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Mammutprozess in Schwerin : Sinnvolle Ermittlung oder Holzweg?

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Seine Zeit als Rentner hat er sich wohl anders vorgestellt. Seit 2009 geht Manfred N. zweimal wöchentlich ins Schweriner Landgericht, gestern zum 106. Mal. Der hagere Mann soll 1995 einen Mord in Auftrag gegeben haben.

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erstellt am 01.Dez.2011 | 09:45 Uhr

Schwerin | Seine Zeit als Rentner hat er sich wohl anders vorgestellt. Seit 2009 geht der frühere Spielothek-Betreiber Manfred N. zweimal wöchentlich ins Schweriner Landgericht, gestern zum 106. Mal. Der 65-Jährige duzt inzwischen mehrere Gerichtsbesucher, die - ebenfalls Rentner- dem Prozess die Treue halten. Doch im Gegensatz zu seinen neuen Bekannten nimmt der hagere Mann mit dem grauen Haar auf der Anklagebank Platz. Trifft der Vorwurf zu, dann werden die nächsten Jahre für ihn nicht angenehmer. Noch aber ist der Ausgang des ungewöhnlichen Mammutprozesses offen.

Der Schweriner Manfred N. soll 1995 einen Mord in Auftrag gegeben und der Mann neben ihm auf der Anklagebank, Frank H., für die Ausführung gesorgt haben. H., heute 43, reist zum Prozess aus Köln an. Beide Angeklagte bestreiten die Vorwürfe. Aber die Schüsse fielen. Auf der Schweriner Halbinsel Krösnitz, als das Opfer gerade ein abgelegenes Grundstück verließ. Der Mann überlebte knapp. Damals war er Mitte dreißig und Angestellter in N.’s Spielothek. Viel mehr konnte - oder wollte - er den Ermittlern nicht mitteilen. Die forschten im Schweriner Rotlichtmilieu vergebens nach Verdächtigen und klappten die Akten zu.

Bis sich 2004 ein illustrer Zeuge zu Wort meldete, aus einem Gefängnis im Rheinland. Hinter Gittern haben die Wände offenbar Ohren und der Zeuge will allerlei gehört haben. Was letztlich dazu führte, dass sich N. und H. nun auf der Anklagebank wiederfinden. Zu einem Prozess, der in die Justizgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns eingehen wird, wie die Staatsanwälte Thorsten Kopf und Michael Gerlinger mutmaßen. Gewöhnlich sind die Ermittlungen abgeschlossen, wenn ein Prozess beginnt. Hier übernimmt das Gericht Ermittlungsarbeit, was die Verhandlung schier unendlich ausdehnt. Es veranlasste zum Beispiel die Telefonüberwachung einer Zeugin, die damals als Prostituierte in Schwerin gearbeitet hat und vielleicht im Tatfahrzeug saß. Protokolle über 16 Stunden abgehörter Telefongespräche gehen in die Akten ein. "Eine sinnvolle Ermittlung", sagen die Anklagevertreter. "Ein Holzweg", ist Verteidiger Jörn Gaebell überzeugt.

Zeugen vom Hörensagen, wie Ex-Männer der Prostituierten, sagen aus. Was die Vernehmung weiterer Zeugen nach sich zieht. Die Prostituierte hat derweil ein Verfahren wegen Meineids am Hals, Frank H. eines wegen eines weiteren Mordauftrags. Viele Zeugen verweisen auf Erinnerungslücken. Zwei Männer, die als Schützen infrage kamen, haben schon vor Jahren das Zeitliche gesegnet. Erschossen der eine, verunglückt der andere.

Der Zuhälter aus Bremen, der für gestern geladen war, muss unverrichteter Dinge abreisen. Eine Richterin ist plötzlich erkrankt, der Prozess wird vertagt. So bleibt weiter vieles im Unklaren, unter anderem das Tatmotiv. Nur eines ist gewiss: Manfred N. muss weiter ins Landgericht kommen, mindestens bis Februar 2012. Dann läuft der Prozess drei Jahre.

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