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Stasi-Unterlagen : „So schlimm kann es nicht gewesen sein“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Beauftragte für die Stasi-Unterlagen: Interesse an historischer Aufarbeitung groß

Die Behörden sollten Gesundheitsschäden in Folge politischer Haft in der DDR leichter anerkennen, als sie es bislang praktizieren. Das hat die Landesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Anne Drescher, gefordert. Die Behörden sollten pauschal davon ausgehen, dass mindestens 30 Prozent heutiger seelischer und körperlicher Beeinträchtigungen auf Haftbedingungen in der DDR zurückzuführen seien, sagte Drescher gestern, als sie ihren Tätigkeitsbericht für 2014 vorstellte. Ob die Haft einen höheren Anteil an den Ursachen habe, müsste dann im Einzelfall geprüft werden.

Laut Drescher sind in MV 12  000 ehemalige Häftlinge strafrechtlich rehabilitiert worden. Aber nur 895 haben beantragt, ihre Gesundheitsschäden als Folge der Haft anzuerkennen. Nur bei 105 war dieser Antrag erfolgreich. Das Verhältnis zwischen rehabilitierten Häftlingen und Anträgen entspreche „nicht der Lebenswirklichkeit“, so Drescher. Viele Betroffene hätten von den langwierigen und komplizierten Antragsverfahren und den teilweise unwürdigen Begutachtungen gehört und würden davor zurückschrecken. Drescher berichtete von einem Betroffenen, der nach mehr als zehn Jahren Verfahrensdauer letztlich vor dem höchsten Sozialgericht gescheitert sei. Das erste Gespräch mit einem Gutachter hatte der Mann, der zehn Jahre in Bautzen gesessen hatte, in einem Gefängnis. Bei einem anderen Gutachter in Hamburg bekam er zu hören: „So schlimm kann es ja nicht gewesen sein. Sie tun ja, als ob Sie in einem KZ gewesen wären.“ Drescher sieht die Gefahr, dass Gutachter weder die Wirklichkeit in der DDR noch die in den DDR-Gefängnissen kennen.

Die hohe Zahl der Besucher in der Gulag-Ausstellung in Schwerin 2014 habe gezeigt, dass das Interesse an der Aufarbeitung immer noch groß ist. 2015 wird ihre Dienststelle sich sowohl dem 70. Jahrestag des Kriegsendes als auch dem 25. Jahrestag der Wiedervereinigung widmen.

Viele Menschen hätten bis 1990 ihre Erlebnisse seit dem Ende des Krieges verschweigen müssen. Dazu gehören auch mehr als eine Million Flüchtlinge, die ihre Heimat in den deutschen Ostgebieten verleugnen mussten, da die Behörden in der sowjetischen Besatzungszone das Wort „Flüchtlinge“ verboten hatten und anordneten, sie „Umsiedler“ zu nennen. Auch über Erfahrungen in sowjetischer und in DDR-Haft durfte in der Regel nicht gesprochen werden. „Beschwiegene Geschichte jedoch macht krank“, so Drescher.

Als gelungenes Beispiel aufgearbeiteter Geschichte nannte sie die Rehabilitierung von Frank N. in Güstrow. 1984 kam es nach einer Feier vor der Dienststelle der Stasi in Güstrow zu einem Wortgefecht zwischen N. und zwei Freunden sowie Stasi-Leuten. Ein betrunkener Stasi-Mann griff zur Waffe und erschoss zwei von Frank N.s Begleitern. Er selbst wurde schwer verletzt. Aus den seit 1990 zugänglichen Akten ging hervor, dass die Stasi das Gerücht lancierte, sie seien selbst schuld an der Schießerei. 30 Jahre nach dem Vorfall setzte die Stadt Güstrow den Opfern einen Gedenkstein.

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