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Greifswald: „Das Jahrhundertereignis“ : Sieben Glocken im Dom

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Eine elektronische Steuerung bringt von der Küsterkammer aus das Geläut im Domturm in Bewegung - auch am Sonntag, wenn erstmals in der mehr als 700-jährigen Geschichte von St. Nikolai sieben Glocken erklingen.

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erstellt am 27.Sep.2013 | 10:52 Uhr

Greifswald | Domküster Bernd Meinzer hat eine Lieblingsglocke. "Die Bet- und Professorenglocke passt am besten zu mir", sagt der korpulente 50-Jährige und streicht mit einem verschmitzten Lächeln über die mit vier Tonnen Gewicht schwerste Glocke im Greifswalder Dom St. Nikolai. Mit dem Schlagton des tiefen C habe die Glocke zudem den schönsten und eindringlichsten Klang. Experten sagen der 1440 gegossenen Bronzeglocke nach, eine der schönsten im Ostseeraum zu sein.

Das Seil muss der Domküster schon seit langem nicht mehr in Bewegung setzen, damit die Glocken in Schwingung geraten. Eine elektronische Steuerung bringt von der Küsterkammer aus das Geläut im Domturm in Bewegung - auch am Sonntag, wenn erstmals in der mehr als 700-jährigen Geschichte von St. Nikolai sieben Glocken erklingen. "Das ist ein Jahrhundertereignis", sagt Dompfarrer Matthias Gürtler. Aus Anlass der Premiere werden neben dem siebenstimmigen Geläut alle evangelischen und die katholische Kirche in der Hansestadt am Mittag für zehn Minuten die Glocken läuten. "Wie der Backstein die Architektur der Kirchenmauern formt, bilden die Glocken die Architektur für das Ohr", ist Dompfarrer Mathias Gürtler überzeugt.

In rund 17 Jahren haben Mitglieder der Domgemeinde, Bürger der Stadt und Denkmalinteressierte aus dem In- und Ausland rund 100 000 Euro gespendet. Mit dem Geld wurden im Greifswalder Dom drei historische Glocken restauriert und vier weitere Glocken gegossen. Für die Kirchgemeinde und Dompfarrer Gürtler, der 1996 nach Greifswald kam, anfangs nur ein kühner Traum, der sich über die Jahre aber als Gemeinsinn stiftendes Projekt erwies.

Neben der Bet- und Professorenglocke hingen Mitte der 1990-er Jahre drei weitere Glocken im Turm. Zwei von der Glockengießerei Schilling aus Apolda 1977 gegossene Glocken harmonierten aber nicht im Ton zur "Mutter der Glocken" und wurden verkauft. Zudem stellte sich heraus, dass die Hauptglocke wegen eines Risses nicht mehr geläutet werden durfte. Der Glockenbeauftragte Hans-Joachim Huse machte der Kirchgemeinde damals Mut: "Glocken finanzieren sich über Spenden." Die Schirmherrschaft über das Glockenprojekt übernahm Ministerpräsident Erwin Sellering.

In der Nordkirche haben nur wenige Kirchen ein siebenstimmiges oder noch größeres Geläut. In den Marienkirchen in Lübeck oder Rostock hängen beispielsweise sieben Glocken. In der Hauptkirche St. Jacobi in Hamburg sind es sogar neun. Nie zuvor erklangen jedoch im Greifswalder Dom sieben Glocken. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es fünf. War es Übermut, die Zahl der früheren Glocken übertrumpfen zu wollen? Das sei damals ein hehres Ziel gewesen, erinnert sich Gürtler an den Projektbeginn. "Aber die Kirchgemeinde hielt die symbolische Siebenzahl angemessen für einen Dom." Die Sieben steht für die Wochentage, die Summe aus drei und vier, die Trinität und die vier Elemente, quasi einer Verbindung von Himmel und Erde. Im Frühjahr 2013 wurde die Friedensglocke als letzte Glocke in die Glockenstube gezogen.

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