber ansonsten sagen noch in 50 Jahren welche, da müssen wir erst mal einen Check machen: Hat der oder die mal was mit der Staatsmacht zu tun gehabt? Es kommt immer drauf an, was hinter einer solchen Unterschrift steht."

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