zur Navigation springen

Forderung der Stasi-Landesbeauftragten : "Spezialheime waren Systemunrecht"

vom

Wer längere Zeit in Spezial-Kinderheim oder im Jugendwerkhof der DDR untergebracht war, sollte Anrecht auf eine Entschädigung, gegebenenfalls eine Opferrente und Hilfe bei bleibenden Gesundheitsschäden haben.

svz.de von
erstellt am 15.Mär.2012 | 06:57 Uhr

Schwerin | Wer längere Zeit in Spezial-Kinderheim oder im Jugendwerkhof der DDR untergebracht war, sollte Anrecht auf eine Entschädigung, gegebenenfalls eine Opferrente und Hilfe bei bleibenden Gesundheitsschäden haben. Das hat die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen in Mecklenburg-Vorpommern, Marita Pagels-Heineking gefordert. Was in den Spezialheimen mit den Kindern und Jugendlichen geschah, sei "Systemunrecht" gewesen und müsse als solches ohne Prüfung von Einzelfällen anerkannt werden. "Die Bedingungen waren meist haftähnlich", so Pagels-Heineking. Bislang werden nur Insassen des Jugendwerkhofs in Torgau ohne Prüfung des Einzelfalls rehabilitiert.

Im Unterschied zu den zahlreichen normalen Kinderheimen der DDR wurden die Kinder und Jugendlichen in den Spezialheimen umerzogen und darauf gedrillt, im Sozialismus zu funktionieren. Dies werde von den Gerichten bislang oft verkannt. Anhand der Akten der DDR-Jugendämter würde meist eine Rehabilitierung verweigert, weil die dort vermerkten Gründe für die Heimeinweisung nachvollziehbar sind. "Die Frage ist aber nicht, was haben die Kinder angeblich gemacht, sondern wie sie behandelt wurden."

In der DDR gab es 401 Kinder- und 73 Spezialheime, davon 31 Jugendwerkhöfe. 1989 waren in den Heimen rund 18 000 Kinder und Jugendliche untergebracht, in den Spezialheimen waren es etwa 5500. Allein 27 der Spezialheime befanden sich in den drei Nordbezirken.

Nach Auffassung von Pagels-Heineking sollen jedoch alle ehemaligen Heimkinder, egal ob sie in einem "normalen" oder in einem "speziellen" Heim waren, Hilfe aus dem geplanten Entschädigungsfonds bekommen, sofern sie dadurch bleibende Gesundheitsschäden erlitten haben. Der Bund und die ostdeutschen Länder bereiten derzeit einen Entschädigungsfonds mit rund 40 Millionen Euro vor, der jenem für misshandelte und missbrauchte Heimkinder in der alten Bundesrepublik ähnelt. Details sollen Ende März in Berlin vorgestellt werden. Aus dem Fonds müsste auch das Kinderheimwesen der DDR weiter erforscht werden, so die Landesbeauftragte. Dies würde auch zur gesellschaftlichen Anerkennung beitragen, dass vielen Kindern in den Spezialheimen Unrecht geschehen sei.

Fest steht, dass ihre Behörde ab Juli die Beratung ehemaliger Heimkinder ausweitet. Zwei zusätzliche Mitarbeiter sollen sich darum kümmern. Im letzten Jahr hätten sich bereits 120 Betroffene bei ihr gemeldet, berichtete Pagels-Heineking. "Die Berichte sind meist Haar sträubend." Etwas ärger noch als in anderen Heimen ist es anscheinend im Durchgangsheim Demmin zugegangen. Die Heimakten sind aus ungeklärten Gründen verbrannt.

Die Zahl der Mecklenburger und Vorpommer, die ihre Stasi-Akten einsehen wollen, ist unverändert hoch. Insgesamt 7484 Anträge wurden 2011 gestellt. Pagels-Heineking hat den Eindruck, dass sich immer mehr Familien mit ihrer DDR-Vergangenheit befassen. Die Kandidatur von Joachim Gauck, der von 1990 bis 2000 die Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin leitete, für das Amt des Bundespräsidenten, hat offenbar der Neugier auf die eigene Geschichte einen Extraschub versetzt. Die Zahl der Anträge auf Akteneinsicht ist laut Pagles-Heineking in den vergangenen Wochen auffällig gestiegen.

Weitere Informationen gibt es auf der neu gestalteten Internetseite der Behörde: www.landesbeauftragter.de


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen