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Michael Gartenschläger : „So gemein und unfair!“

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Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Vor 40 Jahren wurde Michael Gartenschläger am Grenzzaun erschossen. Seine Großnichte und ihr Vater klagen am Grab in Schwerin an

svz.de von
erstellt am 16.Apr.2016 | 07:30 Uhr

Wenn Charlotte Köckeritz aus den Briefen ihres Großonkels vorliest, fängt ihre Stimme leicht an zu zittern. „Liebe Mutti“, schrieb Michael Gartenschläger 1966 tieftraurig aus dem Gefängnis in Brandenburg, „ich denke immer an die Zeit, die man uns getrennt hat. Am 19.8. sind es fünf Jahre meiner Freiheit, fünf Jahre meiner Jugend, die vielleicht die glücklichsten hätten sein können.“

Damals ist Gartenschläger so alt wie Charlotte heute. „Das ist so gemein, so unfair, was ihm widerfahren ist“, sagt die 21-jährige Psychologiestudentin. „Er wollte nur sein Leben genießen, die Welt erkunden, so wie ich heute auch.“ Weil der Rock’n’Roll-Fan 1961 mit ein paar Kumpeln in Strausberg gegen den Bau der Mauer protestierte und eine Feldscheune ansteckte, wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt.

Nach zehn Jahren kaufte die Bundesrepublik ihn frei. Seine Freiheit konnte er nur fünf Jahre genießen. Vor 40 Jahren wurde er in der Nacht zum 1. Mai 1976 bei Büchen erschossen, als er zum dritten Mal vom Westen aus versuchte, einen der Tod bringenden Selbstschussautomaten „SM 70“ vom Grenzzaun abzubauen. Ein Stasi-Kommando hatte ihm westlich des Grenzzauns aufgelauert. Mit den beiden Demontagen zuvor hatte er die DDR bloßgestellt. Sie hatte stets die Existenz der international geächteten „SM 70“ geleugnet. Charlotte findet es bewundernswert, dass ihr Großonkel nach der Freilassung nicht resignierte. „Er wollte, dass die Welt hinschaut was in der DDR passierte.“

Sie ist aus Mainz mit ihrem Vater Thomas nach Schwerin gekommen, um zum Todestag Gartenschlägers Blumen zum Grab auf dem Schweriner Waldfriedhof zu bringen. Thomas Köckeritz pflegt das Gedenken an seinen Onkel als eine „familiäre Angelegenheit, nicht um die DDR anzuklagen“. Der Tod Gartenschlägers hat auch sein Leben geprägt. Als seine Familie auch nach Jahren nicht erfahren durfte, wo Gartenschläger begraben war, hat er mit der DDR gebrochen. 1980 versuchte er über Rumänien nach Griechenland zu fliehen und wurde gefasst. 16 Monate saß er im selben Gefängnis wie sein Onkel 15 Jahre zuvor. Erst nach der Wiedervereinigung erfuhr die Familie vom Grab in Schwerin.

Drei der Stasi-Schützen, die Gartenschläger aufgelauert hatten, mussten sich 1999 wegen der tödlichen Schüsse vor dem Landgericht Schwerin verantworten. Charlotte fällt es schwer, den Freispruch zu verstehen. „Es ist so eindeutig, was passiert ist“, findet sie, „es war klar, dass die schießen.“ Das Gericht jedoch wollte nicht ausschließen, dass Gartenschläger damals einen ersten Schuss abgab, und die Stasi-Schützen mit ihren ersten Salven aus Notwehr geschossen haben könnten. Zwar gaben sie noch weitere 80 Schüsse ab. Laut Gericht ließ sich nicht beweisen, dass erst diese tödlich waren.

Thomas Bardenhagen unterstützt Charlottes Sichtweise. Er war im Prozess Staatsanwalt. „Zu Beginn hatte ich Zweifel, dass die Stasi so ein Killerkommando losschickt. Am Ende des Prozesses war ich davon überzeugt.“ Das Gericht habe die Beweise und Indizien allerdings anders bewertet. Gerlinde Haker hingegen kann mit dem Urteil leben. Die DDR-kritische heutige Schweriner Stadtvertreterin war Schöffin im Gartenschläger-Prozess. Auch wenn sie freigesprochen wurden, hatte sie von den Angeklagten den Eindruck, „dass sie inzwischen etwas kritisch über den Einsatz nachgedacht hatten.“ Thomas Köckeritz indes stört sich an den Zwischentönen in der Urteilsbegründung: „Michael wird als leichtsinnig dargestellt, als habe er gewusst, dass die Stasi-Schützen auf ihn lauern. Aber er war nicht lebensmüde!“

Charlotte hat das Schicksal ihres Großonkels dazu gebracht, sich für die jüngere Geschichte zu interessieren. Außerdem ist es ihr wichtig, wählen zu gehen. Das sei ein kleiner Beitrag um zu verhindern, „dass so ein System, unter dem mein Großonkel litt, nicht mehr entstehen kann.“


 



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