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VIDEO: Tief „Axel“ hält Ostseeküste in Atem : Stärkste Ostsee-Sturmflut seit 2006 hinterließ große Schäden

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Straßen überschwemmt, Autos unter Wasser, einzelne Dämme überspült: Die Sturmflut an der Ostseeküste richtet nur mancherorts größere Schäden an. Seit Mitternacht sinken die Wasserstände wieder. Verletzt wurde nach bisherigen Angaben niemand.

svz.de von
erstellt am 04.Jan.2017 | 11:45 Uhr

Die stärkste Sturmflut an Deutschlands Ostseeküsten seit 2006 hat in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern zu Überschwemmungen und Schäden geführt. Am Donnerstagmorgen sanken die Pegelstände entlang der Küste aber überall wieder. Vielerorts waren Keller vollgelaufen, Autos mussten weggeschleppt werden. Menschen wurden nach Angaben der Polizei durch die Wassermassen nicht verletzt.

Von der Sturmflut betroffen waren etwa Kiel, Lübeck, Rostock, Warnemünde, Flensburg, Eckernförde, Wismar und Usedom. Auf Rügen wurden einzelne Deiche überspült. Häuserkeller in Strandnähe liefen voll wie bei Heikendorf und Laboe (Kreis Plön) oder in Warnemünde das Restaurant «Seehund». Teils drückte die Sturmflut auch Boote auf Stege. In Tempzin auf Usedom wurde ein Strandkiosk und die Uferpromenade aufgrund eines Küstenabbruchs zum Teil in die Tiefe gerissen. „Wir haben vier bis fünf Meter Düne verloren“, sagte der Koserower Bürgermeister Rene König bei NDR 1 Radio MV. Auch an der Seebrücke in Koserow auf Usedom habe es enorme Schäden gegeben. Strandabgänge müssten gesperrt werden. Am Strand von Binz und Prora sei die Düne streckenweise in einer Tiefe von drei bis acht Metern abgebrochen, Strandaufgänge seien in größerem Umfang zerstört worden, resümiert der Binzer Bürgermeister Karsten Schneider am Donnerstag nach einer Besichtigung der Schäden. Er schätzte den Schaden allein in seinem Abschnitt auf etwa eine halbe Million Euro. Die Schäden seien mit eigener Technik nicht bis zum Saisonbeginn zu beseitigen. Er appellierte an das Land, den betroffenen Kommunen zu helfen. „Die Schäden sind extrem.“

>> Die aktuelle Hochwasserlage an der Ostsee

«Es war die stärkste Sturmflut seit 2006», sagte Jürgen Holfert, Leiter des Wasserstanddienstes Ostsee des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH). Am Donnerstagmorgen dürfte der Wasserstand zwar vielerorts noch einen Meter höher als sonst sein. «Die Gefahren der Sturmflut sind aber gebannt.» Die Wasserstände seien etwa zehn Zentimeter höher ausgefallen als prognostiziert, in der Region Lübeck noch etwas mehr.

 

Die Höhe der Sachschäden könne noch nicht beziffert werden, sagte eine Polizeisprecherin am Donnerstagmorgen. In Lübeck und Flensburg wurden zahlreiche Autos aus den Fluten gezogen. Mehrere Keller in Lübeck und Neustadt in Holstein liefen voll. In Kiel mussten mehrere Straßen für den Verkehr gesperrt werden. Zugänge zur Lübecker Altstadt waren für Fußgänger nicht mehr passierbar. Der Einsatzstab in der Welterbe-Stadt sei kurzfristig personell verstärkt worden wegen zunehmender Notrufe, sagte Matthias Schäfer von der Feuerwehr Lübeck. «Viele Leute hatten ihre Häuser nicht genügend gesichert, wir mussten mit Sandsäcken die Objekte schützen.»

In Rostock entlang der Warnow waren viele Häuser in einem zwei Kilometer langen Abschnitt gefährdet. Eine Straße wurde über mehrere Kilometer wegen des Hochwassers gesperrt, in Häuser drang Wasser ein.

 

Sturm und Schnee sorgten auch für zahlreiche Unfälle in Mecklenburg-Vorpommern, allein zwischen 18 und 22 Uhr wurden der Polizei 22 glättebedingte Unfälle gemeldet. Auch in Bayern und Baden-Württemberg brachten glatte Straßen Autofahrer ins Schleudern. In Oberbayern krachte es nach Polizeiangaben dreimal so häufig wie sonst.

Tief «Axel» sollte von Skandinavien in der Nacht quer über die Ostsee weiter nach Weißrussland ziehen. Vor allem im Osten und Süden Deutschlands kann es laut DWD aber auch am Donnerstag tagsüber noch bei kräftigen Schnee- und Graupelschauern zu Wintergewittern kommen. An den Nordrändern der Mittelgebirge sowie an den Alpen könne es lang anhaltende Schneefälle geben. Im Bergland könnten die Temperaturen über frisch gefallenem Schnee sogar auf minus 20 Grad sinken. Am Freitag sei in ganz Deutschland tagsüber «gemäßigter Frost» bis minus sieben Grad zu erwarten.

Gut vorbereitet

Rostock habe sich gut auf „Axel“ vorbereitet, sagt Stadtsprecher Ulrich Kunze. Bereits am Dienstag habe die Feuerwehr  mehr als 2000 Sandsäcke befüllt und auf Fahrzeuge umgelagert. Die Hansestadt verfüge über einen Sonderschutzplan Hochwasser, erklärt Kunze. Bei einem anstehenden Hochwasserszenario würden unter anderem  die Wasserwehren in Markgrafenheide und Warnemünde  in Alarmbereitschaft versetzt, die ab einem Wasserstand von 1,25 Meter regelmäßige Kontrollfahrten durchführen sowie Sturmflutschutzanlagen bedienen.

 

Doch dann kam die Sturmflut – und die Lage spitzte sich zu. In Stralsund, Wismar, Lübeck und Rostock drückte sich in Hafennähe das Ostseewasser durch Kanalisation und Gullys. Anwohner sicherten in den Ostseestädten Häuser und Gaststätten mit Spundwänden und Sandsäcken. In der Rostocker Altstadt stand das Wasser bis zu 20 Zentimeter hoch, entlang der Warnow waren viele Häuser gefährdet.  In Warnemünde lief das Restaurant „Seehund“ voll. Am Strande stehen zwei Spuren unter Wasser, der Keller vom Theater im Stadthafen muss von der Feuerwehr leergepumpt werden und der Parkplatz ist weitgehend geflutet.

Auch in den weiter westlich gelegenen Regionen stellten sich die Behörden auf die Sturmflut ein. In Wismar wurden vorhandene Sandsackwälle um eine Lage erhöht. Am Ende des Überseehafens sei ein Kai noch nicht hochwassergesichert, sagte Hafenkapitän Harald Forst. „Dort könnte Wasser überschwappen.“ Mehrere hafennahe Straßen und ein Parkplatz am Alten Hafen wurden wegen Überflutungsgefahr gesperrt. Durch Straßensperrungen in der Hansestadt kommt es heute ab 17.45 Uhr bis voraussichtlich Mittwoch 9.00 Uhr zu Linienänderungen bei Nahbus in Wismar. Das Grundwasser ist in der Stadt dermaßen angestiegen, dass es durch die Gullys in der Innenstadt drückt. Auch Ingrid Schöller schützt ihre Auffahrt vor den drohenden Fluten: „Wir haben häufiger Hochwasser, aber nicht so wie es dieses Mal angekündigt wurde.“

In der Region Lübeck lag der Wasserpegel um 1,60 Meter über mittlerem Wasserstand, in Rostock 22.30 Uhr bei 1,67 Meter, in Wismar sogar über 1,70 Meter und damit gut zehn Zentimeter mehr als prognostiziert. Jürgen Holfert, Leiter des Wasserstanddienstes Ostsee des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie (BS) rechnete am späten Abend noch mit etwa zehn Zentimeter weiterem Anstieg. Es ist die schwerste Sturmflut seit zehn Jahren.

Auf der Insel Rügen überspülte das Hochwasser im Bereich Mönchgut-Granitz eine Straße und schnitt so einen ganzen Ortsteil  ab. Das Wasser stehe rund 40 Zentimeter hoch auf der Zufahrtsstraße, sagte der Kreisfeuerwehrchef von Vorpommern-Rügen, Gerd Scharmberg. Auf Usedom verursachte die Sturmflut größere Schäden. Es galt Alarmstufe 3. Zwischen Koserow und Zempin habe es Steilufer-Abbrüche gegeben. Treppenaufgänge seien weggerissen worden, auch Imbissbuden und Teile von Strandpromenaden, sagte der Sprecher des Kreises Vorpommern-Greifswald, Achim Froitzheim. „Das ist kein Kindergeburtstag. Das ist schlimmer als erwartet.“ Dazu kam im Land ein Wintereinbruch, mit Schnee- und Graupelschauern.

Hintergrund: Sturmhochwasser und Sturmfluten

Anders als in der Nordsee gibt es in der Ostsee keine großen Gezeiten mit Flut und Ebbe. Laut Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) treten in der Ostsee nur kleine Restgezeiten als Auswirkung der Nordsee auf, die von Westen nach Osten abnehmen und in Flensburg etwa 25 Zentimeter und in Koserow (Usedom) nur etwa drei Zentimeter betragen. Eine Sturmflut ist streng genommen an der Ostseeküste ein Sturmhochwasser.

Dennoch bürgerte sich im 19. Jahrhundert mit der verheerenden „Sturmflut von 1872“ der Begriff auch für die Ostsee ein. Mit Wasserständen von etwa drei Meter über Normal „überflutete“ die Ostsee ganze Landstriche zwischen Dänemark und Pommern. An der südwestlichen Ostseeküste starben 273 Menschen.

Nach der deutschen Teilung wurde in Schleswig-Holstein der Begriff Sturmflut für die Ostsee weiterverwandt, während in der DDR Wasserstände mit mehr als einen Meter über Normal als Sturmhochwasser galten. Mit der Wiedervereinigung setzte sich die historische Bezeichnung auch wieder im Ostteil Deutschlands durch. Die Behörden sprechen einheitlich von Ostsee-Sturmfluten. 

Infografik: Die stärksten Sturmfluten an der Ostseeküste | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista 

Zuvor waren Küstenregionen  gestern damit  beschäftigt, Vorbereitungen gegen die anrollenden Wassermassen zu treffen. Auf  Rügen und Usedom nagten die Wellen bei Wasserständen von einem Meter über Normal bereits am Nachmittag an den Stränden. In Binz erreichte das Wasser den Dünenfuß. Strandbudenbesitzer auf Usedom und Rügen hatten ihre Utensilien weggeräumt. In Greifswald wurde  das Sperrwerk geschlossen, um die Innenstadt vor dem Hochwasser zu schützen.  In Wismar wurden Sandsackwälle um eine Lage erhöht. Auf Poel lagen 30000 Sandsäcke bereit. Auch Ingrid Schöller schützt ihre Auffahrt vor den drohenden Fluten: „Wir haben häufiger Hochwasser, aber nicht so wie es dieses Mal angekündigt wurde.“

Dr. Reiner Tiesel, Meteorologe aus Rostock,  untersucht Wetterdaten für den Ostseeraum. „Sturmfluten werden durch schwere Stürme oder Orkane verursacht. Auch 1995, 2002 und zuletzt 2006 hat es schwere Sturmfluten gegeben“, erklärt er. Weil die Tiefdruckgebiete intensiver und stärker geworden seien, habe auch die Anzahl von Sturmfluten zugenommen. Im aktuellen Fall bringt „uns  Nordwestlage des Windes die Sturmflut“, erläutert Tiesel. „Durch die Westlage lief in den letzten Tagen und Wochen  besonders viel Wasser von der Nordsee  in die Ostsee.“ Das Meer  könne  mit einer prall gefüllten Badewanne verglichen werden, die  durch  Wind mit Stärken von  9 bis 11  aufgepeitscht wird und überschwappt. In der Konsequenz werden Strände deformiert und Küstenabhänge abgerissen. Zum frühen Morgen hin sollen die Pegelstände wieder sinken und sich die Lage entspannen.

Für die Nord- und Ostsee gelten unterschiedliche Sturmflutkategorien. Die Tabelle zeigt welche:

Nordsee Wasserhöhe
Sturmflut 1,5 bis 2,5 Meter über mittlerem Hochwasser (MHW)
Schwere Sturmflut 2,5 bis 3,5 Meter über MHW
Sehr schwere Sturmflut Mehr als 3,5 Meter über MHW
Ostsee  
Sturmflut 1 bis 1,25 Meter über mittlerem Wasserstand
Mittlere Sturmflut 1,25 bis 1,5 Meter über mittlerem Wasserstand
Schwere Sturmflut 1,5 bis 2 Meter über mittlerem Wasserstand
Sehr schwere Sturmflut Mehr als 2 Meter über mittlerem Wasserstand

 

„Axel“ behindert Zugverkehr und legt Bauarbeiten lahm

Nicht nur die Meere bringt das Sturmief zum Anschwellen, es bringt auch zahlreiche Behinderungen auf dem Land mit sich. So sorgten die stürmigen Böen für eine weitere Verzögerung bei der Erneuerung der Petersdorfer A 19-Autobahnbrücken nahe Malchow. Wie das Schweriner Verkehrsministerium mitteilte, wurde der für Donnerstag geplante Abriss-Start für die erste Teilbrücke um knapp eine Woche verschoben. Damit entfalle auch die geplante Vollsperrung der Autobahn am Mittwoch, bei der die alten Brücken zur Vorbereitung quer aufgeschnitten werden sollte. Die Arbeiten seien bei Sturm aus Sicherheitsgründen nicht möglich, sagte ein Sprecher der Fernstraßenbaugesellschaft Deges (Berlin).

Auf den Zugstrecken im Norden verursachten umgestürzte Bäume im morgendlichen Berufsverkehr Verspätungen. Betroffen waren nach Angaben eines Sprechers der Deutschen Bahn die Strecken Kiel-Hamburg und Schwerin-Hamburg. Demnach war der Abschnitt zwischen Hagenow-Land und Holthusen gesperrt, die Züge wurden über Ludwigslust umgeleitet. Auf der Strecke zwischen Kiel und Hamburg war wegen umgestürzter Bäume nur ein Gleis befahrbar, wie ein Sprecher der Deutschen Bahn sagte.

 

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