Bundeswehr in MV : Soldaten bestehlen Kameraden im Einsatz

Die Bundeswehr stellt erneut alarmierenden Bericht vor. dpa
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Die Bundeswehr stellt erneut alarmierenden Bericht vor. dpa

Soldaten des Materialdepots Müritz/Rechlin haben Gepäckstücke von Einheiten im Einsatz geöffnet und private und dienstliche Gegenstände gestohlen. Das geht aus dem gestern vorgestellten Jahresbericht 2012 hervor.

svz.de von
29. Januar 2013, 07:10 Uhr

berlin | Soldaten des Materialdepots Müritz/Rechlin haben zum Versand vorgesehene Gepäckstücke von Einheiten im Einsatz geöffnet und private und dienstliche Gegenstände gestohlen. Das geht aus dem gestern vorgestellten Jahresbericht 2012 des Wehrbeauftragten des Bundestages hervor. Insgesamt seien nach den Ermittlungen bisher acht Mannschaftsdienstgrade und zwei Stabsunteroffiziere aus der Bundeswehr entlassen worden, heißt es in dem Bericht. Insbesondere seien Alkohol, Zigaretten und Parfüm entwendet worden.

Im Bereich des Materialdepots werden seit 2006 Soldatinnen und Soldaten zur Unterstützung des Stammpersonals sowie zum Verladen und Sortieren des unbegleiteten Gepäcks des Personals der Einsatzgebiete, vorrangig aus Afghanistan, eingesetzt. Die Soldaten sorgen für das Sortieren sowie das Be- und Entladen der Gepäckstücke. Es sei davon auszugehen, dass nun die Ursache für das widerrechtliche Öffnen der Gepäckstücke und den Diebstahl beseitigt ist, so der Wehrbeauftragte.

Verunsichert, müde, frustriert

Die Fürsorgepflicht des Wehrbeauftragten für die Bundeswehrsoldaten reicht bis in die Schlafstuben der Kasernen. Jeden Tag um 4.30 Uhr wecken, damit um 5.30 Uhr die ersten am Frühstückstisch sitzen können? Das muss nicht sein, meint Hellmut Königshaus. "Es geht nicht darum, dass jemand Hotelservice für die Grundausbildung fordert", sagt er. Aber sechs Stunden Schlaf seien schon nötig.

Das Schlafdefizit junger Soldaten ist allerdings bei weitem nicht das einzige Problem, das Königshaus gestern bei der Vorstellung seines Jahresberichts anprangert. Der Wehrbeauftragte findet wie so oft deutliche Worte, um den Zustand der Truppe zu beschreiben: "Tiefgreifende Verunsicherung", "Überlastung", "gravierende Mängel beim Führungsverhalten". Gut zwei Jahre nach dem Start einer der größten Reformen in der Geschichte der Bundeswehr sieht Königshaus die Stimmung in der Truppe am Boden.

70 Prozent der Soldaten müssten pendeln. Die Ruhezeiten zwischen den Auslandseinsätzen könnten nicht eingehalten werden. Es gebe zu wenig Angebote für Kinderbetreuung. Die Trennungs- und Scheidungsraten seien angesichts mangelnder Familienfürsorge überdurchschnittlich hoch.

Königshaus hatte bereits in seinem vorigen Jahresbericht auf die Unzufriedenheit in der Truppe aufmerksam gemacht. Viel getan hat sich aus seiner Sicht seitdem nicht: "Eine Verbesserung der Stimmung in der Truppe zeichnet sich nicht ab", lautet sein Urteil. Der Frust in der Bundeswehr ist inzwischen sogar durch zwei Studien vom September empirisch belegt. In einer Umfrage für den Bundeswehrverband bezeichneten 88 Prozent der befragten Führungskräfte Korrekturen der Bundeswehrreform für notwendig. Und in einer Studie im Auftrag des Verteidigungsministeriums bewerteten 53 Prozent der Soldaten und zivilen Mitarbeiter die Umstrukturierung als eher erfolglos. Aber gerade jetzt wäre eine hohe Motivation der Truppe wichtig. Zwar neigt sich der Afghanistan-Einsatz dem Ende. Aber mit der Stationierung von Raketenabwehr-Staffeln in der Türkei und Militär-Ausbildern in Mali kommen neue Aufgaben auf die Bundeswehr zu. Wer weiß, was noch kommt.

Die Bundeswehrreform, mit der die Truppe von einst 250 000 auf eine Größenordnung zwischen 175 000 und 185 000 verkleinert wird, soll die Einsatzfähigkeit steigern. Statt bisher 7000 sollen sich künftig 10 000 Soldaten gleichzeitig an internationalen Missionen beteiligen können. Der Wehrbeauftragte meint, dass auch künftig die Ruhezeiten von 20 Monaten zwischen den in der Regel 4 Monate dauernden Einsätzen nicht eingehalten werden können.

Zu tiefgreifenden Änderungen wird es trotz aller Kritik aber wohl nicht kommen. Die Bundesregierung räumt lediglich Kommunikationsprobleme ein. Und Bundesverteidigungsminister de Maizière machte bereits klar, dass aus seiner Sicht gewisse Entbehrungen zum Soldatenberuf gehören. Man dürfe nicht die Illusion verbreiten, "als könne die Bundeswehr ein Leben wie auf einem Ponyhof bieten".

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