Spinner kocht die Emotionen hoch

Heftig treffen die Meinungen zum Thema Eichenprozessionsspinner aufeinander. Zur Protestversammlung sind Betroffene aus der gesamten Elbtalaue und darüber hinaus ins Gasthaus Paesler gekommen. Foto: Petra Ferch
Heftig treffen die Meinungen zum Thema Eichenprozessionsspinner aufeinander. Zur Protestversammlung sind Betroffene aus der gesamten Elbtalaue und darüber hinaus ins Gasthaus Paesler gekommen. Foto: Petra Ferch

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16. Juli 2012, 09:34 Uhr

Lanz | Die Sitzplätze reichen nicht, so groß ist das Interesse am Freitagabend in Lanz. Denn im Namen vieler Betroffener hat Friedhelm Stolte aus Wustrow zu einer Protestversammlung eingeladen. Thema: Der Eichenprozessionsspinner. Der macht sich nämlich immer breiter , nicht nur in der Elbtalaue, aber dort mit ganz besonderen Folgen für die Menschen. Sie leiden unter dem Gift der kleinen Härchen der Raupe, die nicht nur auf die Haut treiben, sondern auch in die Wäsche auf der Leine, in Autos, ja selbst in die Kräuter im Gemüsegarten. Urlauber machen längst einen Bogen um die sonst wegen ihrer einzigartigen Natur gern besuchte Region. Das führt zu Verdienstausfällen, beispielsweise für die Küche im Schullandheim Lenzen, denn das Ferienlager des DRK wurde bereits nach einer Woche abgebrochen.

Eine geballte Ladung Frust, die am Freitag Abend vor allem Landrat Hans Lange zu spüren bekommt, denn die Menschen fühlen sich allein gelassen mit ihrem Problem, verweisen auf den Nachbarkreis Havelland, wo Dank eines gemeinsamen Vorgehens im Frühjahr rund 80 Prozent des Schädlings mittels Spritzens aus der Luft bekämpft werden konnten. Man habe dort eine Ordnungsverfügung erlassen, "einen erfolgreichen Schachzug gemacht, und wer Erfolg hat, hat Recht", kommentierte Lange. Er kündigte an, dass gemeinsam mit allen Verantwortungsträgern wie Kommunen, Straßenbaulastträgern und weiteren ein koordiniertes Vorgehen im Frühjahr 2013 vorbereitete werde. Dazu sei es aber notwendig, dass jetzt alle befallen Bäume, auch die auf Privatgrundstücken, gemeldet würden.

Gleichzeitig habe der Landkreis beschlossen, jetzt an seinen Straßen, vor allem in den Ortslagen, die Raupennester noch abzusaugen, denn "Falter, die nicht schlüpfen können, legen auch keine neuen Eier". Im Mittelpunkt müsse die Gesundheit der Bürger stehen, nicht die Kosten einer solchen Aktion. Mit diesem Argument widerspricht er auch Christian Steinkopf, dem Bürgermeister von Lenzen, der auf eine Frage von Stolte, ob denn Lenzen auch noch etwas unternehmen werde, antwortet, für dieses Jahr sei es zu spät und der Haushalt gebe das auch nicht her. Dann müsse in den Dispo gegriffen werden, entgegnet Lange mit dem Hinweis darauf, dass auch der Kreis Schulden habe, die er abbauen müsse.

Dass der Eichenprozessionsspinner sich seit Jahren immer breiter macht, nicht nur im Landkreis Prignitz, bestätigt auch der parlamentarische Staatssekretär des Bundesministeriums für Ernährung und Verbraucherschutz auf die Anfrage der SPD-Bundestagsfraktion. Es bestehe nach derzeitigem Stand der Wissenschaft die Vermutung, "dass diese wärmeliebende Schmetterlingsart durch den fortschreitenden globalen Klimawandel begünstigt wird", heißt es in seinem Schreiben. Die Bundesregierung gehe davon aus, dass "auch in den Folgejahren von einer weiteren Zunahme gesundheitlicher Beeinträchtigungen ausgegangen werden" muss. Trotzdem sehe die "Bundesregierung aufgrund der vorgegebenen Zuständigkeiten keine Möglichkeiten, die Kommunen und Privatwaldbesitzer ... sowohl finanziell als auch organisatorisch zu unterstützen."

Eine Haltung, die Albrecht Graf von Wilamowitz-Moellendorff, der im Gadower Forst Wald besitzt und um seine Eichen bangt, nicht nachvollziehen kann. Er fordert, dass endlich Geld in die Hand genommen wird, um ein selektives Mittel gegen den Eichenprozessionsspinner zu entwickeln, damit andere Tiere bei seiner Bekämpfung nicht in Mitleidenschaft gezogen würden. Bis dahin aber, so betont der ehemalige Leiter der Oberförsterei Gadow, Holger Galonska, "benötigen wir Ausnahmegenehmigungen, die jetzigen Mittel sprühen zu dürfen". Die müssten schon jetzt beim zuständigen Potsdamer Ministerium beantragt werden, und das gerade auch für Naturschutzbereiche in der Elbtalaue, denn nur flächendeckend könne man erfolgreich gegen den Schädling vorgehen. Menz Borrmann aus Wootz merkt dazu an, dass das von den Naturschützern gepriesene Grüne Band in der Elbtalaue bereits "Lücken bekommt wegen des Eichenprozessionsspinners."

Für viele Betroffene sind das alles zwar wichtige Aussagen, die ihnen aber ganz aktuell nicht weiterhelfen. In Lanz beispielsweise denkt man über die Gründung einer Bürgerintiative nach, um sowohl die Gemeinde als auch das Amt Lenzen-Elbtalaue noch zum schnellen Handeln zu bewegen.


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