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Sellering und Caffier kritisieren Grass : „Solche Schmähungen sind unerträglich“

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Äußerungen von Günter Grass zur DDR-Vergangenheit von Angela Merkel stoßen in MV parteiübergreifend auf Kritik. "Solche Schmähungen des Lebens in der DDR sind unerträglich", sagte Ministerpräsident Erwin Sellering.

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erstellt am 28.Jun.2013 | 07:34 Uhr

Schwerin | Äußerungen von Günter Grass zur DDR-Vergangenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stoßen in MV parteiübergreifend auf Kritik. "Bei allem Respekt vor Günter Grass als Schriftsteller: Solche Schmähungen des Lebens in der DDR sind unerträglich. Erst recht 23 Jahre nach der Einheit", sagte Ministerpräsident Erwin Sellering unserer Zeitung. CDU-Landeschef und Innenminister Lorenz Caffier reagierte scharf: "Es ist mehr als eine Anmaßung, wie sich Günter Grass zum Richter über das Leben in der DDR aufspielt."

Diese Wahlkampfhilfe ging wohl völlig nach hinten los

Literaturnobelpreisträger Günter Grass, mittlerweile stolze 85 Jahre alt, aber noch kein bisschen leise, war Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Wahlkampfveranstaltung im Willy-Brandt-Haus frontal angegangen.

Die CDU reagierte empört, verlangte Entschuldigungen vom SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück – und selbst Leute aus dessen Partei solidarisieren sich in diesem speziellen Fall mit ihrer erklärten Wahlkampfgegnerin Merkel. „Bei allem Respekt vor Günter Grass: Solche Schmähungen des Lebens in der DDR sind unerträglich. Erst recht 23 Jahre nach der Deutschen Einheit“, sagte gestern beispielsweise Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering – selbst ein West-Import – über den Grass-Auftritt.

Was war geschehen? Bei einer Podiumsdiskussion im Berliner Willy-Brandt-Haus saßen Grass und SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück am Mittwochabend vor Publikum, um über die guten alten Zeiten zu plaudern. Anlass: Die Vorstellung des 1230 Seiten starken Buches über den Briefwechsel zwischen Willy Brandt und Günter Grass.

Grass zählt seit mehr als 40 Jahren zu den eisernen Unterstützern der Sozialdemokraten, tourte schon für Willy Brandt durch die Republik, half auch anderen. Parteimitglied wurde er 1982, trat zehn Jahre später wegen der Asylpolitik allerdings wieder aus.

Grass machte auch am Mittwochabend aus seinem Herzen keine Mördergrube und lästerte gegenüber Steinbrück über die Kanzlerin: „Sie hat Ihnen eines voraus: Sie hat eine doppelte gesamtdeutsche Ausbildung“. Als FDJ-Funktionärin und bei Helmut Kohl: „In der FDJ-Zeit hat sie Anpassung und Opportunität gelernt, bei Kohl natürlich den Umgang mit Macht.“

Grass spielte damit auf die jüngste Buchveröffentlichung über Merkel an, in der zwei Journalisten nachgewiesen haben wollen, dass Angela Merkel FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda gewesen sei – die Kanzlerin selbst hatte zu dieser Frage immer gesagt, sie könne sich nur an die Organisation kultureller Veranstaltungen im Rahmen ihres FDJ-Amts an der Universität erinnern.
Die neuen Erkenntnisse hatten allerdings kein besonders spektakuläres öffentliches Echo gefunden – selbst ehemalige DDR-Bürgerrechtler verteidigten die Bundeskanzlerin und auch die meisten politischen Gegner fanden es nicht angebracht, ihr wegen eines nachrangigen Postens in der DDR-Jugendorganisation nun Vorwürfe zu machen.

Grass’ Häme jedoch rief SPD-Politiker auf den Plan – nicht Steinbrück, der bei der Veranstaltung nicht direkt einschritt – aber eben Sellering. Und auch Wolfgang Thierse, der das Gespräch der beiden moderiert hatte, distanzierte sich später auf Nachfragen ein Stück weit: „Ich würde das Urteil nicht so formulieren.“ Der Literaturnobelpreisträger, der selbst erst 2006 zugab, dass er sich als Jugendlicher mit 17 Jahren freiwillig zur Wehrmacht gemeldet und daraufhin von der SS eingezogen worden sei, ist längst auch bei den Genossen nicht unumstritten. In einem Gedicht „Was gesagt werden muss“, warf er 2012 Israel vor, durch Kernwaffen den Weltfrieden zu gefährden. Daraufhin hatte es Empörung und Antisemitismusvorwürfe gegen ihn gegeben – bis in die SPD-Reihen hinein.

Weitere Wahlkampfauftritte mit Steinbrück sind erst einmal nicht geplant.


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