Öl und Gas werden überflüssig : Speicher-Revolution aus Rostock

Mit ihrem Prototypen von 2014 haben Tobias Bestier (v. l.), Martin Schönhoff, Christoph Herz und Nils Methling (vorne) den Sprung ins EU-Förderprogramm geschafft. Methling zeigt ein Modell der Heizelektroden, auf denen die Umwandlungs-Enzyme sitzen.
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Mit ihrem Prototypen von 2014 haben Tobias Bestier (v. l.), Martin Schönhoff, Christoph Herz und Nils Methling (vorne) den Sprung ins EU-Förderprogramm geschafft. Methling zeigt ein Modell der Heizelektroden, auf denen die Umwandlungs-Enzyme sitzen.

Unternehmen Gensoric produziert aus CO2, Wasser, Strom und Enzymen Energieträger Methanol

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04. April 2017, 05:00 Uhr

Mangels ausgereifter Speichersysteme muss überschüssige Energie aus Windkraft- und Solaranlagen bisher häufig in ausländische Netze verschoben und dann im Bedarfsfall teuer zurückgekauft werden.

Ein Rostocker Unternehmen, die Gensoric GmbH, will dies mit ihrem strategischen Projekt willpower-energy™ ändern. Es hat ein revolutionäres Energiespeichersystem für Eigenheimbesitzer und ganze Wohnquartiere entwickelt. Seine Zutaten: Wasser, Strom, Enzyme und CO2 aus der gewöhnlichen Umgebungsluft.

Das Kohlenstoffdioxid wird mit dem Wasser gemischt und durchläuft dann eine Kartusche, in der drei verschiedene und mithilfe von Elektroden beheizte Enzyme Methanol erzeugen. „Das ist ein prima Energiespeicher, ähnlich wie Diesel oder Benzin“, sagt Nils Methling, der den Bereich Geschäftsentwicklung betreut. Mit dem flüssigen Methanol können beispielsweise Brennstoffzellen, Blockheizkraftwerke oder Brenner betrieben werden. Ein anderer Vorteil ist seine monatelange Haltbarkeit im Vergleich zu den eher kurzzeitigen Batteriespeichersystemen. Betreiber von Solaranlagen beispielsweise können „das System den Sommer über laufen lassen und das Methanol dann im Winter nutzen“, so Methling.

Das Verfahren, in Wasser gebundenes CO2 mithilfe von Enzymen in andere Stoffe umzuwandeln, ist in der Wissenschaft schon seit Jahrzehnten bekannt. Die Rostocker aber heben es dank ihrer direkt beheizten Enzyme auf eine ganz neue Ebene. Benötigt die Industrie für die Erzeugung von Methanol mehr als 500 Grad Celsius und hohen Druck, genügen im Gensoric-Verfahren etwa 30 Grad und normaler Umgebungsdruck. „Nur deshalb sind wir für Häuslebauer geeignet“, sagt Methlings Kollegin Uta Hermes.

Im Gegensatz zu Batterie-Herstellern verbraucht das System zudem keine endlichen Rohstoffe wie Blei oder Seltene Erden. „Enzyme benötigen zur Herstellung keine endlichen Rohstoffe“, sagt Methling. Und das im Gegensatz zum Import von Öl, Lithium oder Palladium auch unabhängig vom guten Willen anderer Länder. Um die effizientesten Enzyme mit der höchsten Leistung und Lebensdauer zu gewinnen, arbeitet das Unternehmen mit dem Fraunhofer Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik in Straubing zusammen.

In zwei bis drei Jahren hoffen die Rostocker, ihr System bis zur Marktreife zu bringen. Derzeit sind die Kosten für die Produktion der Enzyme noch zu hoch. Sie werden im Umwandlungsprozess aufgerieben und müssen etwa zweimal im Jahr ersetzt werden. „Den Austausch der Kartusche könnte wie beim Drucker auch der Verbraucher selbst oder der Schornsteinfeger erledigen“, sagt Methling. Und die Herstellungskosten sollen im Einklang mit dem Produktionsanstieg sinken. „In großen Mengen gehen die Preise runter“, erklärt Hermes. Ähnlich sei es bei den Enzymen gewesen, die im Waschmittel eingesetzt werden.

Derzeit bauen die Mitarbeiter eine Pilotanlage in der Warnemünder Außenstelle zusammen, die dann im Juli in Essen – Grüne Hauptstadt Europas 2017 – den Betrieb aufnehmen soll.

Die EU fördert das Projekt mit insgesamt 1,75 Millionen Euro.



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