"Solch ein Prozess kann eine Erleichterung sein"

„Meist sind die Opfer ja die einzigen Zeugen,“ sagt Christine Habetha, Opferanwältin.
„Meist sind die Opfer ja die einzigen Zeugen,“ sagt Christine Habetha, Opferanwältin.

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24. März 2013, 06:47 Uhr

Das Schicksal der 17-jährigen Rebecca aus Rostock bewegte das ganze Land. Von heute an steht ihr mutmaßlicher Peiniger vor Gericht - und damit der Fall wieder im Rampenlicht. Was bedeutet so ein Prozess für jemanden, der Opfer von Gewalt geworden ist? Corinna Pfaff fragte Rechtsanwältin Christine Habetha, die seit zwanzig Jahren vor allem als Opferanwältin arbeitet - in Mecklenburg-Vorpommern, aber auch in Hamburg, Niedersachsen und Baden-Württemberg.

Man spricht vom "Fall Rebecca", vom "Rebecca-Prozess" - der Name des Mädchens war von Anfang an öffentlich. Über den Prozess werden viele Medien berichten. Ist das nicht eine große zusätzliche Belastung für jemanden, der so viel Leid erfuhr?

Christine Habetha: Grundsätzlich hat die Öffentlichkeit ein Recht auf Information und Aufklärung. Das ist so und sollte nicht verhindert werden. Natürlich gelten gewisse Grundregeln. Zuschauer können - zumindest zeitweise - ausgeschlossen werden, um Persönlichkeitsrechte zu schützen. Aber Vorsicht vor Klischees: Solch ein Prozess kann auch eine Erleichterung für Betroffene sein.

Das müssen Sie näher erklären.

Ich habe das erst kürzlich wieder erlebt. In einem Prozess, in dem der Angeklagte kein Geständnis ablegte. Das Missbrauchsopfer, ein achtjähriges Mädchen, musste in den Zeugenstand. Natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Kind hat sehr unbefangen und detailliert auf die Fragen des Richters geantwortet. Am Ende hat der Angeklagte betreten zu Boden geguckt und das Mädchen erhobenen Hauptes den Saal verlassen. Solch ein unmittelbarer Eindruck ist durchaus wichtig. Meist sind die Opfer ja die einzigen Zeugen.

Kindern und Jugendlichen fällt es besonders schwer, über erlittenen sexuellen Missbrauch zu reden. Wie kann ihnen geholfen werden?

Ich halte viel von der sogenannten psychosozialen Prozessbegleitung. Ein Modellprojekt des Justizministeriums, mit dem Kinder sehr fachkundig und einfühlsam auf das vorbereitet werden, was sie im Gerichtssaal erwartet. Das nimmt ihnen die Angst, ohne ihre Aussage zu beeinflussen.

Raten Sie Missbrauchsopfern generell zur Anzeige?

Die Entscheidung kann den Betroffenen niemand abnehmen. Die meisten Täter kommen aus dem persönlichen Umfeld. Der Stiefvater, der liebe Onkel. Ich kann nur meine Berufserfahrung einbringen, sehen, ob die Frauen und Mädchen - um die handelt es sich ja überwiegend - Rückhalt in der Familie oder bei Freunden haben. Denn eines ist klar, eine Strafanzeige ist unumkehrbar. Sobald sie gestellt ist, wird von Amts wegen ermittelt. Intensive Befragungen zu intimsten Details folgen, gynäkologische Untersuchungen, eventuell Glaubwürdigkeitsgutachten, vieles wird öffentlich. Die Folgen sind für meine Mandanten und auch für mich nicht immer absehbar. Wir wissen ja auch nie, wie sich der Täter verhält.

Immer mehr Betroffene nehmen dies dennoch auf sich…

Weil der Leidensdruck immer stärker wird. Oft spüren sie erst nach Jahren, dass sie nicht loswerden, was ihnen angetan wurde. Deshalb sind die neuen Regelungen, mit denen der Bundestag die Opferrechte stärken will, so wichtig. Die Verjährungsfristen werden erheblich verlängert. Die strafrechtliche Verjährung beispielsweise beginnt künftig erst mit Vollendung des 21. Lebensjahres des Opfers und kann bei einer Vergewaltigung bis zu 20 Jahre betragen. Auch die zivilrechtlichen Verjährungsfristen für Schadensersatzansprüche wurden heraufgesetzt, von bisher 3 auf 30 Jahre.

Kann Schmerzensgeld die seelischen Wunden heilen?

Geld ist sicher nicht der Grund, solch einen Prozess anzustrengen. Oft genug können die Täter die festgelegte Summe ja auch gar nicht zahlen. Ein Urteil ist vor allem eine gewisse Genugtuung für die Opfer, die sie brauchen, um das Geschehen zu verarbeiten. Viele sind allerdings auch auf finanzielle Unterstützung angewiesen, weil sie kostenintensive Therapien benötigen, die von Kassen und Ämtern nicht immer bezahlt werden. Ein Netz von Trauma-Ambulanzen, wie jetzt vom Land begonnen, ist dringend nötig. Bislang müssen Opfer meist monatelang auf einen Platz warten. Deshalb sind Hilfsangebote von Vereinen für Opfer von sexueller Gewalt besonders wichtig.

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