zur Navigation springen

Im Land, wo die Welt zu Ende ist : Spielgefährtin und Vertrauensperson

vom
Aus der Onlineredaktion

Marie Eckermann aus Schwerin berichtet in unserer Zeitung von ihrem Freiwilligendienst in Chile

Schrilles Glockengeläut tönt über den grünen Hof des Kinderheims. Nach und nach strömen aus allen Richtungen Kinder herbei, ich schaue in hungrige, lachende, manchmal auch gelangweilte, vor allem aber erwartungsvolle Gesichter. Der große Essensraum füllt sich. Begleitet von einer Geräuschkulisse, die mich an eine gefüllte Schulmensa erinnert, tischen die Erzieherinnen das Abendessen auf. Endlich legt sich die laute Stimmung, die Kinder fangen an zu essen und schauen nebenbei in den Fernseher.

Es ist so weit – ein weiterer Arbeitstag im Heim „Hogar Indígena Padre Remigio Gubaro“ in Santa Bárbara geht für mich und meinen Mitfreiwilligen zu Ende. Bereits seit einem halben Jahr arbeite ich als Weltwärts-Freiwillige in dieser Einsatzstelle. Doch nach den letzten Artikeln über meine Erlebnisse und Reisen stellt sich der eine oder andere Leser vielleicht die Frage: Was macht Marie dort eigentlich? – Hier nun ein Bericht über meine Arbeit im Kinderheim.

Das in bunten Farben frisch gestrichene Eingangstor zum Heim öffnet sich mit einem lauten Quietschen. Vor Regen und Sonne geschützt gehe ich den überdachten Weg entlang, der über fast das gesamte Heimgelände führt. Links von mir steht das Haus mit viel Platz für jegliche Aktivitäten wie Tischtennis, Hausaufgaben und Computer. Geradeaus befinden sich die beiden Pavillons der Jungen und Mädchen. Zu meiner Rechten sind die Büros der Heimleitung, daneben der große Essenssaal mit angeschlossener Küche. In der Mitte des O-förmigen Häuserkomplexes verleiht eine gepflegte Rasenfläche dem Areal Struktur und Stil. In ihrem Zentrum stehen Rosen und eine Statue der Jungfrau Maria. Alle Häuser sind in einem warmen Rostrot gestrichen und geben damit dem Kinderheim eine Atmosphäre, die Geborgenheit vermitteln soll. Ich gehe in die Küche und bereite mit einer Erzieherin das Frühstück zu, Butterbrote und einen zuckersüßen Kakao. So beginnt jeder Arbeitstag in den Sommermonaten, denn es sind Ferien und mein Mitfreiwilliger und ich sind mit der Vormittagsschicht dran. Von 9 Uhr morgens bis nachmittags um 3 Uhr arbeiten wir momentan. Wenn die Schule im März wieder anfängt, werden unsere Arbeitszeiten auf 15 Uhr bis 21 Uhr verlegt.

Das Kinderheim besteht seit 40 Jahren. Ursprünglich stellte es ein Internat für Kinder der indigenen Bevölkerung der Pehuenche dar, die hoch oben in der Andenkordillere wohnten – zu weit entfernt von Schulen und Gesundheitseinrichtungen. Heute ist das Projekt eine Anlaufstelle für alle Kinder und Jugendlichen aus der Umgebung. Alle haben die verschiedensten familiären Hintergründe. So unterschiedlich diese für jeden Einzelnen auch sein mögen, so haben alle doch eins gemeinsam: Die schwierigen Verhältnisse zu Hause machen ein Leben für die Kinder zusammen mit ihren Familien unmöglich. Missbrauch, häusliche Gewalt oder Alkoholismus der Eltern sind die häufigsten Gründe für einen Aufenthalt im Kinderheim.

Viele Kinder sehen ihre Eltern kaum oder fahren höchstens einmal am Wochenende für einen Besuch nach Hause. Andere wiederum bekommen mehrmals wöchentlich Besuch von ihren Eltern. Oft verbringen sie nur kurze Zeit miteinander, was einige Eltern durch viele mitgebrachte Süßigkeiten zu entschuldigen versuchen. Generell ist der Konsum von Süßigkeiten in Chile sehr hoch, auch deshalb gibt es unter den Kindern im Heim bereits viele mit einem Gewichtsproblem. Die Anzahl der Kinder im Heim schwankt ständig. Während der Schulzeit sind es etwa 25, am Wochenende fahren einige nach Hause oder es kommen andere Kinder aus Internaten dazu. In den Schulferien, wie jetzt im Sommer, sind es nur noch wenige. Das sind diejenigen Kinder, die selbst die Ferien nicht zu Hause verbringen können. Mit diesen haben wir schon viel unternommen, um die Ferientage mit schönen Erinnerungen zu füllen.

So haben wir – trotz der Hitze – einen sportlichen Stationslauf realisiert, T-Shirts mithilfe von Textilfarbe gebatikt, die Wände und Zäune des Heims angestrichen (siehe Foto) und Filmnachmittage mit selbstgemachtem Popcorn veranstaltet. Unterstützung hatten wir dabei immer von den Erzieherinnen, die von den Kindern „tías“ (Tanten) genannt werden.

In der Schulzeit beschäftigen sich die Kinder oft selbst, sitzen zum Beispiel am Computer oder vor dem Fernseher. Ich selbst sehe diese Beschäftigungsmethode eher kritisch, jedoch ist sie hier sehr verbreitet. Um ein Kind ruhigzustellen, wird es oft vor den Fernsehapparat gesetzt oder es wird ihm das Smartphone in die Hand gedrückt. Besonders mit den Jungen spielen wir viel Tischtennis oder Fußball, denn ihnen machen Sport und Bewegung mehr Spaß als kreative Aktivitäten, woran die Mädchen wieder interessierter sind. Momentan sind wir dabei, einem 14-jährigen Mädchen Deutsch beizubringen. Mit ihrer besonderen Motivation, die Sprache zu lernen, ist sie leider eine Ausnahme. Die meisten Kinder im Heim zeigen wenig Interesse am Erlernen einer Fremdsprache. In der Schule wird lediglich ein für deutsche Verhältnisse mangelhaftes Englisch unterrichtet, sodass sich die Kenntnisse bei vielen Kindern auf „Hello“ beschränken. Dazu kommt, dass sich viele Kinder respektlos gegenüber uns Freiwilligen oder den „tías“ verhalten. Grobe Beleidigungen oder Handgreiflichkeiten gehören zum Alltag, auch untereinander wird seitens der Kinder viel Gewalt ausgeübt. In Deutschland würde man einige der Heimkinder als „schwer erziehbar“ bezeichnen.

Häufig gehe ich nach der Arbeit aus dem Eingangstor und weiß gar nicht wohin mit all den Gedanken über die Situationen, die sich am Tag im Heim abgespielt haben. Mittlerweile habe ich gelernt, besser damit umzugehen und es psychisch nicht zu sehr an mich heranzulassen. Die schwierigen Momente gehören zu unserer Arbeit genauso dazu wie die schönen.

Für mich jedoch überwiegen die schönen Erlebnisse mit den Kindern. Sei es, dass ein Mädchen mir sagt, wie lieb es mich hat oder mir seine Träume anvertraut. Oder, dass ich einem Kind durch irgendeine Geste ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann. Solche kleinen Momente des Glücks und der Fröhlichkeit zeigen mir immer wieder, dass ich mich für das richtige Projekt am richtigen Ort entschieden habe.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen