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Mecklenburg-Vorpommern

17. Dezember 2017 | 03:31 Uhr

Festspiele MV : „Spiel, was du fühlst…“

vom
Aus der Onlineredaktion

Percussionist Alexej Gerassimez ist in diesem Jahr Preisträger in Residence der Festspiele MV. In Hasenwinkel probte er mit Freunden

svz.de von
erstellt am 03.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Aufatmen in Hasenwinkel: Als am Dienstagnachmittag Leonard Disselhorst auf dem Schloss in der mecklenburgischen Idylle eintrifft, ist die Erleichterung bei Alexej Gerassimez und den anderen Musikern groß. Nicht dass der diesjährige Preisträger in Residence der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern und seine Künstlerfreunde bis dahin bei ihren Proben keinen Ton hervorgebracht hätten, aber mit dem Cellisten fehlte die ersten Tage einfach eine entscheidende Stimme in gleich mehreren Werken des „Friends-Projektes“. Ganz abgesehen davon, dass sich Disselhorsts Streicherkollegen des Vision String Quartets schon Sorgen um ihren vierten Mann gemacht hatten, der nach der Anreise ob eines Infektes erst einmal am Tropf im Schweriner Krankenhaus gelandet war…

Doch mag der 26-Jährige bei seiner Ankunft auch noch ein wenig geschlaucht wirken, zwei Stunden später sitzt der Hesse mit seinem Ensemble und Gerassimez bereits in der Probe in der Remise von Schloss Hasenwinkel. „Run chime“ des Briten Dave Maric liegt auf den Notenpulten – und in der Tat entpuppt sich das moderne Werk als ein (Wett-)Rennen der Instrumente.

„Lasst es uns mal langsam machen, damit jeder genau weiß, wann er wo dran ist“, merkt der Mann am Marimbaphon schon nach kurzem an, und die vier Streicher nehmen erst einmal das Tempo raus. Ist eben gar nicht so einfach mit diesen zumeist unbekannten Musiken der Moderne – selbst für die Vision Strings, die sonst nicht nur von Bartok bis Bach sondern durchaus auch im Pop unterwegs sind.

„Ja, dem Schlagzeug fehlt es schon an Repertoire“, räumt Gerassimez ein. Andererseits sieht der 30-Jährige auch eine Chance, zumal in diesem Sommer, in dem er als Gesicht der Festspiele das Programm mit allein 24 Konzerten prägt: „Es gibt kein anderes Instrument, das so viele Genres und damit auch Kulturen verbindet – was für mich sehr wichtig ist in einer Zeit, wo nicht nur in Europa die Staaten auseinander driften.“

Und so hat der Percussionist denn auch für die „Friends“-Konzerte in den kommenden Tagen die Grenzen der Klassik mächtig ausgedehnt, finden sich Werke von Chick Corea und Benny Goodman ebenso in den Programmen wie sein eigenes, keineswegs nur Rhythmus-dominiertes „Piazonore“.

„Great fun!“ sagt Omer Klein nach der ersten Probe. Eigentlich ist der israelische Tastenmann im Jazz zu Hause, wird als „Meisterpianist“ gefeiert und tourt mit seinem Trio durch die Welt. Und doch war für Gerassimez sofort klar, dass er den Jazzer mit der Hornbrille und dem Backenbart unbedingt dabei haben wollte, nachdem sie zusammen eine Jam-Session gespielt hatten: „Das hat damals sofort gefunkt – ich hatte die ganze Zeit so ein Lächeln im Gesicht.“ Und der Wahl-Berliner hat sogleich zugesagt, obendrein noch seinen Kontrabassisten-Freund Haggai Cohen-Milo und ihre beiden Ehefrauen sowie die einjährigen Töchter Maya und Naima mitgebracht: „Wenn wir hier zusammenarbeiten, müssen wir Jazzer offen sein für die Klassik und auch mal die vorgegebenen Noten beachten, während umgekehrt die klassischen Musiker sich öffnen und einmal Risiken in ihrem Spiel eingehen sollten.“

Nun also sitzen sich der Pianist und der Schlagzeuger im Marstall des Schlosses gegenüber, philosophieren über Dur- und Moll-Entwicklungen und die Wege ihrer Improvisationen und spielen sich gegenseitig die Töne und Motive zu. Improvisieren wie in einem langen Fluss, dessen gewundene Wege nicht vorhersehbar sind – am Ende, das habe er von Herbie Hancock gelernt, sagt Klein, zähle dabei nur eines: „Spiel was du fühlst, aus dem Bauch heraus – wenn du anfängst darüber nachzudenken, hast du verloren.“

Gedanken, denen Gerassimez aufmerksam lauscht: Schon länger treibt ihn der Wunsch um, sich neben dem klassischen Terrain stärker dem Jazz zu widmen und seiner Lust an der Improvisation neue Welten zu erschließen. „Anders als in der Klassik bist du im Jazz beim Improvisieren viel offener und angreifbarer, kannst dich nicht hinter einem Stück verstecken.“

Das ist auch an diesem Vormittag nicht möglich, als er sich mit Julius Heise, seinem Percussion-Freund aus Studientagen, einen wilden Schlägel-Battle auf einem Dutzend Schlaginstrumenten liefert: 50 Achtel-Noten treffen da auf 49, von Zeile zu Zeile verändert sich der rhythmische Schlagabtausch. Immer mehr scheinen sich die beiden gegenseitig anzufeuern – um sich am Ende erschöpft, aber glücklich abzuklatschen. „Geschafft, ohne dass wir vorher rausgeflogen sind!“ Und gut möglich, dass sich für den diesjährigen Preisträger in Residence hier gerade neue Türen geöffnet haben: Die Pläne für gemeinsame Jazzkonzerte sind jedenfalls schon geschmiedet.

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