Sportler und die Politik

Argentiniens Junta-Chef Videla (M.) freut sich während der Übergabe des Weltmeister-Pokals an die siegreiche argentinische Mannschaft bei der WM 1978 im eigenen Land. Foto: dpa
Argentiniens Junta-Chef Videla (M.) freut sich während der Übergabe des Weltmeister-Pokals an die siegreiche argentinische Mannschaft bei der WM 1978 im eigenen Land. Foto: dpa

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03. Mai 2012, 11:20 Uhr

Berlin | Viel ist von Boykott die Rede, doch selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist bei der Fußball-EM in Polen und der Ukraine nur eine Randfigur. Im Fokus stehen die Nationalspieler. Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat die Spieler ermuntert, ihre Haltung zu Menschenrechtsverletzungen und zum Umgang mit der ukrainischen Oppositionsführerin Julia Timoschenko klar zu äußern. Die Frage ist: Wie politisch sollen Sportler sein?

Können die Spieler den Druck für eine Behandlung der kranken Timoschenko im Ausland erhöhen oder nützliche innenpolitische Werbeeffekte für Präsident Viktor Janukowitsch durch die EM konterkarieren? Der DFB setzt traditionell auf eine strikte Trennung von Sport und Politik. Schon einmal wurde im Vorfeld eines großen Fußball-Turniers heftig debattiert, wie man mit einem Gastgeber umgeht, der demokratische Standards missachtet.

1978 war die Lage in Argentinien wesentlich schlimmer als heute in der Ukraine, doch die BRD-Kicker glänzten nicht gerade mit Kritik an Folter und Tod. Menschenrechtler kritisierten scharf, dass sich der DFB nicht für das Schicksal von Verschwundenen, darunter Dutzende Deutsche, einsetze.

Hyperinflation und Wirtschaftskrise sowie das Erstarken des Linksterrorismus hatten im März 1976 zum Putsch und Errichtung eines Militärregimes geführt. Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, General Jorge Rafael Videla, Marinechef Eduardo Emilio Massera und der Chef der Luftwaffe Orlando Ramón Agosti bildeten die Militärjunta.

Sofort erkannte die Militärregierung, dass in der WM ein enormes Potenzial für die Innen- und Außenwirkung lag. Die amerikanische PR-Agentur Burson & Marsteller wurde für 1,1 Millionen US-Dollar damit beauftragt, das Image der Militärs im Ausland zu verbessern. Die Agentur attestierte dem Regime, die WM wäre eine einmalige Chance, das Denken im Ausland über Argentinien in positivere Bahnen zu lenken.

Medien wie der "Stern" berichteten in Deutschland sehr kritisch und verwiesen auf Berichte von Amnesty International, dass tausende Regimegegner gefoltert würden oder verschwunden seien. Sie sollen teilweise lebendig über dem Meer aus Hubschraubern geworfen worden sein.

Doch viele Nationalkicker wollten davon nichts wissen. Und weil nicht nur die deutschen, sondern die meisten der internationalen Gäste schwiegen, gelang dem Regime letztlich der geplante Propagandaerfolg.

Heinz Flohe (Köln) sagte damals: "Für einen Fußballer ist es nicht wichtig, sich mit der Politik zu befassen, das ist Sache der Regierung. Ein gutes Gefühl hat man natürlich nicht, wenn man vom Militär ins Hotel geleitet wird und die hamne Kanone im Anschlag. Aber wenn das sein muss, muss das sein." Sepp Maier (München) fürchtete, dass bei Kritik eine Verhaftung drohen könnte. Manfred Kaltz (HSV) sagte: "Ich fahr da hin, um Fußball zu spielen, nichts sonst. Belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird. Ich habe andere Probleme." Paul Breitner, der an der WM 1978 nicht teilnahm, forderte hingegen von seinen Fußballkollegen: "Verweigert den Generälen den Handschlag!"

Letztlich beschäftigte die Deutschen ohnehin mehr die Schmach von Cordoba (2:3 gegen Österreich). Und auch wenn die Militärjunta dank der Instrumentalisierung des Fußballs kurzfristig Erfolg hatte: Genutzt hat es ihr nicht. Die zunehmend unter Druck stehenden Militärs suchten ihr Glück 1982 im Falkland-Krieg, 1983 war ihr Ende gekommen - und Argentinien machte sich auf den Weg Richtung Demokratie.

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