Solide, aber ausbaufähig: MV auf der ITB

<strong>Signalfarbe, zahlreiche Prospekte und wenig Freiraum</strong>: Die Präsentation Mecklenburg-Vorpommerns ist trotz vieler guter Ideen noch nicht perfekt.  Das sagt zumindest der Tourismusexperte.   <fotos>Sophie Pawelke</fotos>
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Signalfarbe, zahlreiche Prospekte und wenig Freiraum: Die Präsentation Mecklenburg-Vorpommerns ist trotz vieler guter Ideen noch nicht perfekt. Das sagt zumindest der Tourismusexperte. Sophie Pawelke

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08. März 2013, 06:51 Uhr

Berlin | Ökonomisch clever, aber kein klarer Gesamteindruck - so das Urteil über die Präsenz Mecklenburg-Vorpommerns auf der Internationalen Tourismus Börse (ITB) in Berlin. Gefällt hat es der Tourismusexperte Jan Kobernuß. Er war mit uns auf der weltgrößten Reisemesse unterwegs und verglich die Stände der deutschen Bundesländer. "Mecklenburg-Vorpommern fällt auf, aber es kann noch einiges verbessert werden", so der Fachmann. Das Land ist einer der insgesamt mehr als 10 000 Aussteller.

In Halle 6.2, der Stand mit der Nummer 106: Ein grelles Orange leuchtet dem Besucher schon von Weitem entgegen. Flexible Banner hängen von der Decke, zeigen fröhliche Kinder am Strand, entspannte Urlauber beim Wandern und weite Landschaften mit Rapsfeldern und Blumenwiesen. "Urlaub in unserer Natur" - heißt der Slogan, der groß auf den Werbeflächen steht. Insgesamt 35 Aussteller aus dem ganzen Bundesland verteilen sich sich auf 500 Quadratmetern, einer Fläche etwa so groß wie ein Basketballfeld. In einem Rechteck angeordnet präsentieren sich die einzelnen Regionen, Hotels und Kultureinrichtungen, ein kaum überschaubares Angebot an Prospekten - bunt und in allen Größen - springt dem Besucher entgegen. Hier und da sind Strandhafer und Strandkörbe zu entdecken.

"Das kann man alles schon so machen", sagt Kobernuß beim ersten Blick auf den MV-Stand. Der 50-Jährige ist Geschäftsführer der Freizeit- und Tourismusberatung IFT mit Sitz in Köln und Potsdam. Gemeinsam mit seinen Kollegen entwickelt er Tourismuskonzepte und Marketingprogramme für Kunden deutschlandweit. Seit mehr als 20 Jahren ist Kobernuß Gast der ITB, besucht hier seine Geschäftskunden. Auch für Mecklenburg-Vorpommern konnte er schon Konzepte entwickeln.

Auffallend seien die Banner, die den Stand optisch von den Nachbar-Ausstellern Schleswig-Holstein, Bremen und Hamburg abgrenzen sollen. Eine einheitliche Farbwelt lässt die Zusammengehörigkeit der Aussteller erkennen. Schon seit mehreren Jahren präsentiert sich MV mit dem grellen Orange. "Eine Signalfarbe ist immer gut, aber warum gerade Orange gewählt wurde, weiß ich auch nicht", so der Experte. Positiver seien da schon die Naturmaterialien, wie zum Beispiel die Holztreppe, die zum Gästebereich führt, oder die aufgestellten Töpfe mit Strandhafer. "Ein guter Ansatz, den man allerdings noch viel stärker ausspielen könnte", findet Kobernuß, denn genau das bringe Authentizität - ein wichtiges Element, wenn es um Werbung für Regionen geht.

Weniger Prospekte, mehr Emotionen

Die Kosten für einen Auftritt auf einer Messe wie der ITB bewegen sich laut Kobernuß im sechsstelligen Bereich. "Und es steht selten eine Eins am Anfang." Umso wichtiger sei es für die Aussteller, bei der Gestaltung genau abzuwägen, was sinnvoll ist und was nicht. Und das hätte Mecklenburg-Vorpommern ganz gut verstanden. "Das System ist sehr flexibel, dank der Modulbauweise lässt sich das Konzept auch auf anderen - kleineren - Messen anwenden", sagt der Tourismusexperte.

Kritik gibt es hingegen für Gesamteindruck. So werde die Erwartungshaltung des Gastes nicht auf den ersten Blick angesprochen. "Wenn man an MV denkt, kommen einem das Meer und der Strand in den Sinn", so Kobernuß. All dies erkenne man nur bei genauerem Hinsehen, zu dominant sei die orange Farbe. Auch die zahlreichen Prospekte sorgen für Minuspunkte: zu bunt und zu viel Auswahl, so die Expertenmeinung. "Hier sollte MV etwas klarer und übersichtlicher werden", sagt Kobernuß. Ein positives Beispiel: Niedersachsen. Gemeinsam mit dem Zusatzstand der Autostadt Wolfsburg ist das Bundesland schon länger Trendsetter im Bereich der Messepräsentation. Interaktive Elemente wie Touch screens, Lichteffekte, nüchterne Farben und nur sehr wenige Prospekte - die optische Unterscheidung zu anderen Ständen fällt nicht nur dem Experten auf. Doch auch das sei eine Abwägungsfrage, denn viele der Prospekte stammen von Veranstaltern, die dafür zahlen, dass ihre Informationen auf den Messen verteilt werden und damit den Auftritt refinanzieren. Am Ende müsse eine perfekte Balance zwischen Ästhetik und wirtschaftlicher Notwendigkeit entstehen.

Der Gewinner: Sachsen-Anhalt

Wahre Gewinner in Sachen Präsentation sind nach Meinung des Tourismusexperten in diesem Jahr Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Mit großflächigen Bildern gotischer Mauern, einer Farbpalette in Sandtönen und edlen Naturmaterialien schafft Sachsen-Anhalt eine besondere Wohlfühl-Atmosphäre. "Der gesamte Auftritt wirkt optisch sehr anspruchsvoll und aufwendig. Man fühlt sich, als stünde man direkt in einer Kirche." Mit viel Grün, Pflanzen und einer großzügigen Freifläche punktet MVs Nachbarland Brandenburg. "Die Aussteller haben es geschafft, ein Stück Urlaub zur Messe zu bringen und Emotionen zu schaffen", sagt Kobernuß. Von diesen Emotionen könnte seiner Meinung nach auch Mecklenburg-Vorpommern mehr vertragen.

"Seit Jahren wird diskutiert, ob es sinnvoll ist, so viel Geld für Messeauftritte auszugeben", sagt Kobernuß. Bei einer Befragung seines Unternehmens sollte herausgefunden werden, wie sich die potenziellen Urlauber über ihre Reiseziele informieren. Das Ergebnis: Mehr als 40 Prozent nutzen das Internet, weniger als 5 Prozent besorgen sich ihre Informationen auf Messen. Dennoch hätten Veranstaltungen wie die ITB ihre Berechtigung und seien durchaus wichtig für Tourismusanbieter. "Nirgendwo anders ist die Kommunikation so intensiv wie hier. Bedenken können sofort ausgeräumt und Fragen beantwortet werden", so Kobernuß.

Bis gestern hatte die ITB nur für Fachbesucher geöffnet. Heute und morgen kommen die Privatbesucher zum Messegelände. Ein Pluspunkt für MV, denn gerade die Hauptstädter sind Fans der Ostsee. "Generell kann man sagen, dass MV sich gut präsentiert. Keine Region des Landes wird bevorzugt dargestellt", so Kobernuß. Und: MV ist beliebt. Die Attraktivität des Bundeslandes sei auch ohne spektakulären Messeauftritt bekannt, die Betten werden auch im kommenden Sommer belegt sein. "Einige Länder, wie zum Beispiel Nordrhein-Westfalen, müssen da schon mehr investieren."

Service:

Heute und morgen hat die ITB auf dem Messegelände Berlin für Privatbesucher geöffnet. Von 10 bis 18 Uhr können Gäste in den 25 Hallen auf Entdeckungsreise gehen. Erstmals in diesem Jahr ist es möglich, direkt Reisen zu buchen. Ein Tagesticket kostet 14,50 Euro, für Kinder unter 14 Jahren ist der Besuch kostenlos.

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