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Neuer Gesundheitsbericht : So fühlen sich die Deutschen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wir sind bei guter Gesundheit, bei der Arbeit jedoch oft gestresst.

svz.de von
erstellt am 04.Dez.2015 | 12:00 Uhr

Stress am Arbeitsplatz, eine alternde Gesellschaft, eine größere Schere zwischen Arm und Reich. Das sind laut dem neuen Gesundheitsbericht der Bundesregierung die treibenden Faktoren, die Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Wie krank sind die Deutschen? Hintergründe von Benno Müchler zum neuen Gesundheitsbericht.

Wie ist die Gesundheitslage in Deutschland?
Allgemein steht es um die Gesundheit in Deutschland gut. Drei Viertel der Männer und Frauen bewerten ihren Gesundheitszustand als „gut“ oder „sehr gut“. Die Lebenserwartung ist hoch, auch zwischen Ost- und Westdeutschland gibt es hier kaum noch Unterschiede. Sie liegt bei Männern bei 77,7 Jahren, bei Frauen bei 82,7 Jahren. Die Sterblichkeitsraten für viele Krebsarten, koronarer Herzkrankheit, Herzinfarkt und Schlaganfall haben abgenommen. Immer weniger Jugendliche rauchen. All das sind gute Zeichen.

Was sind die Haupterkrankungen?
Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall sind die häufigste Todesursache: 39,7 Prozent aller Todesfälle gehen auf sie zurück. Mit 25 Prozent sind Krebserkrankungen die zweithäufigste Todesursache: Darm-, Lungen-, Brust- und Prostatakrebs die häufigsten Formen. Nach Schätzungen erkrankt jeder zweite Mann im Laufe seines Lebens an Krebs, und zwei von fünf Frauen.

Stark zugenommen hat die Diabetes. 6,7 Millionen Menschen leiden an einer bekannten oder unbekannten Diabetes mellitus. Auch psychische Störungen treten häufiger auf: Allein 9,8 Millionen Menschen litten an einer Form von Angststörung. Von Demenz sind 30 Prozent der Altersklasse ab 90 Jahren betroffen.

Starkes Übergewicht – Adipositas – hat leicht zugenommen: Bei Jugendlichen von 11 bis 17 Jahren stieg es seit 2003 von 8,9 auf 10 Prozent. Adipositas tritt deutlich stärker im Osten der Republik auf. Erkrankungen des Muskel- und Skelettsystems wie Arthrose, Osteoporose und Rheuma gehören zu den kostenträchtigsten Erkrankungen für die Kassen.

Wie viel geben wir für Gesundheit aus?
2013 lagen die Gesundheitsausgaben bei insgesamt 314,9 Milliarden Euro. 87,6 Milliarden entfielen auf ambulant oder stationär erbrachte ärztliche Leistungen, rund 60 Milliarden auf pflegerische Leistungen. Für Arzneimittel wurden 47,8 Milliarden Euro ausgegeben, ein Anstieg um 10,7 Milliarden Euro seit 2003. Krankenhausbehandlungen kosteten 82,4 Milliarden Euro. Die in Arztpraxen erbrachten Leistungen beliefen sich auf 46,4 Milliarden Euro.

Welche Faktoren beeinflussen die Gesundheit, wie reagiert die Politik?
Die größten Herausforderungen für die Gesundheit sind der demografische und soziale Wandel. Ein längeres Leben beansprucht den Körper mehr, zunehmende Gebrechlichkeit ist nur eine Folge. Erkrankungen wie Demenz treten häufiger auf. Stress am Arbeitsplatz hat Auswirkungen auf den Blutdruck und die Psyche.

Die größer werdende Schere zwischen Arm und Reich lässt sich an der Lebenserwartung und Häufigkeit von Diabetes ablesen: So haben Männer mit hohem Einkommen eine um elf Jahre höhere Lebenserwartung als Männer mit einem niedrigen Einkommen. Frauen mit niedrigem sozialem Status erkranken dreimal häufiger an Diabetes als sozial stärkere Frauen. Die Bundesregierung hat auf die Herausforderungen reagiert und die Pflege von älteren und kranken Menschen gesetzlich verbessert. Zur Bekämpfung von Diabetes soll in Zusammenarbeit mit dem Robert-Koch-Institut ein nationales Diabetes-Überwachungssystem aufgebaut werden.

Was sind die nächsten Schritte?
In Zukunft will die Bundesregierung insbesondere die Digitalisierung zur Gesundheitsversorgung besser nutzen. Dazu beschloss der Bundestag gestern das E-Health-Gesetz, das im kommenden Jahr in Kraft treten soll. Es schafft die Grundlage für eine elektronische Gesundheitskarte. Sie vernetzt Ärzte, Krankenhäuser, Apotheken und Versicherte und soll die Versorgung vereinfachen. Auch können auf ihr Daten über Vorerkrankungen und bestehende Allergien gespeichert werden, die dem Arzt im Notfall wichtige Informationen liefern. Heute kommt es nicht selten zu gefährlichen Arzneimittelverwechselungen mit tödlichen Folgen.

Warum sind wir auf Arbeit oft so gestresst?
Wenige Pausen, kaum ein Moment zum Abschalten, ständige Unterbrechungen bei der Arbeit – für Millionen Arbeitnehmer in Deutschland ist Arbeit eine Aneinanderreihung von Stressfaktoren. „Die Arbeitsbedingungen werden von den Arbeitnehmern insgesamt alles andere als gut bewertet“, sagt DGB-Chef Reiner Hoffmann. „Die Ursache dafür ist insbesondere der zunehmende Arbeitsdruck, die Verdichtung und die Belastung bei der Arbeit.“ Wo kommt der Stress genau her? Zunächst ist Hektik im Job laut dem gestern präsentierten „DGB-Index Gute Arbeit“ eher die Regel als die Ausnahme: Etwas mehr als jeder zweite Beschäftigte fühlt sich sehr oft oder oft gehetzt oder zumindest unter Zeitdruck. Häufigste Ursache ist der Umfrage zufolge Multitasking: Von denen, die besonders im Stress sind, haben nach eigenen Angaben 65 Prozent oft zu viel gleichzeitig um die Ohren. Betroffen sind vor allem Mitarbeiter der Informationsbranche, der Banken, Versicherungen und der öffentlichen Verwaltung.

Fast ebenso oft schlägt in den Augen der Betroffenen aber auch zu wenig Personal durch. In den Augen von 63 Prozent der Gehetzten verteilt sich zu viel Arbeit auf zu wenige Schultern. Besonders wer seine Arbeitsbedingungen auch aus anderen Gründen ohnehin schon als mies empfindet, sieht sich auch durch zu wenig Personal unter Druck.

An dritter Stelle stehen bei den Ursachen für Stress ungeplante Zusatzaufgaben (bei 61 Prozent der Gehetzten), zu knappe Zeitvorgaben (54 Prozent), eine zu hohe Erwartungshaltung von Kunden oder Patienten (41 Prozent). Jeweils rund ein Drittel der Gehetzten klagt über zu lange Entscheidungswege oder zu hohe Vorgaben im Betrieb.

Schlechte Zustände im Job kommen selten allein. „Auffallend ist, dass bei Arbeitnehmern mit besonders vielen Überstunden dann auch noch die Pausen ausfallen“, sagt Hoffmann. Fast ein Drittel der Beschäftigten insgesamt verzichtet auf Pausen oder verkürzt sie. Von denen, die auch außerhalb ihrer normalen Arbeitszeiten oft für ihren Arbeitgeber erreichbar sein müssen, haben 55 Prozent auch kaum Pausen – bei Beschäftigten mit mindestens 45 Wochenstunden im Job sind es 48 Prozent.

Verdi-Chef Frank Bsirske sieht eine direkte Verbindung vom Dauerstress zum Krankenlager. Tatsächlich weisen die Krankenkassen seit Jahren immer mehr Krankheitstage wegen psychischer Erkrankungen aus. Und auch ein großer Teil der Frühverrentungen geht darauf zurück. Aber was folgt nun daraus? Die IG Metall legte schon vor drei Jahren einen Entwurf für eine Anti-Stress-Verordnung vor. Unternehmen sollten unter anderem verpflichtet werden, für einen gesunden Arbeitsrhythmus zu sorgen. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) trieb auch eine Prüfung der Sache voran – doch in Zeiten von Wachstumsrisiken und Flüchtlingskrise ist nichts mehr davon zu hören.

Gar nicht einverstanden mit der Stoßrichtung der DGB-Präsentation sind die Arbeitgeber: „Die Unternehmen bemühen sich nach Kräften, die Erwartungen ihrer Kunden bestmöglich zu erfüllen, ohne ihre Beschäftigten zu überfordern“, betont die Arbeitgebervereinigung BDA. Sie führt andere Umfragen an, nach denen dies auch meist gelingt. So zeige eine Erhebung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, dass mehr als 70 Prozent derer, die häufig mit mehreren Aufgaben gleichzeitig befasst sind, sich dadurch nicht belastet fühlen.


 

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