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Kinderspiel des Jahres : Spielspaß allein führt nicht zum Sieg

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Heute wird das „Kinderspiel des Jahres“ gekürt. Bevor der Sieger feststeht, liegen hinter der Jury viele Spielstunden, in denen mehr als 150 Neuheiten für Kinder auf Herz, Nieren und natürlich Spielspaß geprüft werden.

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erstellt am 10.Jun.2013 | 08:04 Uhr

Léa lebt in einem Paradies. Wo die knapp Zweijährige auch hingreift - überall gibt es Spiele. Mal stapeln sie sich in der Küche, mal im Flur, mal im Schlafzimmer. Dauerhaft verfügbar sind sie im Wohnzimmer und in meinem Büro. Warum ich so viele Spiele habe? Nun, im vergangenen Jahr bin ich in den Beirat für die Wahl zum "Kinderspiel des Jahres" berufen worden. "Super", habe ich mir damals gedacht. Doch nach rund neun Monaten "Testphase intensiv" weiß ich: Ehrenamtliche Beirätin zu sein, macht zwar riesig viel Spaß, ist aber auch ganz schön anstrengend.

Mehr als 150 Kinderspiele hat uns der Paketbote in den vergangenen Monaten zugestellt. Vom einen oder anderen Klingeln an der Tür ist Léa aus dem Mittagschlaf gerissen worden, und beim einen oder anderen Paket durfte sie beim Auspacken helfen. Für die Rolle als Testkind ist sie mit ihren 23 Monaten aber noch zu jung.

Dreijährige und Ältere sind es, die ich für Spielerunden zu uns nach Hause einlade sowie in Kindergärten und Schulen besuche. Manchmal lasse ich die Neuheiten dort und frage nach einigen Wochen die Erfahrungen und Meinungen ab. Berichten die Pädagogen von "totaler Begeisterung" kann das Spiel zwar nicht allzu schlecht sein. Auf dem Empfehlungs-Stapel landet es deshalb aber nicht. Wie die meisten anderen Jurymitglieder arbeite ich als Fachjournalistin. Dass ein Spiel den Kindern gefällt, ist mir zu wenig. Wurde der Karton gut verklebt, macht das Spielmaterial einen hochwertigen und stabilen Eindruck? Ist die Anleitung klar und verständlich? Auch Grafik und Layout sowie die Originalität der Spielidee gehören zu den Kriterien, die es sorgfältig zu hinterfragen gilt.

In einem Internet-Forum tausche ich mich mit den sieben anderen Mitgliedern der Kinderspieljury aus. Wir diskutieren Ansichten, Erfahrungen, Einschätzungen, weisen auf aktuell erschienene oder neu aufgelegte Spiele hin. Manchmal lesen sich die Kommentare euphorisch, manchmal ernüchtert.

Dass alle Mitglieder von einem Spiel von Anfang an angetan sind, ist selten. Und selbst in diesem Fall bleibt der Blick kritisch: Macht das Spiel auch nach der 30. Runde noch Spaß? Ist es tatsächlich für die angegebene Altersgruppe geeignet? Der Punkt, dass Kinder ein Spiel nicht alleine spielen oder aufbauen können, fällt nicht ins Gewicht.

Eines der Ziele des Vereins "Spiel des Jahres" ist es, Werbung für die Werte des Spiels in der Gesellschaft, im Freundeskreis und in der Familie zu machen. Mama, Papa, Geschwister, Oma, Opa - alle sollen zusammensitzen und Spaß haben. Ganz nebenbei bekommen Kinder dabei ein Gefühl für Gemeinschaft, eigenen Ehrgeiz und die Tatsache, dass sie nicht immer nur gewinnen können. Je nach Spiel werden zudem Dinge wie Konzentration, Merkfähigkeit, Geschicklichkeit, Geduld, logisches Denken und Kreativität geschult, und das meist auf spannende oder witzige Art und Weise.

Einen Überblick über die Neuheiten und die unterschiedlichen Spielkategorien holen wir Juroren uns im Oktober bei den Internationalen Spieltagen in Essen. Die größte Publikumsmesse für Gesellschaftsspiele weltweit ist für uns wie ein Paukenschlag nach der ruhigen Sommerzeit. An mehreren Tagen streifen wir durch die Hallen, halten Ausschau nach Besonderheiten, führen Gespräche mit Verlagsvertretern. Im Fokus haben wir dabei die Spiele für die Zielgruppe der Drei- bis Siebenjährigen. Macht ein Spiel für unter Dreijährige oder bereits Achtjährige einen guten Eindruck, wird auch dieses geordert. Meist stehen dann schon wenige Tage später die ersten Pakete vor der Tür. "Öffnen, sichten, lesen, testen" lautet dann die Devise.

Je nachdem, wo die Juroren wohnen, stehen für sie auch Veranstaltungen wie die Messen in Stuttgart, Leipzig, Bern oder Wien auf dem Programm. Wichtig ist insbesondere die Nürnberger Spielwarenmesse Ende Januar, Anfang Februar. Danach bekomme ich den Paketzusteller meist mehrmals pro Woche zu Gesicht - und das Spieleparadies wächst und wächst.

So glücklich die Tochter, so gestresst die Mutter. Viel Zeit bleibt mir jetzt nämlich nicht mehr, die Spiele umfangreich zu testen. Welches soll auf die Liste der 15 besten Kinderspiele des Jahrgangs? Ende März haben alle Juroren ihre Meinung abzugeben. Rund einen Monat später müssen sie sich dann noch genauer festlegen und eine Nominierungs- und Empfehlungsliste erstellen.

Vor einigen Wochen, am Pfingstwochenende, war Léa mit ihrem Papa alleine. Ich reiste für drei Tage nach Köln, um dort mit den anderen Spiele-Experten in einem Hotel zu beratschlagen, wie eine gemeinsame Liste aussehen könnte. Das Ergebnis der Klausurtagung ist seit einigen Wochen offiziell bekannt. Welches der drei nominierten Kinderspiele den Preis "Kinderspiel des Jahres" erhält, wird heute bekannt gegeben. Wir Jurymitglieder haben unsere Entscheidung gestern gefällt. Das Warten auf das Ergebnis der geheimen Abstimmung ist übrigens auch für uns eine spannende Angelegenheit: Wir Jurymitglieder erfahren ebenfalls erst heute bei der offiziellen Verkündung in Hamburg, welches Spiel gewonnen hat.

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