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Mecklenburg-Vorpommern

22. November 2017 | 23:25 Uhr

Sportliche Senioren altern langsamer

vom

svz.de von
erstellt am 12.Mär.2012 | 12:04 Uhr

SCHWERIN | "Step - step - side to side - vier - drei - zwei - eins", tönt es zu schneller Popmusik durch den Raum. Auf dem hellen Parkettboden marschieren 13 Senioren vor einem großen Spiegel auf und ab, schwenken die Arme und strecken die Beine nach vorne. An den Wänden lehnen Yogamatten, auf Gestellen sind kleine pink- und türkisfarbene Hanteln aufgestapelt. Oft hört man ein Lachen, wenn einer der Teilnehmer zu eng in eine Ecke gerät oder sich verzählt und den Rhythmus durcheinanderbringt. Die Stimmung ist gut beim Kurs "Fit ab 50" im Schweriner Fitness-Studio "Dynamic Sport". "Eines Tages treffen wir uns noch mit dem Rollator hier", scherzt einer der Sportler. Und Trainerin Petra Koop ergänzt lachend: "Und ich gebe mit Krückstock dann immer noch Stunden!"

Seit Jahren steigt die Lebenserwartung in Deutschland kontinuierlich: Zurzeit werden Männer im Durchschnitt 77 Jahre, Frauen sogar 82 Jahre alt. Und um im Alter fit und aktiv zu bleiben, empfiehlt es sich, Sport zu treiben. Das nehmen sich in Mecklenburg-Vorpommern viele Senioren zu Herzen: Von den insgesamt 230 000 Mitgliedern des Landessportbundes Mecklenburg-Vorpommern (LSB-MV) waren dieses Jahr knapp 34 000 über 60 Jahre alt.

Dabei ist in den letzten Jahren ein hoher Anstieg von älteren Sportlern zu verzeichnen: Im Jahre 2000 waren nur rund sechs Prozent der Mitglieder älter als 60 Jahre, 2011 dagegen bereits knapp 15 Prozent. Insgesamt sind deutlich mehr ältere Frauen im LSB-MV aktiv, dieses Jahr rund 18 500 gegenüber rund 15 500 Männern. Die beliebtesten Sportarten bei den Senioren sind Schützensport, Segeln und Surfen sowie Fußball, bei den Seniorinnen Turnen, Schwimmen und Segeln/Surfen. Auch in der Mitgliederstatistik des Deutschen Olympischen Sportbundes verzeichnet die Gruppe der über Sechzigjährigen insbesondere bei den Frauen prozentual schon zum wiederholten Mal das größte Wachstum.

Mit 65 Jahren dreimal wöchentlich ins Studio

Die Seniorengruppe im Fitnessraum bewegt sich inzwischen fast vollkommen im Gleichschritt. "Jetzt hab ich’s", ruft eine Frau freudig, als sie den Bewegungsablauf einer Übung zum ersten Mal richtig nachgemacht hat. Auf die dynamischen Step-Übungen folgt Kraft- und Dehnungstraining. Als die Sportler im Sitzen mit ausgestreckten Beinen ihre Zehen berühren sollen, ist von vielen lautes Schnaufen zu hören. "Es wird mit jedem Mal einfacher, glaubt mir", sagt die Trainerin. Petra Koop leitet die Gruppe schon seit vielen Jahren und kennt alle Teilnehmer gut. "Bei den Älteren muss man schon ein wenig darauf achten, welche Vorerkrankungen sie mitbringen, ob Schäden am Knie, an der Halswirbelsäule oder eine Arthrose", erklärt sie. Alle Übungen würden an die Motorik der Senioren angepasst, Gleichgewichts übungen seien gut zur Vorbeugung von Stürzen.

Eine ihrer Kursteilnehmerinnen geht inzwischen dreimal die Woche ins Fitness-Studio. "Als Rentnerin habe ich jetzt endlich Zeit dafür", sagt die 65-Jährige, die hier schon seit fast sieben Jahren Sport treibt. Sie findet das Angebot sehr abwechslungsreich, es würden verschiedene Körperteile wie Schultern, Beine und Po trainiert. "Es ist absolut toll, wir sind eine gute Gruppe", sagt sie.

Unten im Kraftraum des Studios steigt Hans-Georg Schröder gerade vom Laufband. Seit zwei Jahren trainiert der 54-Jährige hier drei- bis viermal die Woche. Früher ist er Marathon gelaufen, was er jedoch nach einer schlimmen Stauchung aufgeben musste. "Nach dem Abtrainieren habe ich ziemlich viel zugenommen", erzählt er. "Irgendwann kam ich vom Zubinden der Schnürsenkel hoch und habe geschnauft wie sonst was. Das war für mich ein Schlüsselmoment, wieder mit dem Sport anzufangen." Nach einer Beratung durch einen Personal Trainer des Fitness-Studios hat er nun in anderthalb Jahren fast 20 Kilo abgenommen - mit Disziplin und Ehrgeiz, wie er sagt. "Inzwischen bin ich halb süchtig geworden nach dem Sport", sagt Schröder. "Trotzdem: Einmal die Woche darf ich beim Essen auch sündigen, zu verbissen sollte man nicht sein." Das häufige Training bekommt er allerdings nur mit seinem Beruf unter einen Hut, weil er im Schichtdienst arbeitet.

"Unsere Senioren sind zum Teil außerordentlich fit", erzählt Trainer David Ziegler. Die Kurse für Ältere würden sehr gut angenommen: Inzwischen sei knapp über die Hälfte der Mitglieder des Studios über 50 Jahre alt, viele trainieren mehrmals die Woche. "Natürlich muss man auf mögliche Krankheiten und Medikamenteneinnahme achten", sagt der ehemalige Profi-Tänzer. Darum werde bei jedem Neuling zunächst eine Bedarfsanalyse gemacht und der Blutdruck gemessen.

Wer keine Sportvereine mag und sich bei den Klassikern Walken, Wandern und Schwimmen langweilt, kann auch auf Ausgefalleneres zurückgreifen. So muss selbst bei Gehschwierigkeiten aufs Tanzen nicht verzichtet werden. Relativ neu ist der Rol lator-Tanz. Auf diese Idee kam Margret Hey vom "Tanz Treff Hey" aus Lemgo bei Bielefeld, als ihre Mutter selbst auf einen Rollator angewiesen war und mit dem Gerät im Kurs einfach mittanzte. "Jetzt wird der Rol lator-Tanz langsam überall im Kollegenkreis publik", erzählt die Tanzlehrerin. Man kann ihn alleine oder zu zweit ausüben, zu Polka, Samba, Walzer oder zu aktueller Pop-Musik. Begleitet werden die Kurse von Sturzprophylaxe und Gehschule. "Natürlich ist die Bewegung gesund, aber das Tanzen hilft den Senioren auch, besser mit ihrer fahrbaren Gehhilfe zurechtzukommen", erklärt Margret Hey. Man kann die Rollatoren an einer Seite feststellen und um die andere herumgehen, und sich auch draufsetzen. "Manche Geräte lassen sich wie ein Spazierstock zusammenklappen - das sind die sogenannten Gentleman-Modelle", erklärt Hey. Manche Senioren kämen durch das Tanztraining sogar wieder ganz ohne Gehhilfe aus.

In ihrer Tanzschule bietet Hey noch eine andere Spezialität für Ältere an: Therapeutisches Tanzen für Parkinsonkranke steht auf dem Programm. "Bewegung ist bei dieser Krankheit ganz wichtig, sie wirkt als unterstützende Therapie", erklärt Hey. Menschen mit Parkinson litten häufig an Start-Stop-Schwierigkeiten, das heißt, sie kommen aus dem Sitzen nicht hoch, lassen beim Gehen die Füße auf dem Boden schleifen und haben Probleme, wieder anzuhalten. "Tanzen hilft da wie verrückt", davon ist Hey überzeugt. Über mangelndes Interesse kann sie sich nicht beklagen: Manchmal kommen bis zu 80 Senioren zusammen, alle über 70. Der älteste Tänzer ist sogar schon 97 Jahre alt.

Eine gute Möglichkeit, auch im Alter aktiv zu bleiben, ist Yoga. "Für ältere Menschen ist vor allem Viniyoga geeignet", erklärt Angelika Beßler, Vorstandsvorsitzende des Berufsverbands der Yogalehrenden in Deutschland e.V. "Dabei ist die Anpassung wichtig - die einzelnen Haltungen oder Asanas werden an die Möglichkeiten Älterer angepasst." Im Mittelpunkt stehe also die Individualität des Schülers. Die Übungen seien dabei zum Beispiel auch auf einem Stuhl oder einem Hocker möglich - hilfreich, wenn es schwierig wird, sich auf eine Yoga-Matte zu legen. Auch bei einem reduzierten Gleichgewichtssinn ist das Üben auf Stuhl oder Hocker eine gute Unterstützung.

"Yoga ist im Prinzip alterslos", sagt Angelika Beßler. "Es kann in jeder Lebensphase ausgeübt werden." Auch Ungeübte könnten jederzeit damit beginnen. Steht die Atempraxis im Mittelpunkt der Übungen, bleibt ein Hauptaspekt des Yoga erhalten, auch wenn die Möglichkeiten des Körpers nachlassen. Der Geist kann zur Ruhe kommen. Während jüngere Leute eher körperorientiert üben und Menschen im mittleren Alter vor allem Wert auf Stressreduktion legen, kann Yoga Älteren helfen, sich auf neue Situationen einzustellen und dabei den Blick nicht ausschließlich auf die Einschränkungen des Älterwerdens zu lenken. Insgesamt geht es darum, eine größere Zufriedenheit zu erreichen.

"Yoga ist im Prinzip alterslos"

Wie viele Senioren in Deutschland Yoga praktizieren, ist unbekannt. "Die Grundlage, um Senioren zu unterrichten, ist, ein gut ausgebildeter Yoga-Lehrer zu sein", sagt Angelika Beßler. Spezielle Kenntnisse könnten Yogalehrende als Teilaspekte innerhalb einer guten Yogalehrausbildung oder in Form von fachspezifischen Weiterbildungen erwerben.

Ob nun Yoga, Tanz oder Fitness: Die Aufnahme eines Trainings lohnt sich jederzeit. Menschen, die erst mit 50 Jahren mit Sport beginnen, haben gute Chancen auf ein ebenso langes Leben wie jemand, der seit seiner Jugend Sport treibt. Allerdings muss man dafür mindestens fünf Jahre lang sportlich aktiv bleiben. Das ergab eine Langzeitstudie der schwedischen Universität Uppsala 2009. Auch Ärzte trommeln für die Fitness. So betont etwa Dr. Ralf Skripitz, Orthopäde und Sportmediziner am Universitätsklinikum Rostock, dass Sport für Senioren besonders wichtig sei. Abgesehen von der Verbesserung der Herzleistung, der Muskulatur und der Knochen wirke sich Sport positiv auf die Lebensqualität und das allgemeine Wohlbefinden aus. "Der gesamte Organismus kann gekräftigt und Knochenbrüche durch Osteoporose können vermieden werden", so Skripitz.

Auch dem Geist tut das Training gut. Nach Ansicht von Sportwissenschaftler Prof. Klaus Bös profitieren alte Menschen nicht nur körperlich vom Sport - viel wichtiger seien oft die psychischen und sozialen Auswirkungen. Die Senioren fühlten sich selbstbewusster und könnten Kontakte knüpfen. Auch kann Sport nach Ansicht des Deutschen Olympischen Sportbundes Angst und Depressionen vermindern, die geistige Leistungsfähigkeit verbessern und sogar das Demenzrisiko verringern. Welcher Senior jetzt noch einen Grund fürs Training braucht, kann sich spätestens nächstes Jahr nicht mehr herausreden: Denn 2012 hat die EU das Jahr des aktiven Alterns ausgerufen.

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