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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 22:33 Uhr

Schwerin : Slawenwall erzählt Stadtgeschichte

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

War das erste Schwerin ein Schmelztiegel der Kulturen? Archäologische Funde aus Schlossinnenhof werden fürs Museum aufgearbeitet

von
erstellt am 08.Okt.2014 | 07:57 Uhr

Inmitten von „Wiesen, Dickicht und Morast (…) südlich von Grad befindet sich eine Burg, die in einem Süßwassersee erbaut ist“, notiert der jüdische Reisende Ibrahim Ibn Jakub. Er reitet etwa im Jahr 973 südlich der Mecklenburg.

Heute ist sich Archäologin Marlies Konze nach dem jüngsten Sensationsfund im Schlossinnenhof fast sicher: „Ibrahim Ibn Jakub ist am heutigen Schwerin vorbeigeritten.“ Ein Ausgrabungsteam des Landesamtes für Kultur- und Denkmalpflege legt derzeit in 4,50 Meter Tiefe einen slawischen Burgwall frei. Nach ersten dentrologischen Untersuchungen der hölzernen, mehrere Meter dicken und gut erhaltenen Verteidigungsanlage datieren Berliner Experten sie ins Jahr 965. Die Slawen verbauten vor allem Eichen und Buchenstämme – „ohne Nägel und Metall“, erläutert die Archäologin, die eigentlich eher in der frühen Neuzeit zu Hause ist. Mit dem Fund ist ihre Leidenschaft für das frühe Mittelalter entfacht: „Das Schwerin der ersten Jahrtausendwende scheint ein Schmelztiegel der Kulturen gewesen zu sein: Skandinavier, Slawen, Araber und Juden trieben hier wohlmöglich Handel.“ Wie das ausgesehen haben könnte, sollen die Funde aus dem Schlossinnenhof in naher Zukunft auch Schwerinern und Neugierigen erzählen. Dafür werden sie in den nächsten Monaten für ein Museum konserviert und dokumentiert.

Mehr als 200 Burgen hatten vor tausend Jahren das Land der Slawen gespickt. Dichte Vegetation und Morast bildeten ein natürliches Wehr gegen Heere und eine Herausforderung für Baumeister. „Die heutige Schlossinsel war ein Eiland, Baumaterial musste mit Muskelkraft herangeschafft werden“, erzählt Marlies Konze. Die Slawen hatten Stämme in die Erde getrieben, mit Brettern verbunden und mit Erde gefüllt. „Sie verwendeten Lehm, um die Hölzer abzuschirmen“, so die Fachfrau weiter.

Wie gut das funktioniert zeigt der Burgwall heute noch, der eine flächenmäßig kleinere Burg vermuten lässt. Die Stämme sind fast vollständig erhalten, nur etwas grauer als diejenigen aus der Zeit von Georg Adolf Demmler (1804-1886), der das Stadtbild Schwerins maßgeblich prägte. „Der Wall könnte etwa zwölf Meter breit und bis zu zehn Meter hoch gewesen sein“, schätzt die Archäologin. Ihr fünfköpfiges Team will in den nächsten Wochen den frei gelegten Slawenwall zerlegen, durch den der Versorgungsschacht für den künftigen Plenarsaal führen soll. „So eine Art geordnete Zerstörung“, sagt sie. Große Erdmengen würden mit dem Bagger bewegt „und hinterher gesiebt“. Feinarbeiten direkt am Wall erledigen die Ausgräber mit Spaten, Schippe und mit dem Pinsel. „Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich – mal grob, mal fein“, sagt die Expertin. Dabei dokumentiert das Grabungsteam jedes hölzerne Detail, darunter eine tausend Jahre alte Feuerstelle. „Wann können wir schon so tief in den Schlossinnenhof und in seine Vergangenheit schauen“, so Konze.

 

 

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