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Umdenken in der Geflügelhaltung : Smaragdenten und fliegende Hühner

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Das Interesse an traditionellen Tierrassen steigt wieder. Bestimmte Arten von Puten, Enten oder Hühnern dienten früher der Ernährung der Menschen, sind aber im Zuge der Industrialisierung weitgehend verschwunden.

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erstellt am 16.Feb.2012 | 07:46 Uhr

Rostock | Dieter Geyer hat Glück, dass er sein Zwerghuhn zu fassen kriegt. Die Rasse der Sebrights ist die einzige unter Hühnern, deren Vertreter fliegen können. "Wenn ich sie einfangen will, muss ich mich anschleichen", sagt der 70 Jahre alte Züchter in Rostock. Vorsichtig schließt er den Verschlag. Geyer hält als einziger Züchter in Mecklenburg-Vorpommern Sebrights.

Die vor rund 200 Jahren in England gezüchtete Zwerghuhnrasse ist mit 20 Zentimetern auffallend kleingewachsen. Der Zuchthahn gehört zum Farbschlag gold-schwarzgesäumt, sein Gefieder geht Ton in Ton über. Wohin im Gefieder welche Feder gehört, ist im Rassestandard genau festgeschrieben. "Die passt hier nicht hin", sagt der Hobbyzüchter, und entfernt mit geübtem Handgriff eine nicht richtig gefärbte Feder. Noch ein letzter kontrollierender Blick und der Hahn darf - ausstellungsreif herausgeputzt - zurück zu seinen Hennen.

Karl Studier besitzt in Dummerstorf nahezu die gesamte Rassegeflügelpalette: Von Hühnern über Enten bis hin zu Wachteln, Fasanen und Mövchen. Besonders wertvoll sind die Smaragdenten. Grün gefärbt, wie der Edelstein, der ihnen den Namen gab, setzen Züchter neuer Hochleistungsrassen vor allem auf die hohe Fleischqualität der Smaragdente.

Verloren gegangen sei ihnen hingegen die Eigenschaft, beim Baden vor angreifenden Raubvogelangriffen rechtzeitig abzutauchen, sagt Landwirt Studier. Das aber ist notwendig, um bei der angestrebten Freilandhaltung von Nutz enten die Verluste möglichst gering zu halten. Hier sind die Züchter noch auf der Suche nach traditionellen Rassen, die sich ihr Schutzverhalten bis heute bewahrt haben.

Den Beweis dafür, dass typische Eigenschaften einzelnen Rassegeflügelarten über etliche Generationen nicht zwangsläufig verloren gehen müssen, liefert Dieter Brandt. Der Bad Doberaner züchtet Moderne Englische Zwergkämpfer.

Stets darauf bedacht, die kampfesfreudigen Hähne getrennt zu halten, macht Brandt für wenige Sekunden eine Ausnahme. Und schon gehen zwei Streithähne aufeinander los. "Für das Kämpfen sind sie um 1870 in England gezüchtet worden. Und das steckt ihnen bis heute im Blut", sagt Brandt und trennt die beiden wieder.

Für den Vorsitzenden des Landesverbands der Rassegeflügelzüchter in Mecklenburg-Vorpommern, Martin Piehl, ist der Fortbestand vieler Rassen außerordentlich wichtig. "Ohne den Erhalt genetischer Ressourcen wird eine moderne Zuchtarbeit längerfristig nicht möglich sein", sagt der Experte und macht es am Beispiel der Hühnerhaltung deutlich. Die Tendenz weg von der Legebatterie hin zur Freilandhaltung erfordere auch dafür geeignete Rassen.

Weil gerade Hühner traditionell ausschließlich im Freien gehalten wurden, greifen Züchter zielgerichtet auf Rassen zurück, die ohne das Engagement der Rassegeflügelhalter längst ausgestorben wären. So haben sich einige alte regionale Rassen beispielsweise die Eigenschaft bewahrt, sich rechtzeitig vor Übergriffen von Greifvögeln in Sicherheit zu bringen.

Diese Fähigkeit sei modernen Zuchtformen angesichts der Stallhaltung völlig abhandengekommen, sagt Piehl. "Wir sind jederzeit bereit, uns in diese Zuchtarbeit einzubringen. Leistung und Schönheit müssten sich ja nicht ausschließen", sagt auch Hobbyzüchter Dieter Geyer.

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