Sorge um die Förderschüler

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23. August 2010, 09:33 Uhr

Bad Doberan/Schwerin | Gemeinsames Lernen von lernstarken und

-schwachen Schülern ist für Lehrerin Annika Schulz schon lange eine Selbstverständlichkeit. Wenn in ihrem Unterricht an der Christlichen Münster Schule in Bad Doberan ein Förderschüler etwas nicht versteht, erklärt Schulz es ihm noch einmal in Ruhe, während eine Erzieherin sich um die übrigen Schüler kümmert. Dieses seit Jahren bewährte Modell wird mit dem gerade begonnenen Schuljahr zur Regel in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Lernschwache Schüler werden nicht mehr in Förderschulen eingeschult, sondern in reguläre Grundschulen integriert. Doch die Bildungsgewerkschaft GEW schlägt Alarm: Sie sieht die Schulen ebenso wie die Lehrer nicht ausreichend auf diesen Schritt vorbereitet.

"Eigentlich ist es ja eine Grundforderung der GEW, dass alle Kinder gleich gefördert werden", sagt die GEW-Landesvorsitzende Annett Lindner. "Aber es muss richtig gemacht werden, bei einem Scheitern würde der Gedanke der Integration in weite Ferne rücken." Zwar habe es Fortbildungen für Grundschullehrer gegeben, aber nicht genug.

Auch Lehrerin Schulz ist skeptisch. Sie selbst ist ausgebildete Sonderpädagogin, aber an anderen Schulen sollen Lehrer ohne sonderpädagogische Ausbildung mit Förderschülern arbeiten. "Ich habe das in sieben Jahren Studium gelernt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Grundschullehrer das über die Sommerferien lernen können", sagt die 30-Jährige.

Diesem Vorwurf tritt Gabriele Brick, Leiterin der Abteilung Schulen im Schweriner Bildungsministerium, entgegen. "Seit 2003 gab es 280 Fortbildungen. Damit ist an fast allen Schulen die notwendige Kompetenz vorhanden und wo das nicht der Fall ist, gibt es keine Integrationsklassen." Zudem erhielten die Schulen Zuschüsse, die sie selbst für Fortbildungen einsetzen könnten.

Sonderpädagogin Schulz fordert, dass jedem Grundschullehrer in Integrationsklassen ein Sonderpädagoge an die Seite gestellt wird. "Ich traue mir zu, den Förderbedarf von lernschwachen Schülern zu erkennen. Aber wo dies nicht geschieht, besteht die Gefahr, dass die Lehrer resignieren und die Förderschüler nur nebenher mitlaufen lassen."

Die Folge wäre, dass die Schere innerhalb der Klassen größer statt kleiner wird, fürchtet Schulz. Für die Lernschwachen wäre es dann nur schwer zu ertragen, dass ihre Klassenkameraden zum Beispiel schon bis 100 rechnen können, sie selbst aber nur bis 20. "Bei mir bleibt der schale Beigeschmack, dass bei dieser Reform nicht an das Beste der Kinder gedacht wurde, sondern der Spargedanke im Vordergrund stand", sagt Schulz.

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