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Verkehr MV : Sie lenkt die Geschicke von 60 Bahnhöfen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Aileen Thomas hat zu Jahresbeginn das Bahnhofsmanagement in Schwerin übernommen. Für den Arbeitsweg sitzt sie selbst jeden Tag vier Stunden im Zug

Wenn Aileen Thomas aus dem Fenster ihres Büros im Schweriner Hauptbahnhof schaut, sieht sie auf den Bahnsteigen vieles, was sie selbst (mit-)entwickelt hat: Bevor die 35-Jährige zu Jahresbeginn das Bahnhofsmanagement in Schwerin und damit die Verantwortung für knapp 60 Bahnhöfe in Westmecklenburg übernommen hat, war sie nämlich in der zentralen Produktentwicklung bei der Bahntochter „DB Station und Service AG“ tätig, zuletzt als Teamleiterin. „Wir haben dort unter anderem für alle Bahnhöfe bundesweit das gesamte Mobiliar und das Wegeleitsystem entwickelt“, erzählt sie.

Sitzmöbel, Wetterschutzhäuser, Abfallbehälter – Aileen Thomas erlebt all das jetzt im Praxistest. Und das heißt auch, dass sie erleben muss, wie sich Vandalen am Bahnhofsmobiliar zu schaffen machen – nicht nur an dem direkt unter ihrem Fenster. „Deutschlandweit sind der Bahn allein im vergangenen Jahr durch Vandalismus Schäden in Höhe von 50 Millionen Euro entstanden“, weiß Thomas. Eine generelle Lösung für das Problem kennt auch sie nicht: „Auf Glas zum Beispiel bei den Wetterschutzhäuschen zu verzichten hieße zugleich auch, Vandalen oder anderen Kriminellen Deckung zu bieten und Pinkelecken zu provozieren“, nennt die Bahnhofsmanagerin nur ein Beispiel. Und gegen mehr Kameras in Bahnhöfen gebe es datenschutzrechtliche Bedenken.

Bei den sechs stillgelegten – Aileen Thomas spricht von „inaktiven“ – Bahnhöfen in ihrem Verantwortungsbereich setzt sie zum Schutz vor Vandalen darauf, alles, was sich abbauen lässt und keiner Zweckbindung unterliegt, tatsächlich abzubauen und an anderen Stationen einzusetzen. Allerdings, so erklärt sie, müsse die Infrastruktur eines stillgelegten Bahnhofs noch über Jahre vorgehalten werden – für den Fall, dass der Betrieb doch wieder aufgenommen werden soll. In Aileen Thomas’ Verantwortungsbereich, der von der Grenze zu Schleswig-Holstein bis über Wismar und Bad Kleinen hinaus reicht, beträfe das zum Beispiel den stillgelegten Teil der Südbahn.

Entscheidungen über den Bahnbetrieb fällt Aileen Thomas allerdings nicht. „Welche Züge im Regionalverkehr fahren, entscheidet und bestellt das Land“, stellt sie klar. „Die Bahnhofsmanager der DB Station & Service AG sind für sicheren Betrieb sowie Wartung und Instandhaltung der Bahnhöfe und Haltepunkte zuständig. Die DB Netz wiederum hat die Verkehrsinfrastruktur unter sich, also Gleise, Weichen, Signale…“ Mit anderen Worten: Dass Reinigung, Toiletten, die Vermietung der Geschäfte in den Bahnhöfen, aber auch Fahrstühle und Gepäckschließfächer funktionieren, dafür sind Aileen Thomas und ihr Bahnhofsteam verantwortlich. Für Verspätungen sind sie es – genau genommen – sehr selten. „Aber für den Kunden ist alles eine Bahn, sie unterscheiden da nicht“, weiß die junge Bahnhofsmanagerin. Deshalb antwortet sie auch auf Beschwerden über unpünktliche Züge, und zwar ehrlich: „Es hilft niemandem , wenn wir sagen, dass der Zug verspätet ist – das hat er ja selbst gemerkt. Der Kunde will wissen, warum das so ist. Und er hat ein Recht darauf, es zu erfahren.“ Schließlich seien es Steuergelder, aus denen der Bahnbetrieb finanziert wird. „Am Flughafen zum Beispiel ist das bei Verspätungen anders, da ist nicht der Staat verantwortlich“, meint Aileen Thomas.

Was, wann und wo kommuniziert werde, sei nicht nur für den Bahnbetrieb, sondern auch für die Kundenzufriedenheit ausschlaggebend, ist die Bahnhofsmanagerin überzeugt. Zum Beispiel bei den 2017 anstehenden Umbauarbeiten am Knotenpunkt Bad Kleinen. 80 Millionen Euro fließen insgesamt dorthin, allein zehn Millionen in die Station – in ihrer neuen Funktion wird das in absehbarer Zeit die größte Herausforderung für Aileen Thomas.

Wer sie in ihrem Beruf erlebt, glaubt kaum, dass die sportliche junge Frau Seiteneinsteigerin ist. Denn studiert hat sie Kommunikationsdesign. Damit wollte sie ihr Hobby zum Beruf machen, erzählt die gebürtige Rostockerin schmunzelnd: „Ich bin Bahnerkind, und meine Mutter hätte es gerne gesehen, wenn ich sofort in ihre Fußstapfen getreten wäre. Aber ich wollte unbedingt in die Designrichtung…“ Die Bilder in ihrem Schweriner Büro zeugen davon, dass sie auch dafür durchaus Talent hat: Das Motiv von Franz Marcs „Der Tiger“ hat sie – bereits kurz vor dem Abitur – in drei unterschiedlichen Stilen interpretiert. Heute allerdings bleibt Aileen Thomas für solche Arbeiten kaum mehr Zeit. Sie ist mittlerweile alleinerziehende Mutter einer zweieinhalbjährigen Tochter und pendelt täglich aus dem Berliner Speckgürtel zur Arbeit nach Schwerin – natürlich mit der Bahn. Die zwei mal zwei Stunden im Zug nutzt sie für Office-Arbeiten auf dem Laptop. „Wenn ich in Schwerin bin, habe ich dadurch Zeit für das reine Management.“ Das sei inzwischen anerkannt – und aus ihrer Sicht zudem sehr effektiv.

Nebeneffekt ist, dass die Bahnhofschefin einen Teil der von ihr verantworteten Stationen und auch den Service im Zug – die Strecke betreibt allerdings nicht die Deutsche Bahn, sondern die ODEG – täglich selbst erlebt. So kann sie auch viel besser einschätzen, ob Kundenbeschwerden gerechtfertigt sind – zum Beispiel über fehlende Barrierefreiheit von Bahnhöfen. „Wir betreiben Bahnhöfe, die zum Teil nur sieben Einsteiger pro Tag haben, für deren Umbau Fördermittel zu akquirieren, ist tatsächlich schwer“, erklärt sie. Erst ab 1000 Reisenden pro Tag sei Barrierefreiheit bei Um- oder Neubauten der Regelfall. „Ich hatte allerdings auch die Beschwerde einer Frau auf dem Tisch, die als Rollstuhlfahrerin in ihrem neuen Wohnort nicht mehr in den Zug kommt und einen Umbau fordert. Bei 21 Reisenden am Tag wird das leider nicht so bald passieren. Vielleicht hätte die Dame die nicht vorhandene Barrierefreiheit vor ihrem Umzug in Betracht ziehen müssen…“

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erstellt am 08.Mai.2016 | 08:45 Uhr

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