Prozess Kindesmissbrauch Schwerin : Signale des Sohnes nicht verstanden

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Pädophiler lernt Frauen übers Internet kennen und missbraucht deren Kinder

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13. Juni 2016, 20:45 Uhr

Auf Dating-Portalen und am Telefon machte er offenbar einen zuverlässigen, freundlichen Eindruck. Unabhängig voneinander luden deshalb zwei alleinerziehende Mütter im vergangenen Herbst einen arbeitslosen 36-jährigen Berliner zu sich nach Hause ein.

Was sie nicht wussten: Er war einschlägig vorbestraft und suchte gezielt die Nähe der Kinder der Frauen. Das Schweriner Landgericht verurteilte ihn gestern wegen schweren sexuellen Kindesmissbrauchs und anderen Delikten zu fünf Jahren und sechs Monaten Gefängnis.

Vorerst schickten ihn die Richter allerdings in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung. Ein Gutachter attestierte dem Mann zwei Krankheiten. Er ist psychisch gestört und er ist pädophil. Da die Richter ihm die Chance einräumten, sich medizinisch helfen zu lassen, entging der Angeklagte knapp der Sicherheitsverwahrung für die Zeit nach der Haft.

Übers Internet fand der Mann Kontakt zu einer 31-jährigen Frau in Neubrandenburg. Bei mehreren Wochenendbesuchen brachte er den beiden Töchtern Geschenke mit, schrieb ihnen häufig freundliche SMS. In der Kita durfte er sogar den Nikolaus spielen. Seine Angebote, die Kinder auch einmal allein zu betreuen, um die Mutter zu entlasten, lehnte diese allerdings ab. Einmal schaffte er es jedoch, die zehnjährige Tochter zu begrabschen.

Im selben Zeitraum besuchte der Angeklagte häufiger auch eine 42-jährige alleinerziehende Mutter in Neustadt-Glewe. Die Frau suchte eine feste Beziehung. Er aber machte ihr schon beim ersten Besuch klar, dass er nichts Näheres von ihr wollte – und schlief auf der Couch im Wohnzimmer. Allerdings kümmerte er sich „rührend“ um den zehnjährigen Sohn der Frau. Auch mit dessen Freunden verstand er sich blendend.

„Die Kinder waren von ihm hellauf begeistert“, berichtete die Mutter als Zeugin vor Gericht. Mitte Dezember allerdings schlich er sich nachts ins Kinderzimmer und verging sich an dem schlafenden Sohn. Der machte ihr gegenüber Andeutungen zu dem Vorfall. „Aber ich habe die Signale nicht verstanden.“ Zwar stellte sie ihren neuen Freund zur Rede. Der aber wiegelte den Verdacht wortreich ab. Im Januar versuchte der Angeklagte, sich auch an einem Freund des Zehnjährigen zu vergreifen.

Der Angeklagte wurde bereits 2001 und 2004 wegen Kindesmissbrauchs verurteilt. Danach hielt er sich mehrmals nicht an das Verbot, sich von Kindern fernzuhalten – was ihm weitere fünf Jahre Gefängnis einbrachte.

Trotz seiner eher geringen Intelligenz tischte der Angeklagte den alleinerziehenden Müttern offenbar immer wieder Phantasiegeschichten auf. So erzählte er von einer – nicht existierenden – hochbegabten Tochter auf einem Internat in England.

Rechtsanwältin Christine Habetha, die eines der Opfer vor Gericht vertrat, hofft, „dass sein Show-Talent nicht dazu führt, dass eine Therapie vorzeitig abgebrochen wird“. Die Anwältin räumte ein, zumindest die eine Mutter habe sich blenden lassen und den Mann vorschnell in ihre Wohnung gelassen.

„Das Kennenlernen im Internet geht offenbar einher mit einem Vertrauensvorschuss, der – wie dieser Fall zeigt – nicht unbedingt gerechtfertigt ist“, sagte die Rechtsanwältin gegenüber unserer Zeitung. „Wenn man jemanden in der Kaufhalle kennenlernt, lädt man ihn ja auch nicht gleich zu sich nach Hause ein.“ Ihr Rat: „Treffen Sie sich erst einmal an einem neutralen Ort, zum Beispiel in einem Café.“ Wenn man sich direkt gegenüber sitzt, sei es viel besser, als via Internet möglich, das richtige Bauchgefühl  gegenüber der neuen Bekanntschaft zu entwickeln.

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