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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 15:06 Uhr

Sieben ringen um den Chefsessel im Rathaus

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erstellt am 02.Feb.2012 | 06:55 Uhr

Rostock | Der Job gilt politischen Beobachtern als der zweitwichtigste im Land, gleich nach dem von Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD): Der Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock wird am Sonntag neu gewählt. Rund 175 000 wahlberechtigte Rostocker bestimmen den Verwaltungschef der größten Stadt und einer der wichtigsten Wirtschaftsregionen Mecklenburg-Vorpommerns. Der parteilose Amtsinhaber Roland Methling liegt in den Umfragen vorne. Er scheint schon deshalb gute Chancen auf eine zweite Amtszeit von weiteren sieben Jahren zu haben, weil sich die Fraktionen der Bürgerschaft trotz heftiger Auseinandersetzungen mit ihm nicht auf einen gemeinsamen Gegenkandidaten einigen konnten. So fordern insgesamt sechs Bewerber den 57-jährigen Methling heraus.

Dauerstreit bei vielen Themen

Über den höchsten Bekanntheitsgrad dürfte Bürgerschaftspräsidentin Karina Jens (CDU) verfügen. Weitere Bewerber sind der Rostocker Finanzamts-Chef Dr. Ait Stapelfeld (SPD), die frühere Berliner Staatssekretärin Kerstin Liebich (Linke), Architekt Christian Blauel (Grüne), Dr. Sybille Bachmann, Personalratsvorsitzende der Universität Rostock, für das Wählerbündnis Rostocker Bund sowie der arbeitslose Gas- und Wasserinstallateur Toralf Vetter als Einzelbewerber.

Im nur rund vier Wochen langen Wahlkampf blieben die ganz großen Auseinandersetzungen bisher aus. Der Amtsinhaber und auch alle seine Gegenkandidaten setzen sich vor allem für einen Neubau des Volkstheaters ein, nachdem das Große Haus 2011 wegen Mängeln beim Brandschutz gesperrt werden und die Bühne vorübergehend in ein Zelt umziehen musste.

Ansonsten liegen Methling und die Fraktionen der Bürgerschaft seit Jahren in vielen Fragen über Kreuz. So streiten sie etwa über die Verholung des symbolträchtigen Traditionsschiffes vom ehemaligen Gelände der Internationalen Gartenbauausstellung IGA in den Stadthafen. Denn dort will Methling das Stadtzentrum zum Wasser hin entwickeln - mit dem Schiff, einem maritimen Museum und dem Neubau des Volkstheaters. Längst lässt er die Verwaltung prüfen, wie die L22, die am dichtesten befahrene Straße des Landes, in einem Tunnel verschwinden kann, um an der Kaikante Platz zu schaffen.

Die Mehrheit der Bürgerschaft hingegen will das Traditionsschiff bei der IGA verzurrt lassen und auch bei der Standortwahl für das Volkstheater bisher nicht mitgehen.

Die heftigsten Konflikte gab es in den vergangenen Jahren aber um die Haushaltspolitik der Hansestadt. Als Methling, der bis dahin Manager der Hanse Sail war, 2005 überraschend mit 58,2 Prozent der Stimmen ins Amt kam, übernahm er hoch defizitäre Kassen. Nach dem finanziellen Debakel der IGA, das mit zum Rücktritt von Amtsvorgänger Arno Pöker (SPD) führte, stand Rostock kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Methling schwenkte auf Sparkurs und schloss seit 2008 alle Jahre mit einem Plus ab.

Vorwurf: Schlechtes Klima im Rathaus

2009 dann wollte er den ganz großen Coup landen. Methling plante, durch Verkäufe eines Anteilspaketes an der kommunalen Wohnungsgesellschaft Wiro, die mehr als 200 Millionen Euro Altschulden auf einen Schlag zu begleichen. Aber da spielte die Bürgerschaft nicht mit. Es kam zu einem Bürgerbegehren, das Vermögensverkäufe ausschloss. Auch 2011 gab es wieder Knatsch um die Finanzen. Kritiker werfen dem Rathaus-Chef vor, mit Verzögerungen und vorläufiger Haushaltsführung am Budgetrecht der Bürgerschaft vorbeizuregieren. Er selbst verweist auf den unverändert fortgesetzten Sanierungskurs. "Die Hansestadt hat sich Gestaltungsspielraum erarbeitet", sagt Methling. Sie könne bis zum 800. Stadtjubiläum 2018 frei von Altschulden sein und ein neues Theater bauen.

Methlings Gegenkandidaten wollen den Sparkurs beibehalten, setzen aber unterschiedliche Schwerpunkte. SPD-Mann und Finanzamts-Chef Stapelfeld zum Beispiel sagt: "Wir brauchen eine ordentliche Haushaltspolitik, die nicht nur auf Steuereinnahmen setzt, sondern auch die Ausgaben reduziert." Die Kandidatin der Linken, Liebich, spricht sich vor allem für einen Erhalt des kommunalen Eigentums aus. "Es ist ein wichtiger Wert, mit dem man sinnvoll Stadtpolitik machen kann."

Alle Gegenkandidaten werfen Methling ein schlechtes Klima im Rathaus vor, fordern mehr Transparenz und eine bessere Zusammenarbeit. "Die hausgemachten Probleme und Blockaden müssen ein Ende haben", sagt CDU-Bewerberin Jens. In der Tat wird sich der Wahlsieger in den kommenden Jahren neben der Stadtentwicklung und den Schuldenproblemen wohl auch verstärkt um das Rathaus selbst kümmern müssen. Die Verwaltung ist von 3400 Mitarbeitern im Jahr 2001 auf mittlerweile knapp 2100 Angestellte geschrumpft. Das Rathaus-Personal ist im Durchschnitt fast 49 Jahre alt, das Personalmanagementkonzept geht in einer Prognose von einem Anstieg auf 55 Jahre bis 2020 aus. Und dann werden wohl auch nur noch 1400 Mitarbeiter zur Verfügung stehen.

Im Rennen darum, wer ihr Chef wird, spekulieren die Strategen der Parteien nun vor allem darauf, dass es einer der Herausforderer in die Stichwahl schafft. Denn: Kann keiner der Kandidaten am Sonntag mehr als 50 Prozent der Wähler hinter sich bringen, treten die beiden mit den meisten Stimmen am 19. Februar noch einmal gegeneinander an - dann werden die Karten möglicherweise noch einmal ganz neu gemischt. Viele in den Parteien und der Bürgerschaft zählen jedenfalls darauf, dass einer der sechs Methling dann schlagen kann.

Aspiranten für mögliche Stichwahl

Ob sich die Parteien in einem zweiten Wahlgang zu einem breiten Gegenbündnis zusammenraufen können, ist allerdings noch offen. Karina Jens ist als mögliche Stichwahlaspirantin bisher schon betont überparteilich aufgetreten. Ihre Kampagne ist mit "Konsens" überschrieben, auf die Angabe ihrer Partei CDU verzichtete sie auf ihren Plakaten ganz. Allen Umfragen zufolge haben aber auch Sozialdemokrat Stapelfeld und die Linke-Bewerberin Liebich ähnlich hohe Chancen auf den Einzug in eine mögliche Stichwahl.

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