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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 11:43 Uhr

Prozessbericht : Sprengstoff im Stoffbeutel

vom
Aus der Onlineredaktion

55-jähriger Waffennarr transportierte explosive Funde am Fahrrad durch die Stadt. Staatsanwaltschaft empfiehlt Betreuung im Heim

von
erstellt am 11.Mär.2017 | 05:00 Uhr

Weil er an einer zwanghaften Sammelleidenschaft erkrankt ist, soll ein Schweriner in ein geschlossenes Heim eingewiesen werden. Das hat die Staatsanwaltschaft am Landgericht Schwerin beantragt. Der 55-jährige hatte mitten in der Landeshauptstadt zwei Garagen und eine kleine Lagerhalle mit alter Munition, Waffen und Sprengstoff gefüllt. Das Kriegsmaterial stammte vor allem von der Wehrmacht, aber auch von der Nationalen Volksarmee oder der Roten Armee. Der Waffennarr hatte es in den Wäldern am Stadtrand Schwerins und auf Truppenübungsplätzen ausgegraben. 2014 zog er auch alte Munitionskisten aus einem der Schweriner Seen.

Im August 2016 stellte die Polizei in den bis unters Dach gefüllten Garagen in der Schweriner Weststadt und im Gewerbegebiet Görries unter anderem mehr als 2000 Schuss Munition, Panzersprenggranaten, Eierhandgranaten, zerlegte Waffen und mehrere Stangen TNT-Sprengstoff sicher. Der Munitionsbergungsdienst sperrte das Gebiet weiträumig ab, bevor er das zum Teil stark verrostete Kriegsgerümpel abtransportierte. Insgesamt hatte er allein 16,8 Kilogramm Sprengmittel gehortet. Die Wohnung des Mannes war vollgestopft mit so genannten Militaria sowie entsprechenden Büchern und Zeitschriften. Er selbst war offenbar zurück zu seiner Mutter in sein früheres Kinderzimmer gezogen, wo er Modelle von Panzern, Flugzeugen und anderen Militärfahrzeugen baute.

Die brisante Sammlung des 55-Jährigen war im vergangenen Sommer durch Zufall aufgeflogen. Das Tor zu einer seiner Garagen war nicht ordentlich verschlossen. Im Müll davor fanden sich wohl auch Patronenhülsen. Der städtische Vermieter forderte ihn auf, die Garage abzusichern. Als er das versäumte, holte der Vermieter die Polizei. Wegen des Verdachts, gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz verstoßen zu haben, kam der Waffennarr in Untersuchungshaft. Nachdem Ärzte bei ihm eine Schädigung des Gehirns feststellten, wurde er in ein psychiatrisches Krankenhaus verlegt. Es ist laut Gutachter geistig nicht in der Lage, seine Schuld einzusehen, weshalb er auch nicht ins Gefängnis kommen wird.

Auf Waffen- und Munitionssuche hatte er sich bereits in den 1990er-Jahren gemacht. Im Jahr 2000 wurde er deswegen zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Er machte trotzdem weiter. Nach seiner Festnahme kam heraus, dass er ursprünglich zwei weitere Garagen als Lager nutzte. Als er diese räumen musste, mietete er eine Lagerhalle im Stadtteil Görries.

Nicht nur, weil er seine Garagen nicht ordentlich verschloss, war seine Sammelleidenschaft gefährlich für seine Mitmenschen. Eines der Lager wurde einmal von Jugendlichen aufgebrochen und als Partyraum genutzt. Vollkommen unbekümmert transportierte er seine Funde in Stoffbeuteln oder im Anhänger hinter seinem Fahrrad durch die Stadt. 2014 wurde er während einer Tour von einem Auto angefahren. Seine gefährliche Fracht hätte explodieren können, betonte die Staatsanwältin.

Weil er wegen seines psychischen Zustands immer wieder zum „Sammeln“ in die Wälder ziehen würde, bleibe er eine Gefahr für die Allgemeinheit und müsse, so die Staatsanwältin, sicher untergebracht werden. Der Verteidiger des Mannes stimmte der Staatsanwältin weitgehend zu. Sie waren sich auch einig, dass es möglicherweise reicht, wenn der Mann in ein Heim kommt, wo er sozial betreut und derart beschäftigt wird, dass er zu Streifzügen durch den Wald keine Zeit hat. Das Gericht wird in gut einer Woche seine Entscheidung verkünden.

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