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Aggressiver Rechtsextremismus und passive Zivilgesellschaft : „Spiel doch lieber Gameboy“

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Wie rechtsextrem ist der Osten? Sind DDR-Strukturen mitverantwortlich für den Erfolg der NPD? Und: Ausländerfeindlichkeit ist im Osten bei weit über 50 Prozent der Bürger verbreitet. Bürger in Wismar diskutieren.

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erstellt am 09.Nov.2011 | 09:26 Uhr

Wismar | Wie rechtsextrem ist der Osten? Sind DDR-Strukturen mitverantwortlich für den Erfolg der NPD, für Gemeinden, in denen gewaltbereite Kameradschaften ganze Gebiete für sich allein beanspruchen? Im Bürgerschaftssaal des Wismarer Rathauses setzt sich die Dame im Publikum zur Wehr: "Ich halte die sozialen Probleme für erheblicher als die DDR-Vergangenheit. Der ursprüngliche DDR-Bürger war extrem ausländerfreundlich. Das hat sich geändert, weil ihm viel weggenommen wurde."

"Ausländerfeindlichkeit", sagte der Autor und Journalist Michael Kraske, "ist laut einer Studie der Ebert-Stiftung im Osten bei weit über 50 Prozent der Bürger verbreitet." Und: "Ich führe das auf die mangelnde Ausländererfahrung zurück." Kraske, der unter anderem für den "Spiegel" und "Geo" schreibt, erinnert an die abgeschotteten vietnamesischen Gastarbeiter in der DDR. Vor rund 50 Zuhörern ist auf Einladung der Stadt - die gerade eine Präventionswoche unter dem Motto "neugierig-tolerant-weltoffen" veranstaltet - sein Thema "Das Spannungsverhältnis zwischen aggressivem Rechtsextremismus und passiver Zivilgesellschaft". Kraske liest aus einer Sammlung von Reportagen, die die neuen Nazis, "befreite" Zonen und die tägliche Angst zum Inhalt haben. Mehrfach weist er auch darauf hin, dass es sich nicht um ein rein ostdeutsches Problem handele. Die drei Wörter des Wismarer Präventionswochen-Mottos zeigten aber, was er besonders in Ostdeutschland vermisse. "Ich will verdeutlichen, was passiert, wenn nichts passiert. Meine These ist, dass die Alltagsmacht der Rechtsextremen viel stärker ist, als die sechs Prozent, mit denen es die NPD in den Landtag Mecklenburg-Vorpommerns geschafft hat, wenn einige wenige darüber entscheiden, wer sich auf die Straße trauen kann und wer nicht."

Kraske liest Reportageteile aus Mügeln und Limbach-Oberfrohna in Sachsen. Mügeln ist die Gemeinde, in der im August 2007 ein gewalttätiger Mob eine Gruppe Inder durch die Stadt hetzte. In Limbach-Oberfrohna hat der Autor Jugendliche begleitet, die sich gegen Rechtsextremismus zur Wehr setzten und immer wieder Opfer von Angriffen bis hin zu Brandanschlägen wurden. Kraske berichtet von Bürgermeistern, die das Problem totschweigen, aus Angst um den Ruf der Stadt, er erzählt von Abgeordneten, die nicht hinhören, von Bürokraten, die couragierte Jugendliche wegen Sachbeschädigung anzeigen, wenn sie mit Kreide Protestbilder auf die Straße malen, er berichtet über den Polizisten, der einem der betroffenen Jugendlichen rät, lieber Gameboy zu spielen, dann hätte er doch Ruhe. Kraske erzählt auch von einer Schule, die ausgerechnet den Namen der Geschwister Scholl trägt und die ein Elfjähriger besuchen sollte, der ein geschlagenes Jahr im Ort nicht beschult wurde. Grund: Immer wieder wurde der Junge mit "Sieg-Heil"-Rufen und anderen Parolen bedrängt. "Unter der Voraussetzung, keine Positionen einzunehmen, beispielsweise auch kein durchgestrichenes Hakenkreuz zu tragen, hat ihm die Scholl-Schule dann Aufnahme zugesagt", berichtet Kraske. Später habe sich die Schule damit entschuldigt, politisch neutral sein zu wollen. "Ich glaube, das ist der Kern", sagt der Autor. "Ich darf in einem solchen Fall nicht neutral sein. Das "Überhören" führe dazu, dass ein kleiner gewaltbereiter Kern von Rechtsextremisten zumindest des Nachts das Sagen habe. Ein Wegducken, Aufgeben, beantwortet Kraske noch eine Frage aus dem Publikum, führe letztlich nur dazu, dass sich Rechtsextreme neue Opfer suchten.

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