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Untreue-Prozess Wismar : Stadtkämmerer Heinz Holthoff verurteilt

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Heinz Holthoff erhält eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten / Strafe zur Bewährung ausgesetzt

svz.de von
erstellt am 02.Sep.2014 | 14:01 Uhr

„Die Rente ist das Schlimmste.“ – Noch vor der Urteilsverkündung im Untreueprozess gegen Heinz Holthoff machte der ehemalige Wismarer Stadtkämmerer keinen Hehl daraus, was das Schlimmste an einer möglichen Bestrafung für ihn wäre. Nur knapp eine halbe Stunde später  wurde der 63-Jährige gestern vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Wismar wegen schwerer gewerbsmäßiger Untreue in 52 Fällen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und fünf Monaten verurteilt. Die Strafe wurde zu drei Jahren auf Bewährung ausgesetzt.

„Ich gehe davon aus, dass nach Eintritt der  Rechtskräftigkeit des Urteils in diesem Zusammenhang auch Ihr Beamtenstatus aufgehoben wird“, sagte Michael Bauer. Der Richter am Amtsgericht Wismar hatte zuvor die nur knapp zweieinhalbstündige Verhandlung  geleitet. Mit dem Verlust des Beamtenstatus  ginge für Heinz Holthoff der Verlust der Pensionsansprüche einher. Folge: Otto-Normal-Rente von  etwa 1400 Euro pro Monat.

Die Staatsanwaltschaft Schwerin hatte am 19. Juni dieses Jahres  gegen den ehemaligen Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft sowie der Sanierungsgesellschaft der Hansestadt Wismar Anklage am Wismarer Schöffengericht erhoben. Begründung: „Gegen ihn besteht der hinreichende Verdacht der gewerbsmäßigen Untreue in insgesamt 52 Fällen.“  Ein Verdacht, den der Angeklagte im Vorfeld und auch in  der Verhandlung bestätigte und mit einem umfassenden Geständnis untermauerte.

Der Angeklagte gab in der gestrigen Verhandlung zu, im Zeitraum von November 2008 bis zu seiner Abberufung im Dezember 2012 als Geschäftsführer der beiden städtischen Gesellschaften und als Vorstandsmitglied der Städtischen Stiftungen zu Wismar  jeweils Barabhebungen in Größenordnungen zwischen 380 und 22 850 Euro von verschiedenen, ihm anvertrauten Konten vorgenommen zu haben, und das so erlangte Geld in einer Gesamthöhe von etwa 160 000 Euro zu Unrecht und ausschließlich für private Zwecke genutzt zu haben. Wofür Heinz Holthoff  dieses Geld konkret verwendet hatte, daran konnte er sich  nicht mehr erinnern.

Die Hemmschwelle des nunmehr Verurteilten zur Fortsetzung seiner zwischen 2008 und Ende 2012 durchgeführten Straftaten sei mit jedem Jahr gesunken, in dem diese nicht bekannt geworden seien, führte der Richter am Amtsgericht Wismar aus und sprach von einer „Abnahme moralischer Zurückhaltung“. Ein Fakt, der wie auch die Geständigkeit des Angeklagten bei der Festlegung des Strafmaßes mildernd in Betracht gezogen wurde.

Doch wie konnte so etwas überhaupt passieren? So unbemerkt? So ungehindert? „Entscheidend war in dem heutigen Verfahren nicht, zu erfahren, welche Straftaten begangen wurden“, so Michael Bauer. „Entscheidend war  zu verstehen, was dahinter steht.“ Doch diese Frage konnte weder das Gericht, noch Holthoff, noch irgendjemand anders im Gerichtssaal beantworten.

Heinz Holthoff hatte die Barabhebungen als Sicherheitsleistungen im Rahmen von Immobilien-Zwangsversteigerungen anfangs im Auftrag der städtischen Wohnungsbau- später parallel auch der Sanierungsgesellschaft getarnt und an das mit der Erstellung der Jahresberichte beauftragte Steuerbüro in Rostock weitergegeben. Dass derartige Sicherheitsleistungen gar nicht mehr in bar getätigt werden dürfen, fiel dort niemandem auf. Und ergo auch nicht den nachgeschalteten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften.

„Natürlich vertraut eine Gesellschaft, insbesondere eine städtische, ihrem Geschäftsführer“, sagte der verhandlungsführende Richter. „Aber wenn eine Wirtschaftsprüfung so lasch über die Bühne geht, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Das ist für mich nicht nachvollziehbar.“

Das bemerkte im Übrigen auch der Vertreter der Staatsanwaltschaft Schwerin. „Hat man es dem Angeklagten zu leicht gemacht? Hätte  mehr Kontrolle sein müssen? Und wieviel Kontrolle sollte es eigentlich sein? Aber auch: Wer kontrolliert die Kontrolleure?“, fragte sich Andreas Blank. Der Jahresabschluss als Kontrollinstrument hätte hier jedenfalls gar nicht greifen können. Denn dieser war ja durch Heinz Holthoff durch dessen Unwahrheiten in den Berichten an die Steuerberater indirekt manipuliert worden.

Bleibt die Frage nach dem Warum. Warum hatte es Heinz Holthoff mit einem – nach eigenen Worten – Nettoeinkommen von 4000 Euro monatlich überhaupt nötig, in die städtischen Kassen zu greifen? „Offenbar liegt die Ursache in einer bestandenen und immer noch bestehenden Selbstüberschätzung“, versuchte dieser eine Erklärung. „Wir hatten zwei kleine Häuser an der Ostsee erworben, die wir als Ferienhäuser vermieten und in eines später einziehen wollten. Aber mit den für die Kreditablösung kalkulierten 100 Vermietungstagen pro Jahr hat es nur zum Anfang geklappt.“ Dies solle aber weder Begründung noch Entschuldigung sein. „Ich zermartere mir seit zwei Jahren das Gehirn, wie es mir überhaupt gelingen konnte, ohne innere Einwände solche Dinge zu tun. Es gibt keine objektive entschuldbare Erklärung dafür. Ich möchte mich bei allen Beteiligten dafür entschuldigen. Mögen sie versuchen, mir zu verzeihen.“

Nach Gedanken an Freitod, einem zweiten Herzinfarkt, krankheitsbedingtem Vorruhestand  und  mehrwöchiger Behandlung im Universitätsklinikum  in Lübeck lebt Heinz Holthoff jetzt in einer Mietwohnung in Schleswig-Holstein. „Ich musste unsere Häuser ja verkaufen“, so der Ex-Kämmerer.

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