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Schwerinerin in Chile : Spüre das Leben – Siente la vida

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Von rituellen Tänzen und einer pädagogischen Auszeit: Marie Eckermann berichtet in unserer Zeitung von ihrem Freiwilligendienst in Chile

Ein sonniger, warmer Freitag im Sommer, es ist Dezember. Auf einer großen Wiese in den Bergen der Andenkordillere, in der Provinz „Alto Bío Bío“, versammeln sich nach und nach immer mehr Familien, um Zelte aus großen Planen aufzubauen. Auf der einen Seite zur Wiese hin offen und mit stabilisierenden Ästen auf der Rückseite gehalten, bilden die Zelte einen Halbkreisbogen. Es handelt sich hier jedoch nicht um ein gemeinschaftliches Campingevent, sondern um ein Treffen der indigenen Bevölkerung aus dieser Region, um ein jährliches Ritual zur Begrüßung der warmen Jahreszeit durchzuführen.

Die Menschen sind Pehuenche-Indianer, was übersetzt „Menschen der Araukarien“ bedeutet. Der chilenische Baum Araukarie bedeutet in Mapudungun, der Sprache der Mapuche, pewen. Daher leitet sich der Name der Pehuenche ab.

Die Pehuenche gehören zur Bevölkerung der Mapuche und leben vor allem in zwei südlichen Regionen Chiles, unter anderem in den Gebieten der Andenkordillere der Region Bío Bío. Ungefähr eine Autostunde von meiner Stadt Santa Bárbara entfernt beginnt der hauptsächliche Siedlungsraum der Pehuenche.

Bei diesem Ritual lassen die Menschen ihre alten Bräuche wieder aufleben. Viele Frauen tragen typischen Schmuck und traditionelle Kleider. Über den Tag verteilt finden immer wieder Tänze statt, die von den Männern aufgeführt werden. Begleitet werden die Tanzenden dabei von Gesängen der Frauen und Trommelklängen. Es herrscht eine klare Rollenverteilung. Deutlich erkennbar ist, wie stolz die Menschen auf ihre Kultur sind und mit wieviel Herzblut und Emotionen sie ihre Traditionen begehen.

Vor jedem Familienzelt köcheln große Töpfe mit reichhaltigen Mahlzeiten aus Fleisch, Kartoffeln und verschiedensten Suppenvariationen über offenen Feuern. Am letzten Tag gibt es für alle eine gemeinschaftliche Mahlzeit, eine Art Suppe aus gemahlenen Pinienkernen und Wasser, welche vorher über Nacht draußen gegoren ist. Zu den Mahlzeiten wird oft Wein gereicht.

Ich durfte als große Ausnahme und als Begleitung von Einheimischen an so einem rituellen Wochenende teilnehmen. Aus diesem Grund finde ich es äußerst freundlich und offenherzig von den Pehuenche-Indianern, dass sie eine „Gringa“ wie mich zu einem derart intimen Ritual zugelassen haben. Oft spürte ich zwar skeptische oder einfach neugierige Blicke auf mir, ich wurde jedoch stets nett und aufmerksam behandelt. Dafür und insgesamt haben die Menschen meinen tiefen Respekt!

Nach Silvester begann für meinen Mitfreiwilligen und mich – zusammen mit allen anderen deutschen Freiwilligen unserer Organisation VIA e.V. aus Chile und Argentinien – unser Zwischenseminar nach fast der Hälfte der Zeit unseres Freiwilligendienstes. Dank unserer deutschen Koordinatorin, die vor 20 Jahren nach ihrem Freiwilligendienst in Chile hier ihr neues Zuhause fand, konnten wir acht Tage auf ihrem wunderschönen Grundstück mitten in den Bergen des Alto Bío Bío verbringen. Abseits der Zivilisation, ohne Internetanschluss, mit Plumpsklo außerhalb der Schlafhütte, selbstgebackenem Vollkornbrot nach deutschem Rezept und mit dem wunderbarsten Wasser direkt aus einer Quelle am Haus verbrachten wir unser Seminar mit insgesamt 20 Freiwilligen und zwei Teamleitern. Handys und Laptops ließen wir alle bewusst ausgeschaltet, so dass wir uns voll und ganz auf die Diskussionen im Seminar, die unglaublich schöne Natur und vor allem auf unsere eigene Erfahrungsreflektion konzentrieren konnten.

Was habe ich bereits in den vergangenen vier Monaten in Chile erlebt und gesehen? Worüber denke ich besonders nach und was bereitet mir Probleme? Wie sehe ich mich in meiner Einsatzstelle und wie schätze ich mein Projekt ein? Wie habe ich mich verändert und was möchte ich erreichen?

Bei solchen Fragen fiel uns der Erfahrungsaustausch leicht, denn wir bemerkten trotz unterschiedlicher Projekte und Erlebnisse, dass wir die ein oder andere gleiche persönliche Entwicklung durchmachen. Mir persönlich hat dieses Seminar sehr viel gebracht.

So manches Mal hatte ich bei der Arbeit im Kinderheim in Santa Barbara leichte Anflüge von Frustration bei mir bemerkt, wenn die Arbeit mit „meinen“ Kindern nicht so verlief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Durch den Austausch mit den anderen Freiwilligen habe ich jedoch neue Motivation und Energie für meine Arbeit im Projekt gewonnen.

Die mir noch bleibenden sieben Monate können kommen, denn nun kann ich wirklich sagen: Ich fühle mich in Chile zuhause.
 

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