Star der Dudelsack-Szene : Sie steckt die Schotten in den Sack

Sie hat nicht nur viel Puste, sondern auch Humor: Pipemajor Anna Kummerlöw aus Kladrum.
Sie hat nicht nur viel Puste, sondern auch Humor: Pipemajor Anna Kummerlöw aus Kladrum.

Anna Kummerlöw ist Weltmeisterin am Dudelsack, heute steht sie mit André Rieu in Rostock auf der Bühne

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31. Januar 2018, 12:00 Uhr

Er hat mehr als 35 Millionen verkaufte Tonträger, über 400 Platinauszeichnungen und 2,7 Millionen Facebookfreunde: André Rieu. Wenn man Anna Kummerlöw aus Kladrum bei Schwerin fragt, ob sie aufgeregt ist, mit dem berühmten Violinisten heute Abend in der Stadthalle Rostock auf der Bühne zu stehen, muss sie nur grinsen: „Nö“, meint die 28-Jährige. „Das ist ein Konzert, wie jedes andere auch.“

In ihrem ersten Leben ist Anna Kummerlöw Lehrerin in Schwerin. An der Niels-Stensen-Schule unterrichtet sie Kinder in Englisch und Latein, vergibt Hausaufgaben und kontrolliert Klassenarbeiten. In ihrem zweiten Leben trägt sie Schottenrock. Anna Kummerlöw ist die beste Dudelsackspielerin Deutschlands und ein Star in der Szene. Im September holte sie den Weltmeistertitel im Solovortrag auf der sogenannten Pipe nach Mecklenburg-Vorpommern. Sie spielte vor der britischen Queen. Erst am Wochenende wurde sie beim größten Indoor-Wettbewerb für schottische Musik, dem Winterwettkampf der „Bagpipe Association of Germany“ , in Bremen Deutscher Meister.

„Dudelsack ist eine Lebenseinstellung“, sagt Kummerlöw, vor deren Haus zwei schottische Flaggen flattern. Ihre Bettwäsche ist kariert. Selbst die Salz- und Pfefferstreuer haben die Form von kleinen Dudelsackspielern. „Ich kenn das nicht anders. Meine Mutter hat noch gespielt, bis sie im siebten Monat mit mir schwanger war.“ Kummerlöws Eltern Heidi und Hans-Joachim spielten über Jahre in der Hamburger Scandinavian Seaways Pipeband. Ihre Tochter nahmen sie schon frühzeitig zu Proben und Auftritten mit. Mit zwölf Jahren dann wollte Anna Kummerlöw es selbst versuchen.

Ihr Vater brachte ihr alles bei, was er wusste. Dudelsack ist ein sehr anspruchsvolles Instrument. Neben der richtigen Fingerkoordination und Atemtechnik müssen die Spieler kräftig und ausdauernd auf den Luftsack, den sogenannten Chanter, drücken können, um einen gleichmäßigen Ton zu erzeugen. Ein altes schottisches Sprichwort lautet: Wer zehn Jahre Dudelsack spielt, hat sich davon sieben Jahre eingestimmt. „Wer täglich übt, kann auf einem großen Dudelsack nach einem Jahr ein einfaches Lied spielen“, sagt Kummerlöw.

Viele hätten nicht die Ausdauer. Von zehn Anfängern würde einer am Ball bleiben, schätzt Kummerlöw. Sie selbst übt noch heute täglich. Manchmal bis die Nachbarn die Polizei rufen. „Nur so kann ich meinen Standard halten“, sagt sie. Und ihr Standard ist hoch. Längst kann der 28-Jährigen in Deutschland niemand mehr etwas beibringen. Kummerlöws Lehrer kommt daher aus Schottland, der Heimat des Dudelsacks. Mit ihm übt sie regelmäßig per Video-konferenz. Vor Wettkämpfen besonders intensiv.

Mit Erfolg: Im September nahm sie beim Braemar Gathering, den bekanntesten Highland Games in Schottland, bei der Weltmeisterschaft im Dudelsackspielen teil. 30 Frauen und Männer in kurzen karierten Röcken kämpften mit ihr unter den Augen von Queen Elizabeth II. um den Titel. Acht Etüden von 15 Minuten Länge musste jeder lernen. „Es war kalt und super anstrengend“, erinnert sich die Musikerin. Dann das Ergebnis: „Anna Kummerlöw spielte die schönste Interpretation von Donald MacLeods Piobaireachd, die ich seit langer Zeit gehört habe“, adelte sie Juror Robert Walace und ergänzte: „und ich denke, die anderen Richter stimmen mir zu.“ Gold für Kummerlöw.

Mehr als 15  000 Zuschauer kamen laut Veranstalter zu den Highland Games nach Braemar. So viele wie nie zuvor. In Deutschland hält sich die Anhängerschaft des schottischen Tradionsinstruments in Grenzen. „Es ist schwer, Nachwuchs zu finden“, meint Kummerlöw. In Kladrum leitet sie den Dudelsack-Verein Clan MacLanborough, den ihr Vater 2001 gegründet hat. Die acht Mitglieder treffen sich regelmäßig, um zusammen zu trainieren. Gemeinsam treten sie bei verschiedenen Veranstaltungen auf. „Wer mitmachen will, kann uns einfach ansprechen. Wir stellen auch Leihinstrumente zur Verfügung“, sagt Kummerlöw.

Trotz ihrer Erfolge – mit ihrer Musik selbstständig will sich die Dudelsackspielerin nicht machen. „So kann ich mir die Konzerte aussuchen.“ Vielleicht bringe sie irgendwann eine CD heraus. Wenn sie nicht gerade auf Wettkämpfen ist, hat sie fast jedes Wochenende einen Auftritt. Unter anderem trat sie bereits bei der ZDF-Show „Willkommen bei Carmen Nebel“ auf. Auch mit dem britischen Entertainer Antony Ross stand sie schon auf der Bühne.

Heute Abend begleitet sie gemeinsam mit ihrer Dudelsack-Gruppe André Rieu. Drei Lieder werden sie spielen: Amazing Grace, Scotland the Brave und Highland Cathedral. Von Anspannung keine Spur. Vielleicht sollte man André Rieu fragen, ob er aufgeregt ist, mit Anna Kummerlöw auf der Bühne zu stehen.

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