Opern-Premiere in Schwerin : Spannendes Endzeit-Drama

Katrin Hübner (o.) und Sophia Maeno
Katrin Hübner (o.) und Sophia Maeno

Die „Dog Days“ können auch Opernmuffel in die Kammerbühne im Schweriner E-Werk locken

svz.de von
15. März 2016, 14:19 Uhr

Mit einer unbekannten Oper eines hier noch unbekannten amerikanischen Komponisten lockte das Mecklenburgische Staatstheater sein Publikum ins E-Werk – und hatte Erfolg! Nach der Premiere von David T. Little’s Oper „Dog Days“ am Sonntagabend wurden Regieteam, Darsteller und Musiker mit Jubel und stürmischem Applaus regelrecht gefeiert. Zwei Stunden lang hatten sie die Zuhörer unter Hochspannung gehalten bis zum grausigen Schluss einer Endzeit-Story.

Die Oper (2012 in den USA uraufgeführt) erzählt nach der gleichnamigen Kurzgeschichte von Judy Budnitz von einer Familie mit zwei halbwüchsigen Söhnen und der Tochter Lisa. Alle überleben an einem unwirtlichen Ort – vielleicht nach einem Krieg, der sonst von Mensch und Tier verlassen ist. Verschanzt in ihrem heruntergekommenen Haus, dringt Zivilisation nur in Form eines Alarms zur Ausgangssperre und eines Helikopters zu ihnen, der karge Lebensmittelrationen abwirft. Wo selbst Heuschrecken und Würmer den Ort verlassen haben, gesellt sich als einzige lebende Kreatur ein seltsamer Dog Man zu ihnen (in der Schweriner Inszenierung eine Hundefrau, von Sophia Maeno mit berührender Hundeseele gespielt).

Ängstlich, misstrauisch hält sie Distanz und fasst nur Vertrauen zu Lisa, die ihn füttert und liebkost. Heimlich, denn der Hunger wird immer größer und die Rationen immer kleiner. Wo der familiäre Zusammenhalt ohnehin nur noch durch Gebet und Gehorsam mühsam aufrechterhalten wird, baut menschliches Empfinden immer mehr ab. Allein mit einer schmucklosen Wand und einer Bodenplatte deutet der Ausstatter Alexandre Corazzola das Haus der Familie an, aufgelockert durch herumliegende Plastiksäcke, in denen Nahrung kommt und Müll gesammelt wird. Die innere Ödnis der Personen kehrt er sichtbar nach außen.

In dieser trostlosen Szenerie führt der junge, aus Florenz stammende Regisseur Cristiano Fioravanti die Darsteller zu enormer Ausdrucksstärke, die einen überwältigt, fesselt und die ganze Aufführung hindurch in Atem hält. Er findet eindringliche Bilder für den menschlichen Verfall und nutzt dazu geschickt den ganzen Raum samt Galerie und Zuschauertribüne.

Die Musik entlädt sich ähnlich wuchtig und brutal wie die an Schimpfworten und Flüchen reichen Dialoge der Familie. Instrumente und Stimmen werden elektronisch verstärkt. Mächtige Bässe stampfen, Schlagwerk hämmert metallisch. Hitze der „Hundstage“ und Hitzigkeit der szenischen Vorgänge werden klanglich erfahrbar, wenn Martin Schelhaas die Musiker der Mecklenburgischen Staatskapelle gekonnt durch die Partitur leitet.

Katrin Hübner ist eine tief berührende Lisa. Ihr klarer, klangvoller Sopran trotzt dem instrumentalen Klangdruck im Dialog mit ihrem Spiegelbild wunderbar zarte Passagen ab, die eine sensible Mädchenseele bloßlegen („Dass ich dieses Leben bekommen habe und nicht jemand andres!“). Markus Vollberg spielt den Vater, zerrissen zwischen Rohheit und Apathie.

Unglaubliche Stimmkraft entwickelt Itziar Lesaka als Mutter. Überzeugend zeigt sie die Facetten der Figur, die zornig mit dem Vater, liebevoll lächelnd mit der Tochter, erschöpft und vereinsamt mit sich selbst ist. Raphael Pauß und Alexander Tremmel sind die höhnischen, stichelnden, kiffenden Söhne. Ein Ensemble, das ein düsteres Menetekel mit eindringlicher Leidenschaft an die Wand malt.
 

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