In Fesseln zum Prozess : Stalker geht lachend zum Prozess

André M. lachte gestern  auf dem Weg in den Gerichtssaal. Gehm
André M. lachte gestern auf dem Weg in den Gerichtssaal. Gehm

André M. soll versucht haben, seine Ex-Freundin in die Luft zu sprengen. In Untersuchungshaft suchte er eine Waffe, um die Staatsanwältin zu erschießen. Seit gestern muss sich der Schweriner vor Gericht verantworten.

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12. September 2012, 06:42 Uhr

Kiel | Die Hand- und Fußfesseln, die der Angeklagte trägt, verraten seine Gefährlichkeit. Es heißt, André M. (37) habe in der Untersuchungshaft nach einem Mitgefangenen gesucht, der ihm eine Schusswaffe baut - damit er die Staatsanwältin erschießen kann. Eine Patrone hatte er bereits. Der Plan flog auf.

Gestern begleiteten gleich vier Justizwachtmeister André M. zum Kieler Amtsgericht. Wie die Richterin platzierte der Angeklagte ein Strafgesetzbuch und eine Strafprozessordnung auf dem Tisch, vertiefte sich danach in seine Unterlagen, beständig lächelnd.

André M. soll versucht haben, seine Ex-Freundin, eine Kieler Studentin (25), in die Luft zu sprengen. Er ist ein verurteilter Stalker, der schon seine erste Freundin, eine Eutiner Polizistin, über Monate terrorisiert hatte. Zerstochene Reifen, Peilsender, Überwachungskameras, Morddrohungen - der Fall André M., so sagen Polizisten, sei mittlerweile das Lehrbuchbeispiel in Sachen Nachstellung.

Die Stalking-Taten zum Nachteil der Kieler Studentin sollen Anfang Oktober vor dem Kieler Landgericht verhandelt werden. Weil André M. aber bereits fast sechs Monate in U-Haft saß, musste der Prozess gegen ihn beginnen, und die Staatsanwaltschaft brachte die Sprengstoffvergehen zur Anklage.

"Im Mai 2011 fasste der Angeklagte den Beschluss, Sprengstoff gegen seine Ex-Freundin einzusetzen", so die Staatsanwältin. "Er stellte Sprengstoff her und baute einen Zünder." Das alles passierte in der Wohnung des Frührentners Willy R. (56), den André M. auf der Straße angesprochen hatte. Der frisch am Knie operierte Mann freute sich über Gesellschaft und ließ André M. bei sich einziehen. Die Wohnung hatte M. mit Kalkül gewählt. Die Kieler Studentin, die sich von ihm getrennt hatte, wohnte schräg gegenüber.

Die Staatsanwältin: "Der Angeklagte mischte Wasserstoffperoxid und Aceton zu zehn Gramm TATP, dass er beim Zeugen Willy R. in einem Plastikbecher in den Kühlschrank stellte." TATP, auch bekannt als Acetonper oxid oder APEX, ist extrem schlag- und wärmeempfindlich, hat eine Detonationsgeschwindigkeit von 5,2 Kilometern pro Sekunde. Es sollte laut Anklage den Sekundärsprengstoff zünden. "In zehn Eimern à zwölf Litern löste der Angeklagte Kunstdünger auf, kochte in einer Pfanne zwei bis vier Kilogramm Ammoniumnitrat aus." Der Zünder bestand aus einem Küchentimer, zwei Neun-Volt-Batterien, Klebeband und einem Widerstand, der Draht zum Glühen bringen sollte.

Alles war bereit, als Willy R. den Notarzt rief. Sein Knie hatte sich entzündet. Die Retter alarmierten die Polizei. Willy R. ist als Zeuge geladen, erscheint aber nicht. Der Angeklagte sagt: "Ich rege an, auf Herrn R. zu verzichten. Wegen seines Alkoholkonsum ist keine vernünftige Aussage zu erwarten." Die Richterin erwidert: "Ich mache mir stets selbst ein Bild." André M. stellt einen Befangenheitsantrag gegen die Richterin. Die Ladungsfrist zum Prozess sei nicht eingehalten worden. Die Verhandlung wird vertagt. André M. grinst breit. Ihm drohen wegen der Sprengstoffvergehen bis zu fünf Jahre Haft.

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