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Stunt-Reiterin aus Mecklenburg : Sie liebt ihre Pferde - und die Gefahr

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Karina Vandersee-Müller hat sich schon so ziemlich alles gebrochen – Rippen, Finger und manchmal auch das Herz. Eine Teufelsreiterin mitten in Mecklenburgs Einöde. Ihre Leidenschaft ist die Show. Wir haben sie besucht.

svz.de von
erstellt am 03.Feb.2012 | 10:27 Uhr

Neu Poserin | Die Koppel liegt unter einer dichten Schneedecke. Am Zaun wehen ein paar Fahnen im Winterwind - eine amerikanische, eine kanadische, eine texanische. Wer den holprigen Weg Richtung Stallungen einschlägt, der taucht ein in eine fremde Welt - die Welt der Comanchen Ranch in Neu Poserin. Es ist die Welt einer Frau, die sich ein bisschen als Indianerin fühlt: Karina Vandersee-Müller. Sie steht vor einem Stall und arbeitet. "Hier gibt es immer viel zu tun", sagt sie, lacht und wirft mit der Heugabel Pferdemist auf einen Haufen.

Drei Hunde springen um ihre Beine herum, die in einer Reithose stecken. Die 35-Jährige liebt ihre Pferde. Und sie liebt die Gefahr. Ohne Adrenalin geht bei der Tierliebhaberin gar nichts. Das ist auch gut so, denn sie ist Stunt-Reiterin. Sie ist Kopf einer aus vier Reiterinnen bestehenden Truppe, die gemeinsam die einzige weibliche Trickreit-Gruppe Europas sind. Die vier reiten im Stehen, springen im Galopp vom Pferd, schießen vom Pferderücken aus mit Pfeilen in winzige Ziele. Ungefährlich ist das nicht. "Man kann jederzeit im Rollstuhl landen", sagt sie. Einmal wäre es fast soweit gewesen. Ein Sturz, drei gebrochene Rippen, gequetschte Lunge. Per Hubschrauber landete die Stuntfrau in einer Klinik.

Eine Teufelsreiterin mitten in Mecklenburgs Einöde. Lange hätte sich Vandersee-Müller das nicht vorstellen können. Doch das Schicksal führte sie immer wieder in die Heimat zurück. Nun ist sie gekommen, um zu bleiben. Danach sah es nicht immer aus. Reiten, das wollte sie zwar schon immer. Aber damit den Lebensunterhalt verdienen? "Meine Eltern haben gefragt: ,Geht’s noch?’", erinnert sich Vandersee-Müller und lacht. Um die Eltern zu beruhigen und die Zukunft auf solidere Füße zu stellen, ließ sie sich in einer Goldberger Apotheke zur pharmazeutisch-technischen Assistentin ausbilden. Doch mit der bürgerlichen Existenz war es so schnell wieder vorbei, wie sie angefangen hatte. Die Pferdenärrin lernte einen Mann kennen, der nicht nur aussah wie ein Indianer, sondern auch wie einer lebte: Mecklenburgs Berufsindianer Wolfgang Kring. Die beiden verliebten sich ineinander, arbeiteten zusammen. Ein Indianer und seine Squaw. Zusammen ritten sie in so mancher Show. "Doch mir war es zu wenig, nur eine Art Assistentin zu sein, ich wollte mehr", sagt Vandersee-Müller und ihre blauen Augen blitzen.

Doch mehr zu wollen, das ist in der Szene gar nicht so einfach. "Es ist eine ziemliche Männerdomäne und nicht leicht, sich durchzusetzen", sagt die Teilzeit-Indianerin. Mit einem anderen Indianer zog sie nach Neubrandenburg, arbeitete während der Saison in der Westernstadt Pullman City im Harz. Sieben Jahre lang, sieben von zwölf Monaten, drei Indianer-Shows am Tag. Am Ende war das zu viel für ihren Körper. Vor allem die Gelenke machten die starke Belastung nicht mehr mit. Fünfmal wurde ihr Knie operiert. "Sie werden keine Shows mehr reiten können", sagten die Ärzte in der Reha. Was die Medizinmänner nicht wussten: An den freien Wochenenden hatte ihre Patientin selbst während der Reha Auftritte. "Ich wollte einfach nicht aufgeben", sagt sie und ihr schwarzer Zopf wippt im Takt ihrer Worte. Indianerherz kennt keinen Schmerz, so heißt ein ziemlich schlechter Spruch. Aber in ihrem Fall trifft er zu.

Vor 15 Jahren kehrte die Stuntfrau zurück in ihre Heimat. In Neu Poserin gestaltete sie den Garten ihres Großelternhauses in eine kleine Ranch mit vier Pferdeboxen und einer Koppel um. Schnell wurde dieser Standort zu klein. Neue Heimat für ihre Pferde wurde die ehemalige Schäferei. Auf stolzen zwölf Hektar gibt es viel Platz für Pferde und Reiter. Denn längst hat Vandersee-Müller nicht mehr nur ein Standbein. Die 40 Pferde gehören nicht alle ihr, viele Tiere pflegt sie für deren Besitzer. Auch die Reitschule ist beliebt. "Jede Woche kommen insgesamt 60 Schüler", sagt sie. Die meisten sind Kinder aus der Region, aber es gibt auch eine Hausfrauen-Gruppe. Bald will sie außerdem Ponys an Touristen verleihen.

Doch allen alternativen Standbeinen zum Trotz: Die Leidenschaft der Reiterin bleibt die Show. "Eigentlich wollte ich mit 35 aufhören, aber solange der Körper einigermaßen mitmacht, mache ich weiter", sagt sie. Zwischen Mai und September sind bereits zwei bis drei Auftritte pro Monat gebucht. Im April geht es zu einer Pferdemesse nach Sinsheim, im Juli nach Stuttgart, im August in den Harz. Doch im Jahreskalender gibt es einen ganz persönlichen Höhepunkt: In Neu Poserin feiert sie am 13. Mai das dritte Ranchfest. Ein straffes Programm. "Ohne meinen Mann und meine Familie würde ich das nicht schaffen", sagt sie und lächelt. Na dann: Hals- und Beinbruch.

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